Roter Faden: radikale Ehrlichkeit

plakat erich mühsam-lesungAm 10. Juli 1934 starb im KZ Oranienburg der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam. SS- Männer hatten ihn ermordet, um aber einen Selbstmord vorzutäuschen, wurde seine Lei- che aufgehängt. Mühsams Todestag vor 80 Jah- ren war für das Museum Neukölln Anlass, zu einer Lesung aus seinen Tagebüchern in den Kul- turstall des Gutshofs Britz einzuladen.

Museumsleiter Dr. Udo Gößwald führte in die Lesung ein. Er freute sich, dass geschätzte 60 Interessierte erschienen waren, darunter auch Bernd Szczepanski, der Neuköllner Sozialstadt- rat. Dr. Gößwald berichtete, dass Mühsam, der vorher in München gelebt hatte, im Dezember 1924 nach dem Ende seiner fünfjährigen Haftzeit nach Berlin kam. Von 1928 bis zu seiner Verhaftung am 27. Februar 1933 wohnte er mit seiner Frau Kreszentia, ge- nannt Zenzl, in der Hufeisensiedlung im Neuköllner Ortsteil Britz. Was für mich und sicher auch für viele Zuhörer neu war, war die Information, dass der Sozialdemokrat Herbert Wehner ein Ziehsohn von Erich Mühsam gewesen ist und eine zeitlang auch evelyn rahm_chris hirte_kulturstall britz_neuköllnbei ihm wohnte.

In der folgenden Lesung werde die Konzen-tration auf die Tagebücher-Passagen mit Bezug zum 1. Weltkrieg gelegt, leitete Gößwald an Chris Hirte (r., neben Evelyn Rahm) über. Der Mittsechziger beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Leben und Werk Erich Mühsams und ist Herausgeber der Tagebücher in Printform, die als 15-bändige Edition im Verbrecher Verlag erscheint. „Ich war Anarchist, bevor ich wusste, was Anarchismus ist“, zitierte Hirte den Schriftsteller zum Einstieg in dessen Biographie:

Es war eine strenge, von Prügel geprägte Erziehung, mit der der Sohn eines Apothekers und Abgeordneten der Lübecker Bürgerschaft aufwuchs, doch davon ließ sich der kleine Erich nie kleinkriegen. Mit der Zeit, berichtete Chris Hirte, habe er vielmehr die Angst vor Strafe und Autoritäten verloren und das Schreiben zur Flucht aus der Realität entdeckt. Zuerst schrieb Mühsam Gedichte, im Alter von 32 Jahren begann er schließlich, Tagebuch zu führen. Insgesamt umfassen seine Auf- tagebücher erich mühsamzeichnungen den Zeitraum von 1910 bis 1924. „Von 1912 bis Mitte 1914 hat Mühsam“, wie Hirte recherchier- te, „aber kein Tagebuch geschrie- ben.“ Tagebücher, die er zwischen dem November 1916 und dem April 1919 verfasst hat, seien indes verschollen. „Man vermutet, dass sie politisch brisantes Material ent- hielten, das politischen, in die Sow- jetunion emigrierten Auswanderern hätte gefährlich werden können“, sagte der Mühsam-Biograph. „Vielleicht sind sie deshalb vernichtet worden.“ Dass überhaupt noch Tagebücher des Anarchisten erhalten sind, sei maßgeblich dessen Ehefrau zu verdanken, die die Schriftstücke bei ihrer Flucht nach Prag mitgenommen hatte. „Im Jahre 1936 reiste sie weiter nach Moskau und lieferte dort den Nachlass ab“, infomierte Chris Hirte. 1955 schließlich, als Zenzl Mühsams 18-jährige Haftzeit als politische Gefangene in sow- jetischen Lagern und Gefängnissen vorbei war, ließ sie Mikrofilmrollen vom Nachlass ihres Mannes anfertigen. So habe auch 1958, vier Jahre vor Zenzl Mühsams Tod, ein 415px-Bundesarchiv_Bild_146-1981-003-08,_Erich_Mühsamkleiner Gedichtband  erscheinen können.

Dass Erich Mühsam auch heute noch für manche jungen Menschen interessant ist, begeistert Chris Hirte, gleichwohl leuchtet es ihm ein. Bei Fragen wie „Wer bin ich?“ und „Was mache ich in dieser Welt?“, findet er, könne die Lektüre seiner Werke eine Hilfe sein.

Eine radikale Ehrlichkeit zieht sich als roter Faden durch Mühsams Schriften; Passagen aus ihnen trug Evelyn Rahm akzentuiert gelesen vor. Darauf, ein gutes Bild von sich abzugeben und gefällig zu sein, legte der gebürtige Berliner keinen Wert. Er wollte die Bedeutung seiner Person nutzen, um seine politischen Ansichten zu Gesellschaft und Krieg in die Bevölkerung zu tragen und zu warnen. Ganz klar erkannte er die Pro- paganda des 1. Weltkriegs, gleich welchen Landes. Hatte er anfangs noch Freude an deutschen Siegen, weil sie mit der Hoffnung auf ein schnelleres Ende des Kriegs verbunden waren, war er später desillusioniert. Eine Düsternis breitete sich in Mühsam aus, als er wahrnahm, dass er die Menschen nicht mehr – wie noch vor dem Krieg – erreichte.

Ein weiteres zentrales Thema im Leben des Politaktivisten waren Frauen: Unge- schönt breitet er in den Tagebüchern, die schon im Hinblick auf eine spätere Ver- öffentlichung geschrieben wurden, seine Eskapaden aus. Naheliegend dass daraus Beziehungskonflikte mit seiner Ehefrau entstanden. So auch am 1. Januar 1916: Er habe in der Silvesternacht in den Armen einer Frau gelegen, schreibt Mühsam, leider aber nicht in denen seiner Zenzl, die ihm daraufhin Vorhaltungen gemacht habe und für Stunden von der Wohnung weggeblieben sei. Das machte ihm – nicht zuletzt aus praktischen Erwägungen – Sorgen: Wer denn nun sein Bett mache und für ihn koche, fragte er sich und vertraute dies seinem Tagebuch an. Tröstlich, dass Bequemlichkeit manchmal auch bei einem so radikalen Anarchisten wie Erich Mühsam einen hohen Stellenwert hatte, finde ich.

Sechs Ausgaben der insgesamt 15-teiligen, gebundenen Edition der Tage- bücher von Erich Mühsam sind bereits im Verbrecher Verlag erschienen. Digital sind die Werke außerdem unter http://www.muehsam-tagebuch.de/tb/index.php abrufbar.

=Reinhold Steinle=