Von Grünau nach Neukölln: Auf zwei Rädern durch Berlins Siedlungsgeschichte

s-bahnhof berlin-grünauDer Wettervorhersage trotzend, die starke Gewitter angekündigt hatte, fanden sich letzten Sonntag am S-Bahnhof Grünau 10 Frauen und Männer ein, um an einer Radwanderung der Freizeitsport-Abtei- lung des TiB 1848 e. V. teilzunehmen. „Von Taut von taut zum tib_steffen adamzum TiB“ stand als Motto über der unge- fähr 20 Kilometer lan- gen Tour, die von Steffen Adam, TiB- Mitglied und Berliner Architekt, geplant und begleitet wurde und vom Stadtteil Bohnsdorf im Bezirk Treptow-Köpenick, nahe der S-Bahnstation Grünau, bis nach Neukölln führte. Den inhaltlichen Fokus hatte Adam dabei natürlich auf architektonische Gesichts- punkte gelegt, die Bewegung in frischer Luf auf dem Fahrrad sei nur ein Nebeneffekt, gartenstadt falkenberg berlinkündigte er noch am Treffpunkt an.

Einen Abriss über die Geschichte der Gartenstadt in Bohnsdorf gab Steffen Adam an der ersten Station der Führung, der Siedlung Falkenberg, die im Jahr 1913 ge- baut wurde, gemeinhin Tuschkastensied- lung genannt wird und das erste große steffen adam_tib-radtourWohnprojekt des Architek- ten Bruno Taut war. Bis vor über 100 Jahren, erläuterte Adam (r.), habe sich die Gegend durch eine dichte Bebauung ausgezeichnet. Diese sei um 1900 jedoch durch große Magistralen mit Schmuckplätzen unter- brochen worden. Die Idee einer Gartenstadt, führte er aus, stamme von dem Briten Ebenezer Howard: „Sein Werk aus dem Jahr 1902 mit dem Titel ‚Garden Citys of tomorrow‘ war bahnbrechend.“ Die Gartenstadt sollte am unbebauten Rand der großen Städte entstehen, mit gartenstadt falkenberg_berlindirekter Zugverbindung, so dass die Fahrzeit zum Arbeitsplatz erträglich blieb.

Zur Tuschkastensiedlung – wie auch zur Hufeisensiedlung in Britz – hat Steffen Adam einen besonderen Bezug. War er doch für das Architektenbüro Winfried Brenne tätig, das beide Siedlungen restaurierte. Die Tuschkastensiedlung, die wegen der bunten Farbgebung so genannt wird, wurde in zwei Bauabschnitten gebaut: „Sie sollte einmal wesentlich größer ausgebaut werden, doch dieses Vorhaben verhinderte unter anderem der 1. Weltkrieg.“ Schon bei dieser Siedlung legte Taut Wert darauf, einen Garten als Nutzgarten anzulegen, um es den Mietern zu ermöglichen, ihre Kosten für Lebensmittel zu senken. In den Wohn- zimmern habe ein Ofen gestanden, der mit Holz und/oder Kohle befeuert wurde, die Küchen wurden mit dem Kochherd geheizt. „Wir müssen Häuser schaffen, die vielleicht nicht glücklich machen. Aber die zum Glücklichmachen einladen!“, zitierte Steffen Adam Bruno Taut.

In der DDR-Zeit, wusste der Architekt zu berichten, fühlten sich viele Mieter der auf Ost-Berliner Gebiet liegenden Tuschkastensiedlung wie Eigentümer der Häuser und sorgten dafür, das notwendige Reparaturen zügig durchgeführt wurden. Um 2004 wurde die nach wie vor als Genossenschaftsmodell geführte Tuschkastensiedlung renoviert und mit möglichst originalen Farben wiederhergestellt; durch die Sonnen- einstrahlung ist jedoch die Farbe an manchen Gebäuden schon wieder etwas ver- blasst. Die Denkmalpflege beschränkt sich laut Adam, wie auch in allen anderen tib-radtour_preußensiedlung berlinSiedlungen bei dieser Fahrradtour, auf das Außen der Häuser und – allerdings eingeschränkt – auf die Gärten.

