1914/18: Ausstellung erinnert an Neukölln im 1. Weltkrieg

straßenschild lilienthalstraße neuköllnDie vom Südstern abgehende Lilienthalstraße werden viele Kreuzberg zuschreiben. Doch die östliche Straßenseite befindet sich noch in den Bezirksgrenzen von Neukölln – und so auch der friedhof lilienthalstraße_neuköllndort gelegene Friedhof. In der Ehrenhalle auf dem Friedhofsge- lände wurde vorgestern eine eindrucksvolle Aus- stellung des mobilen Museums Neukölln zum Thema „1914/18 – Neukölln im Ersten Weltkrieg“ eröffnet. Unter den etwa 150 Gästen der Vernissage waren auch viele Jugendliche von zwei Neuköllner Schulen und einer feierhalle_friedhof lilienthalstraße neuköllnSchule im polnischen Wroclaw (Breslau).

Dr. Udo Gößwald, Leiter des Museum Neuköllns, führte nach seiner Begrüßung kurz ins Thema ein, um danach an Lucyna Jachymiak-Kroli- kowska vom Nike e. V. über zu leiten. Der Verein ist ein 2001 gegründeter Unternehmerinnen- verband, in dem sich Frauen mit polnischer Herkunft engagieren. Die Vereinsvorsitzende wies darauf hin, dass der seit Jahren stillgelegte Friedhof durch den Nike e. V. in eine Kultur- und Kunststätte namens Lilienkulturgarten umgewandelt werden soll. Schon jetzt arbeiten Künstler in den Räumen, die früher von den Friedhofsgärtnern benutzt vernissage_neukölln im 1. weltkrieg_friedhof lilienthalstrwurden, berichtete Jachymiak-Krolikowska.

Anschließend hielt Dr. Franziska Giffey  eine dem Ausstellungsort und Thema angemes- sene und auch nachdenklich stimmende Rede. Die Bezirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport führte aus, dass die Ehrenhalle in der Zeit des Nationalsozialismus von 1938 bis 1941 errichtet wurde. Rund 4.900 Tote haben auf dem Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden. „Trotz 17 Millionen Toter“, merkte Giffey an, „ist der 1. Weltkrieg lange Zeit kein Thema gewesen, weder in der Schule noch in der Öffentlichkeit.“ Zu sehr habe dieser Krieg unter dem Eindruck der Katastrophe des 2. Weltkriegs gestanden. Dabei wurden zwischen 1914 und 1918 ein Drittel aller erwachsenen männlichen Neuköllner eingezogen, mithin 45.000 Männer, von denen circa 6.600 umkamen. In der von Sozialdemokratie geprägten Neuköllner Arbeiterschaft sei die Kriegsbegeisterung bei Ausbruch des Krieges nicht so hoch wie in bürgerlichen Kreisen gewesen, wusste die Stadträtin zu berichten. Sie erinnerte aber auch daran, dass ausstellung_neukölln im 1. weltkrieg_friedhof lilienthalstrsich das  Militär seinerzeit im Blickfeld der Bevöl- kerung befand: Es gab Schießanlagen in der Hasenheide, Kasernen am Treptower Park und Garnisonen am Tempelhofer Feld. „Und die Kinder spielten mit Zinnsoldaten oder U-Boot-Modellen. Kriegsspielzeug war da- mals normal.“

Im Vorfeld der Ausstellung waren die Neuköllner aufgerufen worden, dem Mobilen Museum Neukölln persönliche Erinnerungsstücke ihrer Vorfahren als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Mit einer Feldflasche, einem Kriegstagebuch, einer Schnupftabakdose und einem englischen Horn wurden vier der 40 überlassenen Gegenstände als Exponate ausgewählt. Sie erinnerungsstücke_neukölln im 1. weltkrieg_friedhof lilienthalstrergänzen die Schautafeln, die mit Doku- menten, Bildern und Texten die Kriegszeit näherbringen.

Am Ende ihrer Rede stellte Franziska Giffey noch einen Bezug zum heutigen Kriegs-geschehen in Syrien, in der Ukraine und zu anderen Konfliktherden in der Welt her, das viele Neuköllner Schüler sehr persönlich betrifft. Die Erinnerung an den 1. Weltkrieg sei nötig, aber sie verstehe auch, räumte die Stadträtin ein, dass der Blick mehr auf gegenwärtige Kriege gerichtet ist, besonders wenn durch das Herkunftsland ein ausstellung_neukoelln im 1. weltkrieg_friedhof lilienthalstrpersönlicher Bezug besteht.

Nach diesen Reden gestalteten Schülerinnen und Schüler des Albert-Einstein-Gymnasiums in Britz, der Evangelischen Schule Neukölln und des Liceum Ogolnokstalcace in Wroclaw das weitere Vernissage-Programm. Sie hatten sich zuvor im Unterricht intensiv mit dem 1. Weltkrieg auseinandergesetzt. Einzelschick- sale von Soldaten und Lebensläufe wurden aus der deutschen, der französischen, der italienischen und der polnischen Perspektive von den Jugendlichen vorgelesen. Dass auch hier durchaus noch persönliche Verbindungen möglich sind, machten eine Schülerin und ein Schüler deutlich: Sie erzählte von ihrem französischen Urgroßvater und er – vor dessen Bild stehend – von seinem pol- nischen Ur-Opa, der im 1. Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte.

Die Ausstellung „1914/18 – Neukölln im Ersten Weltkrieg“ wird noch bis zum 10. November in der Ehrenhalle des Friedhofs Lilienthalstraße gezeigt. Öffnungszeiten: Mi. – So. 11 – 17 Uhr; Eintritt frei.  Zur Ausstellung ist ein kostenloses Begleitheft erschienen.
Am 12. und 26. Oktober führt Henning Holsten, Historiker und Kurator des Mobilen Museums Neukölln, von 14 bis 16 Uhr durch die Ausstellung. Teilnahme: 8 Euro/erm. 5 Euro; Anmeldung: Tel. 030 – 627 27 77 16

=Reinhold Steinle=