„Was würde mit den Gebäuden passieren, wenn wir nicht hier wären?“

kitfox experimental_kindl-zentrum neuköllnIst das Kunst oder kann das weg? Im Falle der Installation „Kitfox Experimen- tal“, mit der letzten Sonnabend in Neu- kölln das KINDL – Zentrum für zeitgenös- sische Kunst eröffnet wurde, können beide Teile dieser Frage bejaht werden. Man müsse nur den Motor einbauen, um mit der Maschine wieder fliegen zu können, versicherte Roman Signer bei der Pressekonferenz am Vortag der Ver- nissage. Und der Schweizer Künstler hat auch schon eine Idee, wo die Kitfox mit ihm an Bord starten sollte, wenn das Intermezzo als Kunstwerk im Juni nächsten Jahres vorbei ist: „Ich würde gerne mit ihr in Tempelhof abfliegen.“ Schließlich ist das – wenn kitfox experimental_roman signer_kindl-zentrum neuköllnauch seit Jahren aus dem Verkehr gezogene – Flugfeld gerade mal einen Kilometer entfernt. Dennoch ist unwahrscheinlich, dass sich Sig- ners Wunsch erfüllt. Sicher sei aber, sagte KINDL-Kurator Andreas Fiedler, dass die Kitfox, die extra für die Ausstellung angeschafft wurde, wieder verkauft werde.

Eine Installation mit einem Flugzeug kreieren zu wollen, war Roman Signers erste Eingebung nach der Anfrage, die Eröffnungsausstellung im 20 Meter hohen Kesselhaus zu bestreiten. „Er ist einer der innovativsten Künstler unserer Zeit“, lobte Fiedler seinen Landsmann. Ebenfalls in der Schweiz, in Luzern, fand man schließlich das geeigneteste Modell: Ihm sei es wichtig gewesen, mit einem realen Objekt zu arbeiten, betonte Signer. kitfox experimental_kindl-zentrum berlin-neuköllnEine Flugzeug-At- trappe wollte der 76-Jährige auf keinen Fall – obwohl (oder weil?) er mit der viele Hürden nicht gehabt hätte, die es so zu bewältigen galt. Zuerst der Transport von Luzern nach Neukölln, für den dem 200 Kilogramm-Sport- flugzeug die Flügel abmontiert wurden, um es auf einen Anhänger verladen zu können. Sie hätten absolut nicht einschätzen können, wie man an der Zollstelle Schaffhausen/Singen auf die ungewöhnliche Fracht rea- gieren würde, ob es dort Probleme geben würde. Mit vielem hatten Signer und Fiedler gerechnet, nur damit nicht, dass der Zöllner es bei der Bemerkung „Was habt ihr roman signer_kitfox experimental_kindl-zentrum neuköllndenn da für ein geiles Ding?“ belassen würde.

Richtig haarig wurde es dann aber, als die Kitfox in Neukölln angekommen, durch die Hintertür ins Kes- selhaus bugsiert und wieder zusammengebaut war. „Es gab“, so Roman Signer, „massive statische Probleme beim Hängen. Daher bin ich sehr glück- lich, dass es jetzt so selbstverständlich aussieht.“ Kopfüber baumelt die Maschine in der Mittelachse der mächtigen Halle von der Decke, zwei lärmende andreas fiedler_roman signer_kindl-zentrum neuköllnVentilatoren lassen sie in vier Metern Hö- he rotieren und näh- ren die Illusion, dass der Flieger trudelnd dem Boden entgegenrast. „Weil die Installation auch diese existenziell bedrohliche Ebene hat, haben einige Leute Angst, sich direkt darunter zu stellen“, hat Roman Signer (r.) erfahren können. Andere wiederum bringe sie zum Sinnieren über Erinnerungen an erste Flüge, Urlaubsreisen oder auch die Nähe zur Fliegerei, die der Flughafen Tempelhof bot, als er noch einer war. Nichts lenkt im Kesselhaus von Signers Kunstwerk und seiner Funktion als Projektionsfläche ab. Und so wird es auch bei künftigen Ausstellungen sein.

