14. Internationales Literaturfestival Berlin bringt „Kulturen des Vertrauens“ in vier Neuköllner Gotteshäuser

podium eröffnung kulturen des vertrauens_martin-luther-kirche neuköllnZum Auftakt der Reihe „Kulturen des Vertrauens – Religion, Literatur, Politik und Alltag“ beim 14. Internationalen Literaturfestival Berlin trafen Dienstag- abend in der Neuköllner Martin-Luther-Kirche die Schriftstellerin Janne Teller (2. v. r.), der buddhistische Mönch Tenzin Peljor (r.) sowie der südafrikanische Bischof Dr. Ndanganeni P. Phaswana (2. v. l.) zu einem Gespräch über die Rolle des Vertrauens in ihrer Arbeit zusammen. Der Meinungsaustausch über verschie- dene religiöse, ethnische und ästhetische Überzeugungen unter dem farbenfrohen Altarbild der Malerin Monika Sieveking, wurde moderiert von Christina Thalmann (l.) dr ndanganeni p phaswana_eröffnung kulturen des vertrauens_martin-luther-kirche neuköllnund Programmleiter Thomas Böhm.

„Nicht meine Kraft, nicht mein Gottvertrauen, son- dern Gottes Gnade hat mich die Folter überleben lassen, die ich in Südafrika während der Apartheid erlitt“, erläuterte Bischof Phaswana den Hauptgedanken seines christlichen Glaubens. „Wie ist es möglich, dass es einen Gott gibt, der all diese Grausamkeiten in der Welt zulässt?“, fragte Moderator Böhm nach. Der Mensch werde als Schaf unter Wölfen geboren, so wie es Jesus gesagt hat, antwortete der Bischof: „In jedem Menschen sind aber von Anbeginn zwei gleich große Wölfe, gute und schlechte Kräfte angelegt. Ausschlaggebend ist, ob wir unsere guten oder bösen Seiten kultivieren.“ Jeder Mensch habe gute und schlechte Qualitäten, pflichtete der buddhistische Mönch Peljor bei. Vertrauen sei die Wurzel des gesamten spirituellen Pfades, denn ohne Vertrauen in die eigenen Qualitäten und die der anderen Menschen sei kein Genuss der Qualitäten möglich. „Im Westen erfahren die Defizite unangemessen viel Aufmerksamkeit“, fuhr der aus Deutschland stammende Buddhist fort. „Man guckt nicht auf die positiven Entwicklungen. Das führt zu einem Mangel an Selbstvertrauen und dem verbreiteten Gefühl ‚Mit mir stimmt irgendetwas nicht‘.“ Die Bedeutung des Selbstvertrauens, das sich von überheblicher Selbstüberschätzung grundlegend unterscheide, unterstrich auch die Schriftstellerin Janne Teller. Jeder Mensch habe ein „ethisches Barometer“, das aber nicht unabhängig vom gesellschaftlichen und politischen Umfeld der Menschen funktio- niere: „In Deutschland war es in den 1930er Jahren konform, ein Nazi zu sein. Wer vor 20 Jahren als Weißer in Südafrika lebte, konnte die Apartheid gut finden“, spitzte sie ihre Position zu. Um so wichtiger sei es daher, dass Schriftsteller in ethischen Fragen Verantwortung übernähmen. Den Protagonisten ihres Romanes „Komm“, martin-luther-kirche neuköllneinen Verleger, stellte die Dänin deshalb vor die grundlegende Frage: Wem gehört eine Geschichte – demjenigen, der sie erlebt oder dem, der sie niederschreibt?

Pfarrer Alexander Pabst, Gastgeber in der evangelischen Kirche an der Fulda- straße, wies in seiner Begrüßungsan- sprache darauf hin, dass das Inter- nationale Literaturfestival, das im Haus der Berliner Festspiele beheimatet ist, an ganz verschiedenen religiösen und nicht religiösen Orten stattfindet. Vier der vierzehn für die Lesungen ausgesuchten Gotteshäuser liegen in Neukölln (siehe unten). 20 internationale Autorinnen und Autoren wurden eingeladen, Essays zum Verständnis von „Vertrauen“ in ihren Kulturen zu schreiben. Die Texte, so Pabst, würden in den nächsten Tagen auf der Webseite der Martin-Luther-Gemeinde ein- gestellt. Das so entstehende interkulturelle und -religiöse Panorama sei auch als Ausgangspunkt für die Vorbereitung des Projektes „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“ zu verstehen.

Spannungen, die aus nicht eingelösten Versprechen entstehen, waren das Thema der zweiten Runde des Gesprächsabends. 20 Jahre nach Aufhebung der Ras- sentrennung gilt Südafrika als positives Beispiel der Versöhnung, ähnlich wie Nordirland, wo eine über Jahrzehnte gewachsene Feindschaft mit dem so genannten kulturen des vertrauens-flyer_intern literaturfestival berlinKarfreitagsabkommen am 10. April 1998 erfolg- reich beigelegt werden konnte. Wie entwickelt sich das Vertrauen zwischen Schwarz und Weiß in der von Nelson Mandela ausgerufenen Rainbow Nation heute?

