Discokugel, Tanzfläche und die Musik aus vielen Jahrzehnten im ehemaligen Ochsenstall

mythos vinyl_museum neukölln„Welche Musik hören eigentlich die Neuköllner? Das war für uns die Ausgangsfrage bei der Konzeption der Ausstellung“, sagt Volker Bana- siak vom Museum Neukölln. Das Ergebnis heißt Mythos Vinyl und zeichnet nicht nur die Ära der Schallplatte nach, sondern zeigt auch Neuköllner Größen des Musikgeschäfts und „schlägt einen Bogen zu gesellschaftlichen und politischen Ereignissen.“ Dass Banasiak, der im Museum primär als Stolpersteine-Koordinator für den Bezirk tätig ist, ins Kura- torenteam der neuen Sonderausstellung geholt wurde, kommt nicht von ungefähr: Er arbeitete jahrelang in der Musikindustrie.

Man schrieb das Jahr 1948, als der ameri-kanische Physiker Dr. Peter C. Goldmark das Patent für Schallplatten aus Vinyl anmeldete. Erst zehn Jahre später wurde in Deutschland das Schellack-Produktionszeitalter beendet und Singles und Langspielplatten made in Germany eroberten das Sortiment der Musikalienhändler. Gleichzeitig boomte der Verkauf von Phono- jacky spelter_mythos vinyl_museum neuköllnschränken fürs heimische Wohnzimmer; Mitte der 1960er Jahre begann schließ- lich der Siegeszug des Kofferplatten- spielers.

Es war die Zeit, als sich rund 25 Mitarbeiter der Kunden im renommierten Neuköllner Musikhaus Bading annah- men, als Frau Feuerbach in ihrem weiß gepunkteten roten Kleid schwofte, das ihr ihre Mutter für die Tanzstunde genäht hatte, und als der Rock’n’Roller Jacky Spelter, der 1953 seine Band „Jacky & his jacky and his strangers_mythos vinyl_museum neuköllnStrangers“ gegründete hatte, in die Sanderstraße 15 in Neukölln zog. „Spelter war zwar nicht der begabteste Komponist“, stellt Volker Banasiak fest, „aber er spielte gut und voller Leidenschaft nach.“

Im ehemaligen Ochsenstall, in dem das Museum seine Sonderausstellungen zeigt, erinnern zahlrei- che Relikte aus dem Nachlass des vor 10 Jahren beatles-fotos_mythos vinyl_museum neuköllnverstorbenen Musikers an dessen Leben. Seite an Seite mit den Beatles, die er 1965 bei Dreharbeiten zum Film „Help!“ im verschneiten Obertauern traf. Mit John Lennon hat Jacky Spelter damals sogar zusammen auf der Bühne gerockt.

Sechs Monate später, auch das thematisiert Mythos Vinyl, endete in der Berliner Waldbühne „das Beatereignis des Jahres“ in einem Fiasko: „Weil die Rolling Stones nur 20 Minuten lang spielten, keine Zugabe rolling stones_mythos vinyl_museum neuköllngeben wollten und dann auch noch das Licht ausgeschaltet wurde,  fingen völlig enthemmte Fans an zu randalieren“, be- richtet Banasiak. Mit 87 Verletzten, 17 zerstörten S-Bahn-Waggons, einer verwüs- teten Waldbühne und einem Schaden von etwa 300.000 D-Mark endete das Konzert. Die Waldbühne sei danach lange nicht jimi hendrix_mythos vinyl_museum neuköllnmehr nutzbar ge- wesen.

Mit den 1970er Jahren wurde auch die Musik härter, zum Beat kam der Rock und Bands wie Golden Earring, Deep Purple, Black Sabbath und Led Zeppelin bedienten die damals neue Stilrichtung. „Viele der Hardrocker sind heute noch aktiv“, so der Kurator. Bei der Gestaltung der Ausstellung sei es äußerst vorteilhaft gewesen, dass sie „sehr treue Fans norman ascot_mythos vinyl_museum neuköllnhaben, die fanatische Sammler sind und sich außerdem eine gut vernetzte Szene aufgebaut haben.“

In Deutschland fand indes, nicht zuletzt durch den Erfolg der ZDF-Hitparade, mit der Schlagermusik das Kontrastprogramm zum Hardrock seine Fans. Und davon profitiert der aus Neukölln stammende Plattenpro- duzent  Norman Ascot  noch heute. Er schrieb nicht nur für Gunter Gabriel den Hit „Ich bin ein CB-Funker“ und entdeckte die Berliner Schülerband The Teens, sondern war vor allem als Texter für Roland Kaiser äußerst erfolgreich:  Für tanzfläche_mythos vinyl_museum neuköllnbetreten der tanzfläche auf eigene gefahr_mythos vinyl_museum neukölln„Gefühle sind frei“ erhielt er 1984 eine Gol- dene Schallplatte, 1982 sogar Platin für „Dich zu lieben“. Im selben Jahr war jenseits des Atlantiks mit „Thriller“ das nach wie vor erfolgreichste Album der Musikgeschichte produziert und Michael Jackson  zum Megastar katapultiert wor- den. „In der Musikindustrie, wo bis dahin das Diktat der Segmentierung galt, wurde durch ihn, den Schwarzen, der tanzbare Musik für alle machte, ein neues Kapitel der Vermarktung aufgeschlagen“, weiß Volker Banasiak. Etwas Neues erlebte vor über 30 Jahren auch die Tonträger-Industrie: Die Vinyl-Schallplatte wurde mehr und mehr lieblingsplatten der neuköllner_mythos vinyl_museum neuköllndurch CDs verdrängt. „Aber für viele Bands gehört es heute wieder zum guten Ton, auf Vinyl aufzunehmen.“

Aber welche Musik hören denn nun die Neuköllner? „Auf unseren Aufruf, die Schallplatte mit ihrem Lieblingssong zur Verfügung zu stellen und die Geschichte dazu zu erzählen, haben sich Menschen zwischen 17 und 87 Jahren gemeldet“, bilanziert Volker Banasiak. Insgesamt 50 sind es, die eine Wand des Ausstellungsraums dekorieren. Frank Sinatra, Jethro Tull, Arno & Andreas, der Viersener Kinderchor und AC/CD sind dabei, ebenso Elton John, die Beatles, Prince, Donovan und Kate Bush. Was man vergeblich sucht, sind Abba, Punk und die Neue Deutsche Welle, The Police und The Cure, U2 und Volksmusik. „Wir haben uns nicht über Sachen gewundert, die nicht dabei sind. Das ist zu viel“, gesteht der Kurator schmunzelnd.

Mythos Vinyl wird noch bis zum 28. Dezember im Museum Neukölln gezeigt. Empfehlenswert ist, sich für den Gang durch die Ausstellung an der Besu- cher-Info einen Tablet-PC zu leihen, auf dem Bild- und Tondokumente zu allen Exponaten gespeichert sind. Außerdem ist zur Ausstellung eine le- senswerte Begleitpublikation erschienen, die ebenfalls vor Ort erhältlich ist.

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