Lebens- und Belichtungszeiten in einer neuen Neukölln-Fotoausstellung

neuköllner leuchtturm_raum für fotografie_neukoelln„Raum für Fotografie“ steht seit kurzem auf dem Schaufenster neben der Eingangstür zum Neu- köllner Leuchtturm. Und auch sonst hat sich einiges in der von Karen-Kristina Bloch-Thieß und Bernhard Thieß ins Leben gerufenen Kulturinstitution geän- dert, seit das Leuchtturmwärter-Paar im Mai 2013 in den Ruhestand gegangen ist. Der Schreibtisch, Sessel und Stühle wurden aus dem straßenseiti- gen Raum verbannt, statt eines neuen Leucht-turmwärters gibt es nun mit Leo de Munk einen Kurator. Und der hat vor allem ein Ziel: „Früher haben hier überwiegend Hobbykünstler ausgestellt, in Zukunft sollen es professionelle Fotokünstler sein und der Ort soll zu einer ernst zu nehmenden Galerie mit Platz für kommerzielle Fotografie werden.“ Am liebsten, sagt de Munk, hätte er die Neuorientierung durch die Aufgabe des Namens Neuköllner Leuchtturm noch deutlicher gemacht, doch dafür sei die Bürgerstiftung Neukölln als Betreiberin der Räumlichkeit nicht zu begeistern gewesen: „Deshalb nur der kleine Schnitt durch den Zusatz ‚Raum für Fotografie‘ und die Re- michael bachmann_raum für fotografie neuköllnduzierung des Mobiliars.“

Die neue Sachlichkeit, die die Konzentration auf das Wesentliche lenken will, spiegelt sich jedoch auch in der aktuellen Ausstellung wider, die Fotografien von Eike Laeuen, Michael Bachmann (l.) und Robert Lück zeigt. Schon der Titel ist so puristisch wie kryptisch: 4 Tage 9 Jahre 12 Jahre. „Er bezieht sich auf Lebens- und Belichtungs-zeiten“, erklärt der Kurator. „Michael lebt seit neun und Eike seit 12 Jahren in Neukölln.“ Die vier Tage wiederum haben mit Laeuens Lochkamerafotos zu tun, die mit einer Belichtungszeit von maximal 96 Stunden eike laeuen_raum für fotografie neukoellnaufgenommen wurden.

Die Ausstellung im Raum für Fotografie ist die erste gemeinsame der drei Freunde. Die meisten der Bilder hat Eike Laeuen, der Profi des Trios, beigesteuert. „Er war es auch, der sich um die Ausstellung beworben hat“, sagt de Munk, der 1995 nach Berlin kam und im Reuterkiez wohnt. Die Idee, zusätzlich Fotos von Michael Bachmann zu zeigen, habe sich erst im Vorstellungsgespräch ergeben. Noch später beschloss man, der Ausstellung mit Robert Lücks Bilderserie der Neuköllner Per- formance-Künstlerin und robert lück_raum für fotografie neuköllnGalerie St.St.-Betreiberin Juwelia eine weitere Ebene zu geben. So gelangte diffuses Mensch- liches zwischen die ansonsten men- schenleeren Werke, die den Blick der Fotografen auf sehr spezielle Ausschnitte des Lebensraums Neukölln abbilden. Friedhöfe, der ehemalige Flughafen Tempelhof, vermüllende oder verödende Nischen in den Kiezen, kleine Biotope zwischen urbanen Wohngebieten: Es ist eine besondere Ästhetik, die diese Lost Spaces wie auch architektonische Zeitzeugnisse eike laeuen_raum für fotografie neuköllndurch das fotografische Geschick von Eike Laeuen und Michael Bachmann bekommen. Einige der Motive, die groß- gepixelt, feingezeichnet oder auch durch 3D-Effekte angereichert wurden, sind sofort wiederzuerkennen und räumlich zuzuordnen, andere hingegen geben ob künstlerischer Verfremdungen und der Loslösung aus ihrer Umgebung  selbst eingefleischten Neuköllnern Rätsel auf. „Das macht interessante Fotos aus“, findet Leo de Munk, der selber als Künstler in einem michael bachmann_raum für fotografie_neuköllner leuchtturmvöllig anderen Metier tätig ist: „Mein Schwerpunkt sind Malerei und Skulpturen.“ Folglich habe er einen gänzlich neutralen Blick bei der Auswahl der Künstler und auf deren Arbeiten in der Galerie.

Für die nächste Ausstellung konnte er den Berliner Fotografen Edgar Zippel gewinnen, der bereits Exponate im Museum Europäischer Kulturen gezeigt hat, kündigt der 58-Jährige nicht ohne Stolz an. Die Planung reicht aber weit darüber hinaus: „Im nächsten Frühjahr zeigen wir, was eine Idee der Bürgerstiftung Neukölln war, eine Ausstellung mit Modefotografie.“ Bei der werde den Besuchern auch das Thema Dreidimensionalität wiederbegegnen.

Die Ausstellung „4 Tage 9 Jahre 12 Jahre“ ist noch bis zum 19. September im Raum für Fotografie im Neuköllner Leuchtturm zu sehen; Öffnungszeiten: Di. – Fr. 14 – 19 Uhr.

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