Danach gelangten wir nach 10-minütiger Fahrt zur Preußensiedlung, die 1910 er- baut wurde: Sie war kein Werk von Bruno Taut, sondern von Max Bell und Franz Clement. „Der zweite Bauabschnitt wurde von Hermann Muthesius bewerkstelligt, der es liebte, die Dächer mit vielen spitzen Giebeln als Dachlandschaft auszu- statten“, erklärte Steffen Adam die architektonischen Besonderheiten. Erst vor circa drei Jahren wurde die Preußensiedlung saniert: Was an den meisten Häusern seitdem fehlt, sind Fensterläden: Sie müssen noch angebracht werden.

Weiter ging es – auf der längsten ununterbrochenen Fahrradstrecke – bis zur Britzer Hufeisensiedlung. Dort angelangt, erläuterte Steffen Adam, dass der eiszeitliche Pfuhl ursprünglich zugeschüttet werden sollte. Taut setzte jedoch durch, diesen zu erhalten und baute das berühmte Hufeisen um den Teich. Die  Hufeisensiedlung war das erste große Bauvorhaben nach der Hyper-Inflation von 1923. Taut baute sie für die Gehag, auf der anderen Seite der Fritz-Reuter-Allee legte die Degewo die spezialitätenrestaurant zum hufeisen_neukölln-britzKrugpfuhlsiedlung an. „Sie steht leider nicht unter Denkmalschutz“, bedauert Steffen Adam.

Bei einer Rast gab er einen kurzen Überblick über den Wohnungsbau der 1920er Jahre: Reichskanzler Gustav Stresemann (DVP) führte nach der Hyper-Inflation die Renten- mark ein, mit der alle Bürger entschuldet wurden, wovon besonders die Immobilien-besitzer profitierten. Diese mussten jedoch eine Hauszinssteuer entrichten, und 10 Prozent dieser Steuer wurden für den sozialen Wohnungsbau verwendet. Dies habe einen Bauboom von Sozialwohnungen ausgelöst. Allein Bruno Taut, der eng mit dem damaligen Stadtbaurat zusammenarbeitete, baute in Berlin zwischen 1924 und 1930 rund 12.000 Wohnungen. Etwa 3.000 davon ließen die Hufeisensiedlung entstehen, die – wie auch die Tuschkastensiedlung – 2008 von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde. „Taut“, wies Adam hin, „führte hier standardisierte Bautypen ein, die durch unterschiedliche Farbgebungen zum Beispiel der Fenster und Türen tautes heim_neukölln-britztrotzdem individuell waren.“

Nach einem kurzen Abstecher zu Tautes Heim, das als Ferienwohnung vermietet wird, und zur benachbarten Idealsiedlung ging es weiter nach Nord-Neukölln, in den Schillerkiez, wo Bruno Taut 1928 bruno taut-block_leinestraße neuköllneinen Wohnblock an der Leinestraße entwarf. Durch einen großen Hof, der sich zur Straßenseite hin öffnet, brach er die Architektur auf. „So stellte er einen Kontakt zur Außenwelt her“, drückte Steffen Adam es aus.

Über das Tempelhofer Feld gelangten wir schließ- lich auf direktem Weg zum Ziel: dem TiB-Gelände. Frank-Dieter Zielke, Wanderwart der Abteilung Freizeitsport der TiB, versprach, die Tour mit Steffen Adam im nächsten Jahr zu wiederholen. Geregnet hatte es übrigens bis dahin, trotz schlechter Wetter- prognose, keinen Tropfen.

Auf gutes Wetter hoffe ich auch bei meinen heutigen kostenlosen Stadt- führungen im Rahmen des Gewerbetags im Ganghoferkiez: Sie beginnen um 12.30 und 17 Uhr auf dem Alfred-Scholz-Platz.

Wer über Radwanderungen und andere Veranstaltungen der Abteilung Frei- zeitsport im TiB informiert werden möchte, wende sich bitte per E-Mail an Frank-Dieter Zielke: fdzielke[at]gmx.com. Wer die Tour „Von Taut zum TiB“ auf eigene Faust nachradeln will, findet hier einen Routenvorschlag.

=Reinhold Steinle=

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