Viele Fragen, noch mehr Antworten

sarglager_markaz islamische bestattungen_neuköllnRund 10.000 Interessierte besuchten am letzten Wochenende bei der 3. Langen Nacht der Reli- gionen die 97 Veranstaltungsorte. Das Bestat-tungsunternehmen von  Isikali Karayel in Neu- kölln war einer davon, und für manche der etwa 30 Gäste die erste Adresse ihres religiösen Abendprogramms. Es passe ihnen gut, dass die markaz islamische bestattungen_neuköllnNacht hier schon am Nachmittag stattfin- det, bekannte ein Ehepaar aus Tegel schmunzelnd, denn sie hätten noch viel vor. Über den Islam wüssten sie recht wenig – und über muslimische Bestattungszeremonien noch weniger. Mohammed Herzog (r.) von der Islamischen Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime Berlin (IGDMB) und Isikali Karayel (l.), der 2013 in der Silbersteinstraße die Firma Markaz gründete, die auf isikali karayel_mohammed herzog_markaz islamische bestattungen_neuköllnislamische Bestattungen spezialisiert ist, hatten sich vorgenommen, das mit einem kulturübergreifenden Dialog unter dem Motto „Gewagt – individuell Abschied nehmen“ zu ändern.

„Was mich immer wieder erschreckt, ist, wie wenig selbst viele Muslime über ihre eigene Religion wissen“, gab der Bestatter noch vor Beginn des Vortrags zu bedenken. So ging es auch Mohammed Herzog, als der noch Hartmut hieß und evangelischer Pfarrer in der Weddinger Versöhnungsgemeinde war. „In der Bibel steht so vieles, was ich bis heute nicht verstehe und was mir auch keiner plausibel erklären kann“, beschreibt er den ersten Impuls, der in den 1970er Jahren dazu führte, sich eingehender mit dem Islam zu koran_markaz islamische bestattungen_neuköllnbeschäftigen. Einen weiteren hätten musli- mische Jugendliche gegeben, die bei Ge- sprächen über den Glauben häufig mit „Hart- mut, dett steht bei uns auch!“ reagierten. „Daraufhin“, so Dr. Herzog, „hab ich mir in einer Buchhandlung einen Koran gekauft.“ Dass es den schon damals, vor 40 Jahren, überhaupt in deutscher Sprache gab, sei die erste Überraschung gewesen, folgenreicher war jedoch die nächste: „Was ich im Koran las, war etwas, woran ich glauben konnte.“ In Jordanien legte er schließlich 1979 die zu den fünf Säulen des Islam gehörende Schahada ab und konvertierte damit. mohammed herzog_isikali karayel_markaz islamische bestattungen_neukölln„Geborene Muslime, das muss man ja auch ganz klar sagen, gibt es nämlich gar nicht“, betont der heute 74-Jährige, der längst Hodscha bzw. Imam ist, die IGDMB gründete und vor vielen Jahren als erster islamischer Geistlicher bei einem christ- lich geprägten Berliner Beerdigungs- institut islamische Bestattungen durch- führte. „Dass die gar nicht wissen, welche Rituale bei unserer Religion dazugehören, versammlungsraum_markaz islamische bestattungen_neuköllnkommt auch heute noch oft vor. Deshalb müssen sie sich Hilfe holen, um Aufträge nicht zu verlieren.“

Das Bedürfnis des damals noch als Ahorn-Grieneisen AG firmierenden Berliner Beerdigungsunternehmens, den Geschäftsspektrum durch eigenes kompetentes Personal zu verstärken, war es auch, das Isikali Karayel in die Branche brachte: Der gebürtige Hannoveraner stieg nach Abschluss seines BWL-Studium als Vertriebsmitarbeiter in den muslimischen Bereich der Bestattungsfirma ein, wurde 2008 sogar deren Geschäftsführer und entschied sich dann aber für die Selbstständigkeit.

