Mit vereinten Kräften von der Skandal- zur Vorzeigeschule

rütli-schule_campus rütli_neukoelln2006 war nicht nur das Jahr des deutschen Sommermärchens, es war auch das Jahr, in dem die Neuköllner Rütli-Schule Schlag-zeilen machte. Mit einem Brandbrief, der die Zustände an der Schule skizzierte, hatte sich das Lehrerkollegium damals an diverse Institutionen und politische Entscheidungs-träger gewandt: „Wir sind ratlos“, schrieben sie und schlossen mit der Hoffnung, dass bis zum Jahr 2009, dem 100-jährigen Be- stehen des Schulgebäudes, „eine Schule geschaffen werden kann, in der Schüle-r/innen und Lehrer/innen Freude am Lernen bzw. Lehren haben.“ Was ist – weitere fünf Jahre später – aus dieser Hoffnung geworden? Welche Stimmungslage prägt heute den Alltag an der Schule, die inzwischen zum Leuchtturm-Bildungsprojekt Campus Rütli gehört und diesem auch ihren Namen gab? „Die Schülerschaft der Sekun- darstufen I und II ist im Wesentlichen noch so wie im Brandbrief beschrieben“, sagt cordula heckmann_campus rütli_neuköllnCordula Heckmann, die 2001 als Lehrerin zur Rütli-Schule kam und seit 2009 Schulleiterin des Campus Rütli ist. „Mehrheitlich gehören sie zu den klassi- schen Bildungsverlierern.“

Um die 900 Mädchen und Jungen besuchen derzeit die drei Schulen, die auf dem Campus zu einer fu- sionierten und alle in Berlin möglichen Schulab-schlüsse zulassen; 84 Prozent von ihnen, so Heck- mann, sind nicht-deutscher Herkunft, 78 Prozent von der Zuzahlung für Lernmittel befreit. Wie viele Schü- ler einst die Rütli-Schule ohne Abschluss verließen, kann die Schulleiterin nicht sagen: Um die 20 Prozent, schätzt sie. Den aktuellen prozentualen Anteil beziffert die rütli schule_campus rütli_neuköllnSchulleiterin mit „fünf bis sieben“, damit liege man  unter dem Durchschnitt anderer Neuköllner Schulen.

Der Grund, weshalb der Mediendienst Integration die- ser Tage zu einer Medien-Tour über den Campus Rütli eingeladen hatte, war jedoch ein anderer: Heute findet die feierliche Zeugnisübergabe an den ersten Cam- pus Rütli-Abiturjahrgang  statt. 2007, als der Wirbel um den Brandbrief noch allgegenwärtig war, kamen die 23 Jugendlichen an die Schule: „Nur zwei hatten keinen Migrationshintergrund – und nur zwei eine Gym- nasial-Empfehlung“, berichtet Cordula Heckmann stolz. Für 18 der 23 wird das Ler- nen für die Prüfungen mit dem Abiturzeugnis belohnt; fünf Schülerinnen und Schü- christina rau_medientour campus rütli_neuköllnler, die die Prüfungen nicht bestanden, verlassen die Schule mit der Fachhochschulreife.

Ein Sonntagsspaziergang seien die letzten Jahre, in denen sich die einst verrufene Rütli-Schule zum Leuchtturmprojekt Campus Rütli aufschwang, wahr- lich nicht gewesen, betont Christina Rau. Sie ist Schirmherrin des Campus und zugleich Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung Zukunft Berlin, die den Pro- zess, aus drei Schulen sowie zwei Kindertagesstätten eine Bildungskette von der Kita bis zum Beruf zu machen, als wichtigste Unterstützerin begleitet hat. Von „vielen schwierigen Kämpfen“, spricht sie, und davon, dass alle in den Alltag des Campus Involvierten viel lernen mussten. Die Einbeziehung der Eltern von Anfang lageplan campus rütli_neuköllnan, sei beispielsweise eine Herausforderung gewe- sen. Ebenso die Individualisierung des Unterrichts und die Beteiligung der Schüler an der gemeinschaft-lichen Gestaltung des Schullebens, ergänzt Cordula Heckmann. „Es ist ein tägliches Ringen“, resümiert Christina Rau, „dass ein großes Ganzes entsteht.“

Einen beträchtlichen Teil zum Gelingen trägt auch die von der Freudenberg-Stiftung initiierte Aktion Ein Qua- dratkilometer Bildung bei, die bereits seit 2007 mit einer pädagogischen Werkstatt auf dem Neuköllner Schulgelände aktiv ist. „Wir bleiben 10 Jahre“, unter- streicht Dr. pia gerber_freudenberg-stiftung_campus rütli_neuköllnPia Gerber (r., neben Medien- dienst Integration-Moderatorin Rana Göro- glu), die Geschäftsführerin der Stiftung, und liefert den Grund für dieses nach- haltige Engagement gleich mit: „Weil eine große Ermüdung für kurzfristige Projek- te bei langfristigen Problemen herrscht.“ Dieses Prinzip vom Fördern und Feuern, das nicht nur im Bildungsbereich und nicht nur in Neukölln zu massivem Unmut führt, will die bundesweit operierende Stiftung durchbrechen, die sich den Grundsatz „Kein Kind darf verlorengehen!“ auf die Fahnen geschrieben hat. Selbstverständlich, sagt Gerber, sei der Handlungsdruck anfangs enorm gewesen, doch man habe sich musikraum_campus rütli_neuköllndie Zeit genommen, mit allen Beteiligten etwas zu ent- wickeln: eine Verantwortungsgemeinschaft, die nicht bereit ist, weiterhin als Normalität hinzunehmen, dass ein benachteiligtes Quartier in Deutschland automa- tisch als Synonym für Bildungsungerechtigkeit ste- kleingartenkolonie hand in hand_campus rütli_neuköllnhen muss.

Etwa 32 Millionen Euro, so die aktuellen Planungen, werden – finanziert durch Senats- und Bezirksmittel sowie Stiftungsgelder – in das Areal zwischen Pflüger- und Weserstraße fließen, bis das große Ganze na- mens Campus Rütli fertig ist. Eine Quartierssport- halle, deren Foyer auch für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen genutzt wird, wurde bereits in Betrieb genommen; auf dem Gelände der geräumten Kleingarten- kolonie „Hand in Hand“ rütli-schule_campus rütli_berlin-neuköllnsollen Sportanlagen und Neu- bauten für ein Begegnungs- und Beratungshaus so- wie berufsvorbereitende Werkstätten entstehen. Darü- ber hinaus werden bei laufendem Betrieb die maro- den existenten Gebäude saniert.

Heute soll die einstige Rütli-Schule aber erstmal ein neues Schulschild mit ihrem offiziellen Namen „Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli bekommen. Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, Be- zirksbildungsstadträtin Dr. Franziska Giffey und Siegfried Arnz von der Senatsbil- dungsverwaltung werden es feierlich enthüllen – nachdem sie den ersten 18 Rütli-Abiturienten gratuliert haben.

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