„Sie war eine coole Sau!“

tim renner_gedenktafel-enthüllung inge meysel_berlin-schönebergEs waren ungefähr 50, überwiegend ältere Menschen, die sich gestern Nachmittag vor dem Haus Heylstraße 29 im Bezirk Schö- neberg versammelten, um bei der Enthül- lung der Gedenktafel für Inge Meysel an- wesend zu sein. Als erster Redner würdig- te Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner die gebürtige Neuköllnerin. Dass während der kurzen Ansprache die vor der Gedenk- tafel angebrachte Hülle herunter fiel, sich die Tafel also selber enthüllte, kommen- tierte Renner spontan mit  „Dies hätte Inge Meysel sicher gefallen!“. Mit der Einschät- zung lag er sicher nicht falsch. Ob es der berühmten Schauspielerin aber gefallen hätte, vom Kulturstaatssekretär als „coole Sau“ bezeichnet zu werden? Ich per- berliner gedenktafel_inge meysel_berlin-schönebergsönlich fand diesen Jargon geschmacklos.

Ganz andere Töne schlug Peter Bosse an, der Meysel erst nach der Wende durch seine Radio-Tätigkeit kennen gelernt hatte. Im Nachhinein, sagte der 83-Jährige, be- dauere er, dass nicht mehr Sendungen mit ihr zustande kamen, denn sie hätten sich menschlich gut verstanden. Nicht zuletzt, weil beide einen jüdischen Elternteil hatten – bei Inge Meysel war es der Vater, bei Peter Bosse die Mutter.

Anschließend hielt noch die als PDS-Politikerin bekannt gewordene Angela Mar- quardt eine berührende Rede. Sie begegnete der 2004 verstorbenen Schauspielerin erstmals 1995 bei einer TV-Talkshow. Bis dato hatte Marquardt, da in der DDR aufgewachsen und der jüngeren Generation angehörend, nicht einmal den Namen Inge Meysel gekannt, wie sie berichtete. Umgekehrt kannte diese die junge Politi- kerin nicht. „Wer ist denn der da hinten?“, habe sie einen Mitarbeiter der Fernseh- sendung gefragt, als sie Marquardt in der Maske bemerkte. Die Überraschung, dass der vermeintliche Er eine Sie war, sei daraufhin groß gewesen. Mit dem bunt ge- färbten Kurzhaarschnitt von Angela Marquardt konnte sich Inge Meysel auch später nie wirklich anfreunden, trotzdem habe sich aus dieser Begegnung mit der Zeit eine gedenktafel-enthüllung inge meysel_berlin-schönebergFreundschaft entwickelt: „Aus Hochachtung habe ich sie aber immer mit ‚Frau Meysel‘ angesprochen.“

Inge Meysel bestand darauf, Angela Marquardt mo- natlich für ihr Studium finanziell zu unterstützen. Auch einen Urlaub machten die beiden Frauen zusam- men: Nachdem die Schauspielerin ihr erzählt hatte, dass sie zuletzt 1932 in Hiddensee gewesen war, schlug Marquardt ihr eine gemeinsame Reise dort- hin vor. Während der Woche auf der Ostsee-Insel habe Meysel, die sonst kaum über ihre Kindheit und Jugend sprach, stundenlang von dieser Zeit erzählt, erinnert sich die inzwischen diplomierte Politikwis- senschaftlerin.

Desöfteren wurde sie zudem in die Wohnung in der Heylstraße 29 eingeladen. Nach dem II. Weltkrieg hatte dort Meysels Vater ein Zim- mer im Erdgeschoss zugeteilt bekommen. Mit der Zeit konnte die Familie weitere Zimmer hinzumieten, so dass letztendlich eine geräumige 5-Zimmer-Wohnung ent- stand, die Inge Meysel schließlich erwarb. Auch als sie längst im Eigenheim in der Nähe von Hamburg lebte, kam die Schauspielerin häufig in das Domizil in Schöne- berg zurück – und kaufte bei einem damals noch bestehenden Discounter in der heylstr 29_berlin-schönebergNachbarschaft ein. Bei der Auflösung der Wohnung, die noch zu Lebzeiten des Film- und Fernsehstars erfolgte, machte sie Marquardt das Angebot, etwas für sich auszusuchen: „Als ich zögerte, schenkte Frau Meysel mir die Dienstbotenglocke der Eltern“, erzählt die heute 42-Jährige, das Geschenk demonstrierend. Dass der jüdische Kaufmann Julius Meysel und seine dänische Ehefrau Margarete Han- sen auch schwere Zeiten durchmachen mussten, habe sich wiederum an Büchern gezeigt: Einige von denen, die ausgehöhlt waren, um in ihnen Geld verstecken zu können, hat Angela Marquardt ebenfalls als Erinnerung an Inge Meysel behalten.

Auch wenn ich die von Tim Renner benutzte Bezeichnung „coole Sau“ im Zusam- menhang mit der „Mutter der Nation“ für deplatziert halte – von einem hatte sie nicht wenig: Courage. Als in einem Restaurant jemand eine dicke Zigarre rauchte und die- se gerade im Ascher abgelegt hatte, ging Inge Meysel zu dem Tisch und kippte Wasser auf die Zigarre: Dies war ein Auftritt der kleinen großen Frau, den Peter Bosse miterlebt hat und nun in seinen Anekdoten-Schatz aufbewahrt.

=Reinhold Steinle=

3 Antworten

  1. Naja, sicherlich ist „coole Sau” nicht die eleganteste Formulierung unter dieser Sommer. Sie umschreibt hier aber im positiven Sinn genau das, was Frau Meysel immer war: sie war erstaunlich früh extrem modern in ihrem Denken und Handeln, unglaublich geradlinig und direkt offen.

    Heute bezeichnet man im Berliner Straßenjargon so jemanden als „coole Sau”.

    (P.S. bitte keine Trennstriche mehr per Hand setzen, das liest sich auf Dauer dann doch anstrengend. ,-) )

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  2. „… dieser Sonne” sollte das im ersten Satz heißen.

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  3. Ich finde „coole Sau“ im Zusammenhang mit Inge Meysel vollkommen in Ordnung. Es würde mich sehr wundern, wenn sie sich jetzt im Grabe umgedreht hätte.

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