„Neukölln hat in Berlin bei der Schwimmfähigkeit die Laterne“

schwimmer_nicht-schwimmer_columbiabad neuköllnEtwa 50 Kinder sterben in Deutschland jedes Jahr durch Ertrinken, das damit die zweithäufigste Ursache für Kinderunfälle mit tödlichem Ausgang ist. Als Konsequenz daraus initiierten die Berliner Bäder-Betriebe zusammen mit der Deutschen Kinderhilfe und  dem Fisch-Systemgastronomie-Marktführer Nordsee GmbH in den Sommerferien die Aktion „Schwimmen für alle“, um sozial be- nachteiligten fünf- bis 12- jährigen Hauptstädtern das Schwimmen beizubringen.

„Neukölln hat in Berlin bei der Schwimmfähigkeit die Laterne“, sagt Burghard Menke, der für das Kursprogramm der Berliner Bäder-Betriebe verant- wortlich ist. Sprich: Im Bezirk gibt es überdurchschnittlich viele Kinder, die nicht schwimmen können – obwohl Schwimmunterricht im Land Berlin mit einer Schul- stunde pro Woche auf dem Lehrplan der 3. Klassen steht. Beides treffe zu, bestätigt Marco Guhl: „Neukölln ist zwar oft vorne, aber wenn’s nass wird, sind wir hinten.“ Glücklich ist der stellvertretende Rektor der Schliemann-Schule, der außerdem große halle_stadtbad neuköllnSchulsport-Fachbereichsleiter des Bezirks ist, da- rüber wahrlich nicht.

Die fatale Situation zu erklären, erfordert die Berücksichtigung mehrerer Aspekte. „Über 4 1/2 Jahre fehlte uns wegen der Sanierung das Kombibad Gropiusstadt, deshalb blieb uns fürs Schulschwimmen im Bezirk nur das Stadtbad, das natürlich eine coole Eventlocation ist, aber zum Schwimmenlernen denkbar ungeeignet“, so Mar- co Guhl. Ein Lehrschwimmbecken gibt es dort nicht, zudem seien die Treppen ins Wasser problematisch, weil viele Mädchen und Jungen auf den unteren Stufen schon nicht mehr stehen könnten. Dass der Beckenrand hoch über der Wasseroberfläche ist, tue ein Übriges, das ungute Gefühl bei den ersten Schwimmversuchen zu verstärken. Guhl hat dafür vollstes Verständnis. „Ich war früher auch ein Schisser“, sagt der, der dann später Sport studierte. Dass es dem Bezirk aus finanziellen Gründen nicht sommerbad neuköllnmöglich war und ist, die Drittklässler in geeignetere Ausweichbäder zu fahren, be- dauert er: „Wobei das selbst-verständlich auch ein Kapazi-tätsproblem ist.“ Nicht mal durch die Wiedereröffnung des Kombibads Gropiusstadt könne der Engpass aufgelöst werden, weil die Sperrung von Beckenbereichen für den Schulsport wegen des öffentlichen Schwimmbetriebs nicht beliebig auszuweiten sei.

„Was außerdem zur hohen Nichtschwimmerquote bei Neuköllner Kindern beträgt“, so Marco Guhl, „ist der große Migrantenanteil.“ Leider müsse man immer wieder feststellen, dass insbesondere Mädchen und Jungen aus arabisch- und türkisch- stadtbad neukölln_2stämmigen Familien „keine Wassererfahrung im vor- schulischen Bereich machen. Die so wichtige Wasser- gewöhnung findet da einfach nicht statt, und das in der 3. Klasse wieder aufzuholen, ist für die Kinder schwierig.“ Wenn sie denn überhaupt am Schwimm- unterricht teilnehmen dürfen, was vor allem Mädchen betreffe. Ähnliche Erfahrung würden übrigens Schulen in Wedding und Kreuzberg machen, den Bezirken mit ebenfalls hohen Nichtschwimmerquoten, ergänzt Mar- co Guhl.

„Dass erst in der 3. Klasse schwimmen gelernt wird, ist eigentlich viel zu spät. Optimal wäre eine Kooperation mit Kitas“, findet Andreas Niedrich. Er ist Fachangestellter für Bäderbetriebe, wie der Beruf des Bademeisters offiziell heißt, und leitete während der Sommerferien zusammen mit einem Kollegen im Stadtbad Neukölln den gesponsorten Inten- sivkurs. Zehn Kinder nahmen daran teil, um in 16 Übungseinheiten verteilt auf vier Wochen von Nichtschwimmern zu Schwimmern zu werden. „Sieben von ihnen haben das Seepferdchen geschafft, zwei von denen sogar das Bronze-Jugend- schwimmabzeichen“, berichtet Niedrich stolz. Erstere können jetzt immerhin vom Beckenrand springen und eine Strecke von 25 Metern schwimmen; letztere schaffen stadtbad neuköllnnun 200 Meter in mindestens einer Viertelstunde und haben das Tauchen nach einem in 1,80 Meter Tiefe liegenden Ring und die Baderegeln gelernt. Vorher konnten sich einige nur mit Schwimm- flügeln über Wasser halten, andere nicht mal das: „Da ging es zunächst um die Wassergewöhnung.“

Das Bedürfnis seitens der Eltern, dass sich ihre Kinder sicher schwimmend vorwärts bewegen können, sei durchaus da. „Wir mussten sogar Absagen erteilen“, sagt Andreas Niedrich – weil Sprachbarrieren der Vermittlung der Kursinhalte im Wege standen oder die Kinder nicht in der Lage waren, die Koordination der Abläufe beim Brustschwimmen hinzukriegen. „Zu sehen, welche körperlich-motorischen Defizite viele Grundschüler haben, ist oft erschreckend“, gibt der Schwimmlehrer zu. Ohne Trockenübungen der Arm- und Beinbewegungen als Hausaufgabe ging es aber auch für die nicht, die nun stolz ihre Schwimmabzeichen an Badeanzug oder -hose tragen und deren Eltern nun eine Sorge weniger haben.

Auskünfte über Schwimmkurse der Berliner Bäder-Betriebe im Stadtbad Neukölln sind telefonisch unter 030 – 68 24 980 erhältlich.

Die SG Neukölln betreibt eine Schwimmschule, in der Kurse vom Baby- schwimmen über die Wassergewöhnung für Zwei- bis Vierjährige und Kin- derschwimmen bis hin zur Schwimmausbildung für Erwachsene stattfin- den. Weitere Infos: Tel. 030 – 603 50 10

Darüber hinaus bietet die DLRG Neukölln  für Kinder ab 6 Jahren montags (17.30 – 18.30 Uhr) und donnerstags (18 – 19 Uhr) Anfängerschwimm- kurse im Kombibad Gropiusstadt an. Weitere Infos: Tel. 030 – 606 30 96

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