Geschichte zum Anfassen, Lernen und Ausleihen

materialkoffer ns-zwangsarbeit_museum neuköllnEin Seifenstück, kaum größer als eine Streich-holzschachtel. Fotos von Menschen, die, sich um ein Lächeln bemühend, in ihrer Arbeits-materialkoffer zwangsarbeit_museum neukoellnkleidung posieren. Kleine Betonbro- cken und rostige Nägel, ein Rosen- kranz und Tage- buchaufzeichnun- gen. „Wir haben jetzt erst verstanden, worum es wirk- lich geht“, sagen die Schülerinnen und Schüler der 10. Jahrgangsstufe der Neuköllner Clay-Schule nach ihrer Projektwoche zum Thema Zwangsarbeit. Was vorher eine von vielen Vokabeln aus dem Geschichtsunterricht war, hat nun für sie eine völlig neue Bedeutung mit un- geahnten Dimensionen bekommen. Und eine ungeahnte Nähe: Denn auf dem Grundstück, auf dem der Neubau ihrer Schule errichtet wird, befand sich ein Zwangs- arbeiterlager. schülerinnen clay-os_materialkoffer ns-zwangsarbeit_museum neuköllnEines von etwa 40, die es in Neu- kölln gab. Insgesamt rund 3.000 Lagerstand- orte waren es  in ganz Berlin. Auch diese Zahl taugt wenig, um sich einem Gefühl der räum- lichen Distanz zu den Geschehnissen während stacheldraht_materialkoffer ns-zwangsarbeit_museum neuköllndes 2. Weltkriegs hingeben zu kön- nen.

„Die Zwangsarbei- ter erlebten die Höl- le, und wir sind es ihnen schuldig, dass man sich an sie erinnert und das Thema nicht vergessen wird“, finden die Jugendlichen. Um mehr über die stolperstein_materialkoffer ns-zwangsarbeit_museum neuköllnHölle zu erfahren, durch die in Berlin etwa eine halbe Million Menschen gingen, waren sie nicht nur im Geschichtsspeicher des Museums Neukölln, sondern auch im kirchlichen Archiv auf dem St. Thomas Kirchhof sowie im NS-Dokumenta- tionszentrum in Schöneweide. Dort lernten die Schülerin- nen und Schüler, dass viele der Zwangsarbeiter nur lagerausweis_materialkoffer ns-zwangsarbeit_museum neuköllnunwesentlich älter als sie selber waren und einzig zur Beruhigung ihrer Angehörigen auf Fotos lächelten. Dass das winzige Seifenstück für drei Monate reichen muss- te und überhaupt alles – bis hin den wichtigsten Le- projektleitung_materialkoffer ns-zwangsarbeit_museum neuköllnbensmitteln Kartof- feln und Brot – ra- tioniert war. Dass sich die hart schuftenden Menschen, die durch Aufnäher auf ihrer Klei- dung sofort als Zwangsarbeiter erkennbar waren, während der S- oder U-Bahnfahrten zwi- schen Unterkunft und Arbeitsort nicht mal hin- setzen durften.

Durch den von Corinna Tell (l.) und Mareen Maaß für den Denk mal an Berlin e. V. entwickelten Materialkoffer Zwangsarbeit bekamen die Jugendlichen einen völlig neuen Zugang zum Thema. „Bisher“, so die Projektleiterinnen, „wurde es sachlich oder emotional behandelt. Mit dem Materialkoffer wird eine Verbindung zwischen inhalt materialkoffer ns-zwangsarbeit_museum neuköllnSachlichkeit und Emotionalität geschaf- fen und zu entdeckendem, forschendem Lernen angeregt.“ Über 50 Objekte, Foto- grafien und Tagebuchaufzeichnungen bein- haltet der Materialkoffer, zu dem außerdem Info- und Aktionskarten sowie Spiele und eine Begleitbroschüre gehören. In dreifa- cher identischer Ausfertigung gibt es den Koffer bisher, der ab sofort zum Verleih an Schulen, Projektgruppen und historisch Interessierte bereitsteht. „Vor dem Ausleihen der Materialsammlung gibt es für Lehrer und Projektleiter eine Einführung ins Thema und die Handhabung der mobilen zwangsarbeiterlager rudow_neubau clay-oberschule neuköllnAusstellung“, ergänzt Corinna Tell. Als „vielstim- migen Chor von Zwangsarbeiterstimmen“ be- zeichnet Mareen Maaß den Inhalt des Koffers.

„Wir sind sehr gespannt, ob und wie das Ange- bot nachgefragt wird“, sagte Elisabeth Ziemer, die stellvertretende Vorsitzende des Denk mal an Berlin e. V., bei der Präsentation des Mate- rialkoffers Zwangsarbeit im Museum Neukölln. Für die Zehntklässler der Clay-Oberschule indes scheint der Erfolg völlig außer Frage zu stehen. Sie wollen „noch viel mehr über das Thema Zwangsarbeit erfah- ren“ , beschäftigen sich aber auch bereits mit der weitreichenderen Frage, wie künftig grundsätzlich „mit unangenehmen geschichtlichen Themen“ umgegangen werden sollte. Eine Idee hätten sie schon: Das Grundstück in Rudow, wo ihr Schulneubau entstehen soll, sei mit der noch stehenden Wirtschaftsbaracke ein idealer Ort, um eine Debatte zur Erinnerungskultur zu führen, finden die Jugendlichen.

Unter dem Motto „Geschichte ausgraben“ sucht die AG NS-Zwangsarbeit der Berliner Kirchengemeinden derzeit noch Helfer, die sich vom 4. bis 15. August an der Freilegung der Fundamente der Zwangsarbeiterbaracken auf dem Friedhof in der Hermannstraße 84 beteiligen wollen. Weitere Informationen: hier.

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