„Hier zeigen wir immer nur eine einzige Arbeit, die – wie die von Roman Signer – eine Antwort auf die Frage des Raums gibt“, involvierte Andreas Fiedler in das Konzept des

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andreas fiedler_kindl-zentrum berlin-neuköllnKINDL-Kesselhauses. Ebenso bewusst habe man sich dafür entschieden, die Halle nicht zu luxussanieren, sondern stattdessen weitgehend im Originalzustand zu belassen: „Nur der Boden wurde hier erneuert.“

Es ist zu befürchten, dass andernfalls auch der Zeitplan für das Vorhaben, aus dem einstigen Brauerei-Standort an der Werbellinstraße ein Kunst-Zentrum zu machen, noch weiter ins Schlingern gekommen wäre. „Eigentlich sudhaus__kindl-zentrum berlin-neuköllnhatten wir ja vor, alle Gebäudeteile miteinander zu eröffnen“, musste Fied- ler (l.) zugeben, „aber die Umbau- arbeiten waren doch schwieriger und komplexer als gedacht, und deshalb konnte nun erst mal nur das Kesselhaus eröffnet werden.“ Das Sud- haus (r.), in das ein Café einzieht, soll so bald wie baustelle_kindl-zentrum berlin-neuköllnmöglich fertiggestellt sein. „Ich hoffe, es klappt noch in diesem Jahr“, äußerte der Kurator vorsichtig. Für 2015 sei dann auch die Eröffnung des Maschinenhauses geplant, in dem auf 1.200 Quadratmetern, verteilt über drei Etagen, immer drei Ausstellungen internationaler turmeingang_kindl-zentrum berlin-neuköllnGegenwartskunst parallel ge- zeigt werden sollen. Schon im Frühjahr 2015 rechne man damit, so Andreas Fiedler, die Arbeiten am siebengeschossigen Turm (l.) abgeschlossen zu haben: „In ihm bringen wir Ateliers für Artists in Residence und ein Fotolabor unter.“ Zukunftsmusik ist auch noch der kindl-schildBiergarten auf dem Vorplatz des Backstein-Gebäudekomplexes.

Rund 6 Millionen Euro, heißt es, haben Salome Grisard und Burkhard Varnholt bisher in das Projekt gesteckt. „Sie leben zwar in Köln, haben aber auch eine Wohnung in Berlin und sind deshalb oft hier“, erklärte der Kurator das Engagement der KINDL-Eigentümer. 2011 kaufte das schweizerisch-deutsche Ehepaar, das lieber im Hintergrund bleiben wolle, das Ensemble auf dem Rollberg. „Schon lange bevor wir uns das Gebäude der ehemaligen Kindl-Brauerei zum ersten Mal besichtigt haben, hat es uns besonders auch Neukölln als Bezirk angetan“, teilte Burkhard Varnholt in den Medieninfos zur Pressekonferenz mit. Sie seien fest überzeugt und bestrebt, so der KINDL-Gründer weiter, dass hier ein lebendiger und spannender Ort im kulturellen Leben von eingang kindl-kesselhaus_berlin-neuköllnNeukölln entstehe.

„Natürlich sind wir am Veränderungs-prozess, der hier stattfindet, nicht unbe- teiligt. Genau deshalb ist es uns aber die Auseinandersetzung mit dem Thema umso wichtiger“, versucht Andreas Fied- ler, Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und dazu, bemerkte er, gehöre es auch, die wohl zentralste Frage zu stellen: „Was würde mit den Gebäuden passieren, wenn wir nicht hier wären?“ Mit dem Immobilienprojekt, das auf der Baustelle nebenan hochgezogen wird, habe das KINDL übrigens reinweg nichts zu tun, bemerkte der Kurator schließlich noch in angesäuertem Tonfall – aus gutem Grund: Die Firma Ziegert, die noch einige Wohnungen ihres Objekts 12053 zu verkaufen hat, hatte ihre Kunden und potenziellen Interessenten zur Eröffnung des Kesselhauses eingeladen. „Das Perfide ist“, echauf- fierte sich Fiedler, „dass durch die Form der Einladung der Eindruck entstehen musste, dass alles zusammengehört. Aber so ist es nicht!“

Roman Signers Installation „Kitfox Experimental“ im KINDL-Kesselhaus (Am Sudhaus 3) ist donnerstags und freitags von 14 bis 18 Uhr und samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr zu besichtigen; Eintritt frei.

=ensa=

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