„Die Regierung garantiert allen Menschen reli- giöse und politische Freiheit. Ich muss meine Worte nicht mehr abwägen. Ich darf ausprechen, dass es Korruption in Südafrika gibt“, berichtete Bischof Phaswana aus seiner Gemeide, die Partnergemeinde der Neuköllner Martin-Luther-Gemeinde ist. Es herrsche aber eine immer größer werdende Kluft zwischen Armen und Reichen, die Kriminalitätsrate sei hoch. Vor allem die unmittelbaren Folgen der Apartheid seien nur unzureichend aufgearbeitet: 1994 wurde ein Komitee eingerichtet, um den Opfern der Rassentrennung in Südafrika zu helfen, berichtete der Geistliche. Es wurde versprochen, die Opfer auch finanziell zu unter- stützen. Doch statt einer Rente gab es nur eine geringe einmalige Entschädigung. Außerdem gab keine Verurteilung der Folterer in den politischen Gefängnissen. Ungeklärt sei zudem bis heute das Schicksal der vielen spurlos verschwundenen Menschen während der Zeit der Apartheid. Drei wesentliche Punkte, die heute nach Ansicht des Bischofs das Vertrauen in Südafrika untergraben und die Versöhnung sehr erschweren.

Weitere Veranstaltungen in Neukölln (Eintritt frei):
12. September, 18 Uhr: Sehitlik-Moschee, Columbiadamm 128
– Tiefer Glaube und Ungehorsam gegen Gott – Patrick Roths (Deutschland) Roman „Sunrise. Das Buch Joseph“. Moderation: Betül Ulusoy
12. September, 19 Uhr: Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50
– „Die Piroge“ – ein Boot voller Flüchtlinge Richtung Europa. Lesung mit Abasse Ndione (Senegal). Moderation: Christine Eichel, Sprecher: Fried- helm Ptok
13. September, 19 Uhr: Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50
– „Sunrise. Das Buch Joseph“ – Lesung mit Patrick Roth(Deutschland/USA). Moderation: Dirk Pilz, Musik: Robert Michaels (Orgel) und Thomia Ehrhardt (Fagott)
14. September, 10 Uhr: Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50
– „Vertrauen“ – Gottesdienst mit Predigt zum Thema von Pfarrer Alexander Pabst
14. September, 11 Uhr: Martin-Luther-King-Kirche, Martin-Luther-King-Weg 6
– „Vertrauen in der Nachbarschaft“ – Gottesdienst mit Predigt zum Thema von Pfarrer Ulrich Helm und Lesung von Texten. Sprecherin: Regina Gisbertz
14. September, 11 Uhr: Nikodemus-Kirche, Nansenstr. 12-13
– „Gesellschaft des verborgenen Misstrauens“ – Lesung von Hwang Sok-Yong (Südkorea). Moderation: Hans Christoph Buch, Sprecher: Roland Schäfer
14. September, 16 Uhr: Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50
– „Über Leere und fehlende Worte“ –mit Charl-Pierre Naudé (Südafrika) und Afrizal Malna (Indonesien). Moderation: Silke Behl
15. September, 19.30 Uhr: Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50
– Janne Teller (Deutschland/Dänemark/USA) über ihren Roman „Komm“, Urheberrecht und Vertrauen. Moderation: Norbert Busse, Sprecherin: Tatjana Nekrasov
16. September, 14 Uhr: Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50
– Viola Roggenkamps Roman „Familienleben“ über jüdische Identität und persönliche Entwicklung. Moderation: Christine Eichel
16. September, 19.30 Uhr: Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50
– Samar Yazbek (Syrien) über Vertrauen in Syrien. Moderation: Larissa Bender, Sprecherin: Susanna Kraus
17. September, 18 Uhr: Sehitlik-Moschee, Columbiadamm 128
– „Eine Birne vom Baum der Erkenntnis“ – Gudrún Eva Minervudóttir (Island) Comic und Roman „Alles beginnt mit einem Kuss“. Sprecherin: Regina Gisbertz
18. September, 18 Uhr: Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50
– Versuche über das Vertrauen: Gudrún Eva Minervudóttir (Island) „Vertrauen und Gier in Zeiten religiöser Verunsicherung“. Moderation: Philip Geisler, Sprecherin: Regina Gisbertz
18. September, 18 Uhr: Sehitlik-Moschee, Columbiadamm 128
– „Fragen und Antworten zum Sufismus“ – Lesung mit Cemalnur Sargut (Türkei). Moderation: Pinar Cetin
18. September, 20 Uhr: Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50
– Priya Basils (Großbritanien/Deutschland) Roman über Liebe und Ver- trauen zwischen den Religionen: „The obscure logic oft he heart“. Veran- staltung in englischer Sprache. Moderation: Bernhard Robben
20. September, 19 Uhr: Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50
– Afrizal Malnas (Indonesien) – Essay-Performance über die Grenzen der Sprache mit indonesischer Anklung-Musik. Moderation: Thomas Böhm, Sprecher: Matthias Scherwenikas

=Christian Kölling=