Breites Händlerangebot und schmales Publikumsinteresse bei der Premiere des RixStyleMarktes

schmuckstand_1. rixstylemarkt neuköllnDie Goldschmiedin und Metalldesignerin kam vor- gestern mit dem Fahrrad zum ersten RixStyleMarkt auf dem Alfred-Scholz-Platz. „Meine Werkstatt in der Emser Straße ist fast um die Ecke. Die Sachen für den Stand kann ich im Radanhänger ebenso gut wie im Kofferraum eines Autos transportieren“, begrün- det sie die Wahl ihres Verkehrsmittels. Auch sonst verhält sich Ingeborg Ohly ökologisch und sozial bewusst. Gold und Silber für ihren bijohly-Schmuck bezieht sie aus Argentinien und Boliven zu nach- vollziehbaren Bedingungen, die im Internet veröffent- licht sind. Die Edelmetalle werden möglichst schonend für die Umwelt abgebaut, und unabhängig von den Schwankungen der Weltmarktpreise zahlt die Designerin vorher vereinbarte Festpreise. An einem schräg gegenüber liegenden Stand können Ohrringe sowie mehrreihige Ketten aus böhmischen Glasperlen begutachtet und gekauft werden. „Böhmen hat eine lange Glastradition“, erklärt die ältere Dame, die weder ein eigenes Geschäft noch 1. rixstylemarkt neuköllneine Internetseite hat, sondern beim Verkauf mit einem Kreuz- berger Regal-Laden kooperiert. „Die inzwischen mehr als 900 Perlenarten werden nach alten Vorlagen hergestellt und sind eine hochwertige Alternative zu Glasperlen aus Indien.“ Schmuckstücke aus den unterschiedlichsten Materia- lien von Emaille bis Papier sind an mehreren anderen Ständen zu sehen. Im Alltag werden die Angebote häufig über DaWanda verkauft, ein Portal für Selbstgemachtes im Internet.

Neben Schmuck sind  Mode und Gebrauchskunst weitere Schwerpunkte auf dem Markt für Handgefertigtes und Unikate möbel_rixstylemarkt neuköllnim Zentrum des Neuköllner Nordens. „Seit ich ein Kind habe, nähe ich Kin- dersachen. Weil es ein Mädchen ist, ist aber kaum etwas für Jungs dabei“, erklärt die Mode- und Kostümdesignerin Ange- lika Schmidt fast entschuldigend ihr buntes und reichhaltiges Angebot an Kleidchen, Pumphosen, Leggins und Röckchen. Kinderkleidung bis Größe 128 bietet ebenfalls Astrid Küver ein paar Tische weiter an. Sie hat sich mit ihrem Label Laurie D. auf das sogenannte Upcycling spezialisiert: Alle Strampelanzüge, Son- nenhüte und T-Shirts sind aus wiederaufbereiteten Jersey- und Strickwaren hergestellt. Neuerdings bietet sie zusätzlich Röcke für Damen an. Dagegen ver- wendet Andrea Kermiser für ihr Label Unversehrt unversehrte Vintage-Materialien wie alte Stoffe und Tischläufer aus Wohnungsauflösungen, um daraus Umhän- getaschen und Kissenbezüge zu machen. Upcycling ist auch an anderen Ständen mit künstlerisch und kunsthandwerklich bearbeiteten Gebrauchsgegenständen zu be- wundern: Hübsch gestaltete Notizhefte aus Altpapier, Schlüsselbretter und Garde- roben aus Resteholz oder alten Balken, handgefilzte Lichterketten aus Wollresten, ein Couchtisch mit einer Platte aus altem Stab-Parkett, Spiegelschränke, die aus zwille-taschenAlt-Berliner-Fensterrahmen und massiven Obst- kisten gezimmert sind, Teppichläufer aus alten Jeans gewebt … Der Fantasie sind wirklich keine Grenzen gesetzt!

„Meinen Zwille-Laden gibt es nur im Internet“, sagt die junge Frau, die hinter einem Tisch voller Stiftrollmäppchen, Geldbörsen, Täschchen, Gür- teln sowie Schlüssel-Etuis aus gebrauchten Fahrrad- und Traktorschläuchen sitzt. Der Mann am Stand neben ihr betreibt dagegen im Bezirk Friedrichshain am Boxhagener Platz zusammen mit einem Feintäschner ein Geschäft für Taschen und Rucksäcke, die aus alten Segeln, LKW- Planen, gewachster Baumwolle und Leder auch nach individuellen Wünschen angefertigt werden; Recycling-Anteil über 50 Prozent. Der RixStyleMarkt, sagt er, sei für ihn hauptsächlich als Werbung gedacht. Ökonomisch wäre er schon zufrieden, wenn die Standgebühr von 35 Euro aus dem Verkaufserlös bezahlt werden kann.

„Dit is ja keen Flohmarkt in dem Sinn, dit is’n Designermarkt“, raunt ein Mann einem anderen auf der Bank unter dem großen Baum vor dem Karstadt-Schnäppchenmarkt zu: „Wat dit wohl kostet ?!?“. 50 Cent-Schnäppchen gibt es heute zwar nicht, aber es werden auch keine unrealistischen Fantasie-Preise verlangt. Bereits mit 1,50 Euro für eine Postkarte von Laetitia Hildebrand, die eine Serie von Aquarellen und Feder- zeichnungen mit typischen Berlin-Motiven vorstellt, ist man dabei. Auch der norbert kleemann_rixstylemarkt neuköllneigens aus Cottbus angereiste Händler, der Stempel aller Art anbietet, ist nicht wirklich teuer.

Bedauerlich angesichts dieses breiten und viel- fältigen Angebots ist allerdings, dass nur sehr wenige Menschen den Weg nach Neukölln zur Premiere des RixStyleMarkts gefunden haben. Der Termin an einem Sonntag in den Sommer- ferien und das gute Badewetter könnte viele vom Besuch abgehalten haben, vermutet Organisator Norbert Kleemann (l.), der als Werbung 30.000 Postkarten in ganz Berlin verteilen lassen hat. Die Resonanz darauf dürfte nur rixdorfer puppenbühne_rixstylemarkt neuköllnim Promillebereich ge- legen haben – und auch die Rixdorfer Puppenbühne (r.) konnte mit ihrer Aufführung der „Rixdorfer Nachrichtenschau“ am mauen Publikumsinteresse nichts ändern. Bis ein- schließlich Oktober wird es jeden letzten Sonntag im Monat aber wieder die Gelegenheit geben, den Neuköllner Designermarkt zu besuchen. Danach wird der Erfolg des von der [Aktion! Karl-Marx-Straße] geförderten Projekts evaluiert, und bei einem positiven Ergebnis kann es ab März 2015 monatlich weitergehen. „Wenn wir uns wie früher der Weihnachtsmarkt bis zur Anzengruberstraße ausdehnen können, ist Platz für circa 40 Stände“, meint Kleemann optimistisch.

Schon  morgen und übermorgen  wird der Alfred-Scholz-Platz erneut be- spielt: Veranstaltet vom Deutsch-Arabischen Zentrum und der Türkischen Gemeinde zu Berlin findet an beiden Tagen von 13 bis 22 Uhr das inter- kulturelle  Ramadanfest  statt.

=Christian Kölling=