„Vorbilder, wie ich ohne großen finanziellen Aufwand einen eigenen Betrieb gründe und aus dem viel raushole, hätte ich einige haben können“, sagt der 40-Jährige. Weil der Beruf des Bestatters nicht geschützt ist, habe manche Firma nichts als eine Homepage und ein kleines Büro. Alles andere, was unabdingbar für die islamische isikali karayel_waschraum_markaz islamische bestattungen_neuköllnBestattungszeremonie ist, würden die anmieten – angefangen vom Leichen- wagen über den Kühlraum bis hin zum Versammlungsort für Angehörige und Freunde. Absolut würdelos sei das den Verstorbenen gegenüber, und respektlos gegenüber deren Familien. „Da geht es nur ums Geld“, beklagt der Diplom-Be- triebswirt, der mit seiner Firma Markaz – islamische Bestattungen sehr bewusst einen eigenen Weg eingeschlagen hat und sich auf dem daran orientiert, was der Koran vorschreibt – oder auch an Spielräumen lässt: „Unsere Religion an sich ist sehr tolerant. Dass es heutzutage oft anders erscheint, liegt an Traditionen, die sich über sie gelegt haben.“ Dr. Mohammed Herzog nickt bestätigend und nennt ein isikali karayel_markaz islamische bestattungen_neuköllnBeispiel. Von Extra-Gebetsräumen für Frauen würde an keiner Stelle etwas im Koran stehen. „Die wurden von uns Männern erfunden.“

Die Bestattung nach islamischem Ritual, die mit dem Totengebet am Sarg unter freiem Himmel zu enden hat, sei per se eine eher schlichte Angelegenheit, da sie garten_markaz islamische bestattungen_neuköllnsich eng an Zeremonien des Judentums lehne, erklärt Karayel. Die Wa- schung der Toten mit lauwarmem Wasser und Seife gehöre unab- dingbar dazu: „Es ist eine letzte Ehre für die Verstor- benen, die in der Regel von gleichgeschlechtlichen, muslimischen Angehörigen ausgeführt wird.“ Was wäre, wenn sich eine Mutter christlichen Glaubens an der Zeremonie für ihre zum Islam konvertierte, tote Tochter beteiligen wollen würde? „Das dürfte sie bei uns gerne, weil die Waschung beim Loslassen hilft und sehr gut für die Trauer- bewältigung ist“, versichert der Bestatter. Nicht zuletzt deshalb legt man bei Markaz auch eine andere Regel des Koran großzügig aus: „Theoretisch darf die Waschung nicht bei Suizid stattfinden, wir machen sie praktisch trotzdem, weil Selbstmord auch als Tat eines kranken Menschen ausgelegt werden kann.“ Keine Spielräume gebe es lange nacht der religionen_markaz islamische bestattungen_neuköllnindes bei einem hochansteckenden Leichnam oder bei Totgeburten. „Grundsätzlich versuche ich alles möglich zu machen, was den Trauernden hilft“, fasst Isikali Karayel seine Berufsauffassung zusammen. „Bis zur Beisetzung dürfen die Angehörigen jederzeit zu uns kommen, auch nachts, und sich im Gebets- oder Versammlungsraum in der Nähe ihres Ver- storbenen aufhalten.“

In anderen Fällen ist dagegen nicht viel Zeit zum Abschiednehmen: Mehr als 70 Prozent der Türken der ersten Einwanderergeneration hätten den Wunsch, in der Heimat bestattet zu werden. „Dann bleiben, weil der Sarg innerhalb eines Tages in die Türkei überführt und schon sechs Stunden vor Abflug am Flughafen sein muss, für die Waschung, das rituelle Einschlagen in ein Leinentuch und die Trauer-zeremonie gerade mal 18 Stunden nach dem Feststellen des Todes“, rechnet Karayel überführungssarg_markaz islamische bestattungen_neuköllnvor. Nur bei Überführungen sei es auch möglich, das in Deutschland geltende Gesetz auszuhebeln, dass frü- hestens 48 Stunden nach dem Tod bestattet werden darf. Und nur dann findet die Bestattung korankonform ohne Sarg statt, dem – anders als bei christlichen Beisetzungen – folglich kaum Bedeutung beigemessen wird.

Damit tue man sich im Berlin noch schwer: „In Bremen, Hannover, Köln und Hamburg können Muslime längst ohne Sarg beerdigt werden, in Berlin ist es zwar ge- setzlich erlaubt, wird aber bisher nicht praktiziert.“ Deshalb arbeitet Isikali Karayel derzeit die Kooperation mit einem Friedhof im Bezirk Schöneberg aus, um dort einen muslimischen Bereich anzulegen. „Auf dem isla- mischen Teil des Friedhofs am Columbiadamm ist ja auch leider alles voll, und der städtische Friedhof in Gatow, wo in Richtung Mekka bestattet wird, ist viel zu weit draußen.“ Dass in beiden Fällen immer wieder von islamischen Friedhöfen gesprochen wird, ärgert den Chef des Markaz-Bestattungsinstituts. Denn diese Bezeichnung habe nur das Gräberfeld vor der Sehitlik-Moschee verdient, weil das Grundstück einem islamischen Land, nämlich: der Türkei, gehört. „Das hab ich auch nicht gewusst“, bemerkt die Frau aus Tegel.

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