Werden aus fünf Jahren über 30?

zwangsarbeiterlager rudow_neubau clay-oberschule neuköllnNoch ist die rund 500 Quadratmeter große Wirtschaftsbaracke auf dem etwa vier Hektar großen Gelände des ehemaligen Zwangsar-beiterlagers Rudow I-III zwischen Köpenicker Straße und Neudecker Weg nicht zu über- sehen. In einigen Tagen wird sie abgeris- sen, um Platz für den Neubau der Clay- Oberschule zu machen. Die mit rund 1.100 Schülern und 100 Lehrkräften größte Ober- schule Neuköllns ist seit 1990 in einem inzwischen völlig maroden Containerbau am Bildhauerweg in Rudow untergebracht. Ursprünglich sollten die Container für nur fünf Jahre als Ausweichstandort dienen, nun werden es aller Voraussicht nach über grabungen zwangsarbeiterlager rudow_schüler-ag clay-schule neuköllndrei Jahrzehnte werden.

Für die Einrichtung eines Informations- und Gedenkortes auf dem Neubau-Areal haben Lehrer und Schüler bereits mit Unterstützung von Archäologen, Denkmalschützern sowie Stadtplanern umfangreiches Erinnerungs- material zusammengetragen. In den Jahren 1941 – 1945 waren bis zu 1.500 Menschen in drei zusammenhängenden Lagern in Rudow untergebracht: Vornehmlich Frauen aus Polen, Weißrussland und der Ukraine, die während des II. Weltkrieges gewaltsam aus ihrer Heimat deportiert wurden, um in den umliegenden kriegswichtigen Berliner Betrieben gegen ihren Willen zu arbeiten. Am vergangenen Freitag ließ sich die Schule auf ihrem geschichtsträchtigen Neubaugelände von der Presse beim Unterricht über die Schulter blicken. Die gelungene Probestunde wurde allerdings von einer Nachricht getrübt: Bezirks- stadträtin Dr. Franziska Giffey hatte nur drei Tage zuvor bei einem Ortstermin des Ausschusses für Bildung, Schule und Kultur erklärt, dass der Schulneubau am Neudecker Weg nicht 2019, sondern erst 2022 bezugsfertig sein wird – drei Jahre pascal pielorz_clay-schule neukölln_grabungen zwangsarbeiterlager rudowspäter als bisher erwartet!

„Wir beschäftigen uns heute mit dem Vermächtnis der Zwangsarbeiterzeit“, erklärt Lothar Semmel, der an der Clay-Oberschule die seltene Kombination von Geschichte, Politischer Weltkunde und Mathe- matik unterrichtet. Er steht mit seinem Leistungs- kurs Geschichte im Splittergraben am Südende des Lagers. Der Graben ist als Fundstelle beson- ders ergiebig, weil er nach Kriegsende mit Müll zugeschüttet wurde. Betreut von Archäologen des Grabungsbüros archaeofakt wurden hier schon shirley fiege_clay-schule neukölln_grabungen zwangsarbeiterlager rudowmehrere Schüler- gruppen ab der 9. Klasse während ihres Unterrichts mit Schaufel, Hacke, Spachtel und Handbesen in die archäologische Bestandsaufnahme eingeführt. An diesem Morgen hat Shirley Fiege (l.) einen wei- ßen Salben-Tiegel freigelegt; ihr Mitschüler Pascal Pielorz (r.) hat ein Fläschchen aus braunem Glas ausgegraben. Beide besuchen den Leistungskurs Geschichte der 13. Klasse und machen im Sommer Abitur. „Das geht auf die Arme und in die Beine“, bemerkt eine Schülerin über ihre Arbeit, die sie abwechselnd kniend, hockend oder sitzend am Boden verrichtet. Nur gut, dass sie ab und an ein Fundstück zur fachlichen Beurteilung für die Archäologen hat. „Das Schlimmste ist, die ganze Zeit zu schippen und nichts zu finden“, ist sie sich sicher.

