Gelebte Inklusion in einer bunten Gemeinschaft auf 3.355 Quadratmetern mitten in Neukölln

Gebäude-Rückseite_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neuköllnDass der Parkplatz hinter dem Haus schon lange nicht mehr benutzt wird, ist unübersehbar. Sogar der irgendwann dort abgestellte und verHof_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neuköllngessene Hänger ist inzwischen zur Rankhilfe mutiert. Aber auch im Gebäude, das einst ein Supermarkt mit Verwaltungstrakt und kleinen Wohnungen in den Obergeschossen war, haben die Zeit und verlassene wohnung_böhmische str 53 neuköllnvorherige Nutzer ihre Zeichen hinterlassen: Die Deckenverkleidung hat sich zum Teil gelöst, an manchen Stellen bröckelt der Putz von den Wänden, eine Batterie geleerter Bierflaschen steht noch in einer fensterlosen Küche, und die Teppiche stehen vor Dreck. Nur an Eingangsbereich_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neuköllnder gläsernen Automatik-Tür zum 700 Quadrat- meter großen Supermarkt scheint die Zeit spurlos vorbeigegangen zu sein. Sie muss mit einem Brett ehemaliger Supermarkt_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neuköllndaran gehindert werden, ein ums andere Mal ihr Durchhaltevermögen zu beweisen. „Gut, dass sie noch funktioniert, denn wir werden sie weiterhin nutzen“, freut sich Jutta Brambach, die mit Kirsten Schaper das Projekt  RuT-FrauenKultur&Wohnen  leitet und plant, dass dieses im Jahr 2017 eröffnet wird.

Im kommenden Jahr soll der erste Spatenstich erfolgen und begonnen werden, auf dem 3.355 Quadratmeter-Grundstück in der Nähe des Neuköllner Richardplatzes ein beispielhaftes Vorhaben in die Tat umzusetzen: „Wo der Supermarkt war, entsteht  ein

Supermarkt-Hinterräume_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neukölln

ehemaliger Supermarkt_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neukoellnFrauen-Kulturzentrum mit Café, Veran-staltungs- und Beratungsräumen. Oben drüber schaffen wir barrierefreie Woh- nungen und Räumlichkeiten für zwei Pflege-Wohngemeinschaften für je acht Frauen ein, die vom frauen- und lesben-kultursensiblen CuraDomo-Pflegedienst Laubengang-Aussicht_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neuköllnbetreut wer- den“, erklärt Kirsten Scha- Aussicht Hof_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neuköllnper (l.). „Und das Dach möchten wir begrünen.“ Hinter dem Haus werde außerdem ein Gemeinschaftsgarten angelegt, durch den eine Verbindung vom straßenseitigen Kultur- Geländeplanung_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neuköllnzum fünfgeschossigen Wohntrakt entstehe. Et- Gebäude-Entwurf_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neuköllnwa 50 Wohnungen sollen in dem Neubau mit Pas- sivhausstandard auf einer Fläche von rund 4.500 Quadratmetern unterge- bracht werden. „Über 30 davon sind schon jetzt fest vergeben, für einige weitere haben wir Reservierungen“, berichtet Kirsten Schaper stolz. „Die Mieterinnen der ersten Stunde haben schließ- lich auch den großen Vorteil, dass sie mitgestalten und sich die Lage ihrer Interessentinnen_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neuköllnWohnungen noch aussuchen können.“

Viele sind Lesben aus dem Umfeld des RuT e. V., die für ihre Zukunft die Vision haben, sie selbstbestimmt, frei von Dis- kriminierung, gemeinschaftlich, inter- generativ und bezahlbar leben zu wollen. „Mit der Vorstellung, irgendwann in einem 08/15-Pflegeheim zu landen und meine Biografie verleugnen zu müssen, will ich mich gar nicht weiter beschäftigen“, sagt eine von ihnen. Genau diese Situation, die viele fürchten, sei auch der Ausgangs- punkt gewesen, das Projekt anzuschieben, unterstreicht Kirsten Schaper. Inzwischen Supermarkt-Verwaltung_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neuköllnwürden aber auch immer mehr Interessentinnen ankündigen, mit Kindern einziehen zu wollen.

Um das mit rund 11 Millionen Euro kalkulierte Bau- vorhaben finanzieren zu können, spielten Schaper und Brambach verschiedene Modelle durch. „Da es aktuell kaum Unterstützung des Landes für Wohnprojekte freier Träger gibt“, so Jutta Brambach, „entschieden wir uns für eine Mischfinanzierung aus Stiftungs- Hof_RuT-FrauenKultur&Wohnen_neukoellnmitteln und Darlehen der Mieterinnen.“  Mit 2 Millionen Euro beteilige sich – dank intensiver Lobbyarbeit und der Unter- stützung prominenter Fürsprecher wie Barbara John und Bezirkssozialstadtrat Bernd Szczepanski – die Stiftung Deutsche Klassenlotterie an der Entstehung des soziokulturellen Lesbenzentrums, in dem Inklu- sion gelebt wird, „eine Million müssen wir an Eigen- mitteln aufbringen.“ Realisiert wird das über zinslose Darlehen der Frauen, die mit 400 Euro pro Wohn- quadratmeter zu Buche schlagen. „Für Bezieherinnen von Grundsicherung haben wir eine Sonderkondition eingerichtet: Sie zahlen lediglich ein Darlehen von 3.000 Euro“, veranschaulicht Kirsten Schaper. So solle jeder Frau die Chance geboten werden, hier wohnen zu können. „Deshalb ist es uns auch wichtig, dass die Kaltmiete bei einem Quadratmeterpreis von 8,50 Euro liegt.“

Da sei sie bei ihrer jetzigen Wohnung schon drüber, stellt eine Mittfünfzigerin fest, die sich bereits entschieden hat, zu den ersten Mieterinnen des RuT-FrauenKul- tur&Wohnen-Projekts gehören zu wollen. Auch eine andere kann gar nicht erwarten, dass es endlich losgeht. „Ich will noch vor meinem runden Geburtstag umziehen, um den hier feiern zu können“, plant sie.

Update: Laut Information des RuT ist „der Eigner des Grundstücks in der Böhmischenstr. in Neukölln im letzten Moment während der Vertrags-verhandlungen abgesprungen.“

=ensa=

Advertisements