„Die Wut ist Yehyas Antrieb, sie weckt das Bedürfnis nach der Droge, die Kriminalität ist sein Heroin“

christian stahl_in den gangs von neukölln_hoffmann&campeHätte, hätte, Fahrradkette: Hätte Christian Stahl nicht vor neun Jahren auf der Treppe zu seiner neuen Wohnung den Jungen Yehya E. getrof- fen, der ihm anbot, einen Kasten Bier hinauf zu tragen, dann wäre das Buch „In den Gangs von Neukölln“ nie entstanden. Der Journalist, Filmemacher und Autor hatte damals auf die Schnelle eine neue, schöne Bleibe gesucht und in der Neuköllner Sonnenallee eine zu einer preiswerten Miete gefunden. In eben dem Haus, in dem der seinerzeit 14-jährige Yehya E. schon seit Jahren mit seiner Familie, die aus dem Libanon stammt, lebte.

Nur kurze Zeit nach der ersten Begegnung fand Christian Stahl aber durch einen Zufall heraus, dass Yehya nicht nur der hilfsbereite, freundliche Nachbarsjunge war, sondern auch „Locke, der Boss“, der berüchtigte Anführer einer Gang der Sonnenallee. Ebenfalls erfuhr er, dass der Jugendliche schon als Siebenjähriger das erste kriminelle Delikt verübt hatte und auf eine lange Liste von Straftaten zurück- blicken konnte. Stahl freundete sich dennoch – fasziniert von den verschiedenen Facetten der Persönlichkeit von Yehya – mit ihm an. So bekam er auch Kontakt zu der Familie, erfuhr deren Schicksal und erhielt einen Einblick in das Leben von paläs- tinensischen Flüchtlingen in Berlin-Neukölln.

Im Buch erzählt Stahl von seinen Begegnungen mit Yehya. Gleichfalls schildert er, wie er auf freundschaftlicher Ebene versuchte auf die kriminellen Handlungen des Jugendlichen einzuwirken. Und er fand Gehör bei ihm, vielleicht auch gerade wegen des Umstands, dass es einmal kein Bewährungshelfer, Psychologe oder sonstiger professioneller Helfer war, der ihn auf den richtigen Weg bringen wollte, sondern ein kameradschaftlicher Ratgeber. Eine Kartoffel, wie Deutsche von Arabern in der Sonnenallee genannt werden. Stahl stellt Yehya Fragen, die ihm so noch nie zuvor in seinem Leben gestellt worden waren. Er gab ihm einen Schreibblock, auf dem Yehya in den gangs von neukölln_christian stahl_hoffmann&campeseine Gedanken notieren sollte. Wie sehr diese simple Methode alte Denkmuster beeinflusst, wird bei der Lektüre des Buches deutlich. Vom kriminellen Tun kann sie Yehya E. letztendlich jedoch nicht abhalten. Dafür müsste er wohl auch sein Lebensumfeld, mithin seine Wohnsituation, drastisch än- dern – das aber wird durch seinen Aufent- haltsstatus und die Residenzpflicht verhin- dert.

2011 erschien Christian Stahls 89-minütiger Dokumentarfilm „Gangsterläufer“, der sich mit Yehyas Leben beschäftigt und mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Es folgte eine Zeit, in der Yehya bemüht war, einen Weg ohne Kriminalität zu gehen: Er holte den erweiterten Hauptschulabschluss nach und hatte sogar den Plan, das Abitur zu machen. Yehya habe die intellektuellen Fähigkeiten dazu, ist auch Stahl überzeugt, der außerdem zusammen mit ihm ein Buch verfassen wollte. In diesem sollte um die Wandlung vom kriminellen Intensivstraftäter hin zu einem Menschen gehen, der in der bür- gerlichen Welt Fuß gefasst hat und dort mit seinen Fähigkeiten Karriere macht. Doch: 2013 wurde der inzwischen 23-Jährige wegen mehrerer Bandenüberfällen verhaftet und als Anführer der Gang zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Christian Stahl macht keinen Hehl daraus, wie wütend er auf Yehya ist. Doch er brach den Kontakt zu ihm nicht ab, sondern besuchte ihn im Gefängnis und schrieb im Frühjahr 2014 innerhalb drei Monaten ein völlig neues Buch: „In den Gangs von Neukölln“, das inhaltsverzeichnis_in den gangs von neukölln_hoffmann&campeMitte September beim Verlag Hoffmann & Campe erschienen ist.

Den Vorwurf, mit dem reißerischen Titel den Verkauf steigern zu wollen, kennt Christian Stahl nur zu gut. „Ich wollte den Titel ausdrücklich“, erklärte er, „weil das kriminelle Lebensumfeld von Yehya, eben die Gangs von Neukölln, ein entscheidender Grund dafür sind, dass er den Ausstieg aus der Kriminalitätsspirale nicht geschafft hat.“

Auch auf die deutschen Gesetze geht Stahl in seinem sehr lesenswerten, 245-seitigen Buch ein. Yehya E., der gerade einmal vier Wochen alt war, als er zusammen mit seiner Familie aus dem Libanon nach Deutschland gelangte, hat bis heute keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus, sein Vater ist nach wie vor mit einem Arbeitsverbot belegt. Dass über diese Gesetze, die eine Integration erschweren, ja, zum Teil zunichte machen, politisch heiß diskutiert wird, sei allerhöchste Zeit.

Die Buchpremiere war Ende September im Heimathafen Neukölln. Bei der zweiten Lesung, in der Tucholsky Buchhandlung in Mitte, bei der ich anwesend war, fand die Lesung in szenischer Form statt. Christian Stahl las – zusammen mit Helmut Kuhn – aus seinem Buch vor, erzählte aber auch frei von seinen Begegnungen mit Yehya und ließ diesen in kurzen Videoeinblendungen selber zu Wort kommen.

=Reinhold Steinle=