„Ordinary City“: Bilder gegen zähe Neukölln-Klischees

ordinary city_galerie im saalbau_neuköllnKaum etwas hält so dauerhaft wie ein einmal vergebenes Etikett: Kreuzberg wird wie selbstver-ständlich mit 1.Mai-Randale und Multikulti in Ver- bindung gebracht, Prenzlauer Berg mit Bionade und jungen Müttern. Neukölln muss seit rund zehn Jahren mit den Labels Integrationsverweigerung, Hartz IV und Hundekot umgehen lernen. „Mit dieser Ausstellung soll Neukölln in seiner Vielfalt franziska giffey_ordinary city_galerie im saalbau neuköllnsichtbar werden!“, versprach Bezirks- stadträtin Dr. Fran- ziska Giffey (l.) Freitag in der Galerie im Saalbau bei ihrer Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Ordinary City“ und gratulierte Sabine von Bassewitz zum gerade geborenen zweiten Kind. Die Bilder der Fotografin sollen genau diese Selbst- und Fremdzuschreibungen infrage stellen.

Ausstellungs-Kuratorin Dorothee Bienert befragte anschließend Sabine von Bas- sewitz zu den Geschichten hinter ihren Fotografien. „Die Reaktionen meiner Freunde, denen ich 2008 sagte, dass mein Mann und ich nach Neukölln ziehen, lauteten entweder ‚Seid ihr wahnsinnig?‘ oder ‚Ihr seid aber mutig!‘. Wir waren die einzigen Bewerber für die Wohnung in Berlin. Nach sechs Jahren ziehen wir wieder zurück nach Hamburg. Mehr als Hundert Leute interessierten sich jetzt für unsere Wohnung sabine von bassewitz_ordinary city_galerie im saalbau neuköllnin Neukölln“, berichtete die Fotografin (r.). Neuerdings werde der Problembezirk zunehmend als Hipsterland dargestellt, das durch den Zuzug von Besserver- dienenden zum Konzentrationsschwer- punkt der Gentrifizierung gerate. Ganz im Gegensatz zu diesen Etikettierungen sollen sich die Fotografien der Ordinary City-Serie negativen wie positiven Zu- schreibungen gleichermaßen entziehen. Um Stereotype abzubauen, arbeitete Sabine von Bassewitz bereits in Prenzlauer Berg. Mit der rhetorischen Frage: „Wussten Sie, dass 50 Prozent der Häuser dort ordinary city_galerie im saalbau neuköllnallerfeinste Ostplatte sind?“, überraschte sie Kuratorin und Vernissage-Besucher.

Die in der Galerie im Saalbau ausge- stellten Fotografien zeigen einerseits, was wir schon immer über Neukölln zu wissen glaubten. Andererseits sollen sie mit überraschenden Bildern neue Einblicke in verschiedene Communitys des Bezirks geben. Etwa die Hälfte ihrer Aufnahmen nahm von Bassewitz mit einer digitalen Kamera auf. Die andere Hälfte ihrer Fotos entstanden mit einer alten analogen Mamiya 6×7-Mittelformat-Kamera. „Das ist eine Kamera, bei der man oben durch einen Lichtschacht reinguckt. Die Untersicht bewirkt, dass die Leute ein bisschen heroisch aussehen“, erläuterte die Fotografin. Warum sie Berlin nach Jahren nun wieder verlässt? „Beruflich habe ich in Hamburg viel zu tun. Mein Ältester ist zudem jetzt ins Grundschulalter gekommen.“ Außerdem, meinte Sabine von Bassewitz, sei Neukölln auf Dauer zu anstrengend.

Die Ausstellung „Ordinary City“ ist noch bis zum 9. November in der Galerie im Saalbau  zu sehen (Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr).

Bei der Diskussionsveranstaltung „Wem gehört die Stadt?“ im Begleit- programm der Ausstellung geht es am 15. September um 18 Uhr um die Veränderungsprozesse in Neukölln und die Folgen für Künstler_innen, aber auch um andere Aspekte, wie die Aneignung von Labels durch soziale Gruppen: u. a. mit Stefan Fahrnländer (Künstler), Christina Paetsch (Künst- lerin) und Dr. Stefan Wellgraf (Kulturwissenschaftler). Bei „Würfeln um Berlin“ stellt Pia Lanzinger anschließend ab 19.30 Uhr ihr Gentrifizie- rungsspiel vor.

=Christian Kölling=