Am zweiten, etwas südich vom Splittergraben gelegenen Lernort erläutert der Archäologe Matthias Antkowiak (r.), wie die ehemalige Wirtschaftsbaracke einst in neubau clay-schule neukölln_baracke zwangsarbeiterlager rudoweinfacher Fertigbauweise aus genormten Teilen errichtet wurde. „Die Baracke steht hier noch die letzte Woche“, schließt er seine Erklärungen ab. Zwei besonders markante Segmente mit Fenstern werden jedoch vor dem Abriss der Außenfassade entnommen, um später in den schulischen Gedenkort einbezogen zu werden. Die Wirtschafts- baracke war als einziges Lagergebäude unterkellert. Die Firma Eternit, der das Ge- lände gehörte, richtete nach 1950 in der Baracke ein Labor ein. Noch in den 1970er Jahren wurden dort Versuche und Prüfungen mit Farben und Beton gemacht. Weil das Gebäude mit zur Feuersicherung eingebrachtem Spritzasbest hochgradig kontaminiert war, musste es vor dem Abriss vollständig in Plastikplanen gehüllt und aufwändig wirtschaftsbaracke zwangsarbeiterlager rudow_clay-schule neuköllndekontaminiert werden. Aus Sicht des Denkmalschutzes kann das Gebäude nun, nach dem es vollständig dokumentiert ist, abgerissen werden, weil es an sich nicht erhaltenswert ist. Der Leistungskurs Ge- schichte darf an diesem Freitagvormittag – vielleicht als letzte Gruppe – die Baracke noch einmal von innen besichtigen.

Am Ende kommt die Schock-Meldung vom vergangenen Dienstag dann aber doch zur Sprache: „Die Mitteilung der Bauver- zögerung erfüllt mich mit erheblicher Empörung“, sagt Lehrer Lothar Semmel, der zugleich Vize-Schulleiter sowie Leiter des schulischen Bau-Ausschusses der Clay- Oberschule ist. „Wir wollen das nicht hinnehmen“, gibt er lapidar die Stimmung in der screenshot website clay-schule neuköllnSchule wieder. Auf der Webseite ist die Zusage fehlender Investi- tionsmittel, die Bildungssenatorin Sandra Scheeres der Schulleitung im Herbst 2013 gab, immer noch dokumentiert. Damals hieß es unmissverständlich, der Neubau- maßnahme stehe nun nichts mehr im Wege und die Freigabe der Bauplanungs- unterlagen stünde unmittelbar bevor.

Auch in der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ist das Thema bereits angekommen. Die SPD bittet mit der Großen Anfrage „Archäologische Grabungen auf dem Gelände der zukünftigen Clay-Oberschule“ um Informationen über den Status quo. Darüber hinaus verlangt die Fraktion der Grünen ebenfalls mit einer Großen Anfrage („Neuköllner Schulbauten außer Kontrolle?“) Auskunft über die Ursachen, die zur erneuten Verzögerung des Schulneubaues der Clay-Schule geführt haben. rathaus-turm neuköllnJochen Biedermann, Mitglied der Grünen im BVV- Schulausschuss, beantragte zusätzlich Aktenein- sicht beim Hochbauamt, das Bezirksbürgermeister Buschkowsky untersteht, sowie bei der Abteilung Bildung, die von Bezirksstadträtin Dr. Giffey geführt wird. Hintergrund für letzteres ist, dass Biedermann im Internet auf eine mit 22.08.2014 datierte Aus- schreibung für den Schulneubau in Rudow stieß. „Mir ist völlig unverständlich, wie eine Ausschreibung mit Datum vom 22.08.2014 veröffentlicht werden kann, die den Baubeginn mit Mitte 2018 benennt, ohne dass Bezirksbürgermeister Buschkowsky und Bezirksstadträtin Dr. Giffey als Zuständige davon wussten“, bemerkt er verwundert.

Die nächste BVV-Sitzung verspricht also spannend zu werden: Sie beginnt am kommenden Mittwoch um 17 Uhr im Rathaus Neukölln; der Tagesordnungpunkt zur Clay-Oberschule wird voraussichtlich nicht vor 18 Uhr aufgerufen.

=Christian Kölling=