Geschichte ausgraben

archäologische grabungen_friedhofslager neuköllnEvangelische Kirchengemeinden aus ganz Berlin betrieben von April 1942 bis zum Kriegsende 1945 auf dem Kirchhof der Jerusalemsgemeinde in der Neuköll- ner Hermannstraße 84 ein Friedhofs- lager mit Zwangsarbeitern. Es war das einzige Zwangsarbeiterlager in ganz Deutschland, das von der Kirche ge- plant, finanziert und betrieben wurde. Die Hauptaufgaben der Lager-Insassen waren die Friedhofspflege und das Ausheben von Gräbern. Seit Montag und noch bis Ende nächster Woche legen nun unter dem Motto „Geschichte ausgraben“ freiwillige Helfer und Archäologen unterstützt von der Arbeitsstätte Erinnerungskultur im Ev. Landeskirchlichen Archiv die Fundamente der Baracken des ehemaligen Lagers frei, edward collins_torsten dressler_friedhofslager neuköllndamit dort  später eine Gedenkstätte er- richtet werden kann.

Der Archäologe Torsten Dressler (r., ne- ben Edward Collins) und sein Team haben sich auf zeitgeschichtliche Aus- grabungen spezialisiert. Sie legten Spu- ren der Geschichte bereits an der Berliner Mauer in der Bernauer Straße, an einem Flucht-Tunnel in Reinickendorf sowie in der KZ-Außenstelle Landsberg frei. Während des 2. Weltkriegs lebten hunderttausende Zwangsarbeiter in Berlin. Das Friedhofslager war mit etwa 1.500 Quadratmetern verhältnismäßig klein. In der ungefähr 500 Quadratmeter kleinen Wohnbaracke waren über 100 Zwangsarbeiter untergebracht. Für jeden der Männer, die im Alter zwischen 16 und 18 aus Weißrussland, der Ukraine und Russland nach Berlin verschleppt wurden, waren nur 3,5 bis 4,5 Quadratmeter eingeplant. Der Archäologe Torsten Dressler erzählt von seinen Recherchen, die der Grabung vorausgingen: „Das Lager war absichtlich im hintersten Winkel des Friedhofs an der Netzestraße versteckt. Die Zwangsarbeiter sollten von den Anwohnern nicht gesehen werden. Die sogenannten Ostarbeiter wurden von zwei Aufsehern begleitet, wenn sie mit der U- oder S-Bahn zu ihren Einsatzorten in der ganzen Stadt fuhren. Die Zwangsarbeiter mussten gut sichtbar blau-weiße Aufnäher mit der Aufschrift ‚OST‘ an ihrer Kleidung tragen. Während der Fahrt in den öffentlichen Verkehrsmitteln mussten sie stehen und durften keinen Kontakt mit anderen Menschen aufnehmen. Bei Fliegeralarm war es ihnen verboten, die Luftschutzbunker für Deutsche zu betreten.“ Drei Mal wurde das Lager, das unmittelbar am Flughafen Tempelhof lag, von Bomben getroffen. Bei einem Tagesangriff 1944 brannte die Wohnbaracke vollständig 2_grabungen_kirchl. zwangsarbeiterlager neuköllnnieder. Danach wurde eine zweite Baracke direkt daneben gebaut.

Schon im Herbst 2013 hatten Archäo- logen sowie freiwillige Helfer aus Kirchengemeinden und der Nachbar-schaft eine Voruntersuchung gemacht. Der Grundriss des Lagers ist deshalb in groben Zügen bereits bekannt. Das Gelände ist mit farbigen Holzpflöcken markiert. Im östlichen Bereich werden die Wirtschaftsbaracke, der Kohlenschuppen sowie ein Kartoffelkeller vermutet. Einer der freiwilligen Grabungshelfer zeigt auf einen Hügel, wo möglicherweise der Boden der Lagerküche ist. Gesucht wird außerdem nach einem Splitterschutzgraben. Er ist auf einer Karte der Archäologen in Zickzack-Form bereits andeutungsweise einge- zeichnet. „Sie dürfen nicht glauben, dass der Graben aus humanitären Gründen angelegt wurde“, erklärt Dresslers Mitarbeiter Edward Collins. „Der Splittergraben gehörte damals zum Lager wie heute die Garage zum Auto.“ Ein kleiner Bagger arbeitet gerade an der Stelle, wo ein Podest im Eingangsbereich vermutet wird. Freiwillige stehen bereit, um vorsichtig mit Schaufeln weiterzugraben, sobald der Bagger seine Arbeit unterbricht, damit keine Funde zerstört werden. „Wir wollen zuerst die Fundamente der Wohnbaracke portal st. thomas kirchhof neuköllnfreilegen, wo später die Gedenkstätte entstehen soll“, info-pavillon zwangsarbeitr_st. thomas kirchhof neuköllnerläutert Dressler.

Erst im Jahr 2000 be- gann die Evangelische Kirche in Deutschland mit der Aufarbeitung ihrer eigenen Verstri- ckung in das NS-Sys- tem der Zwangsarbeit. Zur Erinnerung an das Friedhofslager wurde 2010 schräg gegenüber auf dem Friedhof der St. Thomas-Gemeinde ein Aus- stellungs-Pavillon eröffnet. Bereits am 1. September gedenkstein zwangsarbeiter_st. thomas kirchhof neukölln2002 war ein Gedenkstein, der die Schuld und die Verantwortung der 42 beteiligten Kirchengemeinden zum Ausdruck bringt, vom damaligen Bischof Huber eingeweiht worden. Seitdem wird die Gedenkstätte von Gerlind Lachenicht von der Arbeitsstelle Erinne- rungskultur im Ev. Landeskirchlichen Archiv Berlin betreut: An zwei Nachmittagen pro Woche öffnet sie während der Sommermonate den Pavillon, außerdem findet alljährlich am Volkstrauertag am Gedenkstein eine feierliche Zeremonie statt.

Der Ausstellungs-Pavillon auf dem St. Thomas-Friedhof (Hermannstr. 179) ist  bis 15. Oktober mittwochs und samstags von 15 bis 18  Uhr geöffnet.

Die nächste Führung über den Friedhof der St. Thomas-Gemeinde gibt es am 23. August von 16 bis 18 Uhr. Der Kulturvermittler und Stadtbilderklärer Jodock erläutert Grabinschriften für die Gefallenen des 1. Weltkriegs und erzählt die Geschichte des kirchlichen Zwangsarbeiterlagers. Um Anmel- dung wird gebeten (Freundesverein.St.Thomas[at]gmail.com); die Teilnah- me an der Führung ist  kostenlos.

=Christian Kölling=