Jeder vierte Neuköllner gehört zur Generation 60plus

tanzgruppe algria_interkultureller seniorentag neuköllnNeukölln wirkt heute jung und bunt, nicht mehr – wie vor dem Jahr 1989 – alt und grau: Doch rund 72.000 der über 311.000 Neuköllner sind gegenwärtig über 60 Jahre alt.

Die reichlich mit Materialien beladenen Infor-mationsstände beim 3. Interkulturellen bernd szczepanski_interkultureller seniorentag neuköllnSe- niorentag, die Wohl- fahrtsverbände, Ver- eine, gemeinnützi- ge Organisationen, Selbsthilfegruppen, Deutsche Rentenversicherung und die Polizei letzten Mittwoch auf dem Alfred-Scholz-Platz auf- gebaut hatten, fanden vielleicht auch deshalb einiges Interesse der Fachöffentlichkeit. Sogar Gäste vom Senio- renrat aus Wetzlar, der hessischen Partnerstadt Neuköllns, konnte Sozialstadtrat Bernd Szczepanski (l.) begrüßen, als er im Beisein der Staatssekretärin für Frauen, Barbara Loth, die Veranstaltung er- öffnete. Trotz kulturellem Begleitprogramm – u.a. mit einer Aufführung der Tanz- guppe Alegria, benannt nach dem spanischen Wort für Glück – und breitem Themenspektrum: So richtig voll wurde es auf dem ehemaligen Platz der Stadt Hof leider nie, der erhoffte interkultureller seniorentag neuköllngroße Publikums- andrang blieb aus.

„Ältere Menschen wollen so lange wie möglich selbstständig zu Hause leben und gesund bleiben“, fasste Staatssekre- tärin Loth (M.) kurz die Erwartungen der Seniorinnen und Senioren zusammen. Doch häufig wüssten Senioren nicht, was ihnen gut tut. Bewegung – auch im Geist- sowie richtige Ernährung und Entspan- nung, die beispielsweise beim Musik- hören zu finden sei, würden oft vernachlässigt. Die Beratungsangebote für Menschen über 60 Jahren müssten sich daher an ihrem Bedarf und an den tatsächlichen Lebenslagen orientieren. Barbara Loth, die die Schirmherrschaft der Veranstaltung übernommen hatte, erklärte: „Gerade für ältere Menschen mit Migrationsgeschichte gibt es bei altersgerechten Angeboten großen Nachholbedarf.“ Candan Ögütcü von der navitas gGmbH, Kooperations- partner des Bezirksamtes bei der Ausrichtung des Seniorentages, mahnte in seiner Rede wirksame Maßnahmen gegen die zunehmende Altersarmut an. Auch forderte er dazu auf, die Bedürfnisse zugewanderter Senioren besser zu berücksichtigen: „Wir brauchen für die Seniorenbetreuung in allen Bereichen mehr Menschen, die eine Brückenfunktion zwischen den Kulturen und Sprachen übernehmen können.“ Wie Staatssekretärin Loth forderte auch er eine weitere Öffnung der Verwaltung, damit mehr Menschen aus helga schulz_werner eichholz_interkultureller seniorentag neuköllnMigrantenfamilien im öffentlichen Dienst Arbeit finden können.

Eine Möglichkeit, um Lebenserfahrungen mit anderen Menschen zu teilen, sowie Veränderungsprozesse anzuregen und zu begleiten, die auch künftigen Genera-tionen Älterer zugute kommen, kann die Mitarbeit in der Neuköllner Seniorenver- tretung sein, wie Helga Schulz und Werner Eichholz, Vorsitzende der Senio- renvertretung Neukölln, an ihrem Stand berichteten. Die bezirklichen Seniorenver- tretungen sind unabhängig, parteipolitisch neutral und konfessionell nicht gebunden. Sie bestehen aus mindestens 13 bis höchstens 17 ehrenamtlichen Mitgliedern. Das Bezirksamt ruft zwei Monate vor den Wahlen zur Bezirksverordnetenversammlung (BVV) öffentlich dazu auf, Berufungsvorschläge zu machen, wer Mitglied der bezirklichen Seniorenvertretung werden soll. Die Mitglieder der Seniorenvertretung werden letztlich von dem, der im Bezirksamt für Senioren zuständig ist, berufen. Bemerkenswert aber ist: Alle Personen über 60 Jahren, die im Bezirk gemeldet sind können unabhängig von ihrem Pass an den Wahlen für die Vorschlagsliste teilnehmen und selbst kandidieren! Wer alles ganz genau nachlesen möchte, wird im §4 des Berliner Seniorenmitwirkungssetzes fündig. Hier ist u. a. festgeschrieben, dass die Mitglieder der Seniorenvertretung Rederecht in den Ausschüssen der BVV haben. So können sie ihre Aufgabe als Mittler zwischen den älteren Bürgern, dem Bezirksamt sowie anderen Behörden, gleichstellungsbüro_interkultureller seniorentag neuköllnInstitutionen und Einrichtungen wahr- nehmen.

Einen Eindruck von den künftigen Herausforderungen der Seniorenpolitik gab es schräg gegenüber am Stand der Geschäftsstelle Gleichstellung, die bei der Senatsverwaltung für Arbeit, Inte- gration und Frauen angesiedelt ist. Armutsfeste Alterssicherung für Frauen und Männer, gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben aller Menschen in vieler Hinsicht werden ebenso die neuen Herausforderungen der künftigen Seniorenpolitik sein, wie faire Zugangsmög- lichkeiten für Migranten in Kita, Schule, Gesundheitswesen Politik und Verwaltung. Es gibt also gute Gründe, um Lebenserfahrungen einzubringen und sich in die Politik einzumischen. Sozialstadtrat Bernd Szczepanski sagte am Rande des Senioren- tages: „Ich würde mich sehr freuen, wenn mehr ältere Menschen mit Zuwande- rungsgeschichte für die Wahl zur Neuköllner Seniorenvertretung kandidieren.“

=Christian Kölling=