Letzter Tag und letzter Talk im Junipark

junipark_berlin-neuköllnOft liegen Welten zwischen dem Ist- Zustand und dem, der erwünscht wäre. Die Wirklichkeit mit ihren Be- gebenheiten und Zwängen stellt sich erbarmungslos vor Visionen, ver- hängt den Blick auf individuelle Be- dürfnisse oder katapultiert sie gleich ganz ins Nirwana. Auch so Elemen- tares wie das Wohnen durchläuft in Berlin zunehmend diesen Prozess. Aber muss das wirklich so sein? Damit beschäftigte sich kürzlich eine Talkrunde im Junipark in Neukölln, der heute letztmalig öffnet und besucht werden ülker radziwill_junipark-talk2_neuköllnkann.

Gemeinsam mit der SPD-Politikerin Ülker Radziwill (l.), die für ihre Partei vorrangig die Themen Sozial-, Integrations- und Mie- tenpolitik im Berliner Abgeordnetenhaus beackert, diskutierten musterhaus_junipark-talk2_neuköllnVertreter alternativer Wohnprojekte über Wohnutopien und -realitäten in den Kiezen der Hauptstadt. Zu- nächst aber stellten sie dem Pub- likum sowie der Politikerin ihre bereits verwirklichten oder in Umsetzung begriffenen Visionen vom schönen Wohnen vor. Wie es sich in einem Mietshaus lebt, das muss kaum jemandem erklärt werden. Doch wie kommt jemand mit  nur 14 Quadratme- tern Wohnfläche zurecht? Wie ist es, ausschließlich mit  Kollegen zusammen zu leben? Und was muss passieren, bevor eine ehemalige Polizeiwache von einem Kollektiv bezogen werden kann?

Er vermisse nichts, sagt Jan Körbes (r.), der in einem Silo in Moabit lebt und davon träumt,  sein Silo City-Projekt zu verwirklichen. Das Wohnzimmer der in den Nieder- landen umgebauten Silo-Tonne sei zwar nur 4,2 Quadratmeter klein, aber das reiche, zumal er außerdem einen Balkon und einen Keller habe, in dem Besuch beherbergt werden kann. „Man sollte allerdings nicht größer als 1,80 Meter sein“, hat er her- ausgefunden. Grundsätzlicher ist sein Tipp für diejenigen, die – wie er – Ambitionen haben, mit experimentellem Wohnraum den eigenen Lebensraum zu gestalten: „Man muss seinen Träumen Namen geben, sonst entstehen sie nie!“

Das Haus, in dem James Hudson (2. v. l.) lebt, gehört einem seiner Mitbewohner und heißt Rembrandthaus. Der Name ist Programm: Wer dort einziehen will, muss Künstler sein – und darf nicht allzu viel Wert auf mehr als ein Minimum an Privatsphä-

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re legen. Mit „Co-Working and Co-Living“ beschreibt Hudson das Prinzip des Mit- einanders, das sich bis in den Schlafbereich zieht. Alle würden in einem Zimmer schlafen, erklärt er den Junipark-Besucher.

Caroline Rosenthal (M.) wirkt nicht, als würde sie sich mit dieser Form des Wohnens anfreunden können. Bei Körbes Silo-City, hatte sie bereits vorher kritisiert, fehle ihr ein politischer Ansatz.  Mit ihrer Initiative Rathausstern Lichtenberg plant Rosenthal Großzügigeres und Gesellschaftsrelevanteres: Die verlassene Polizeiwache des Bezirks soll, nach dem Modell des kollektiven Besitzes durch Investitionen von Reicheren gekauft und zum Wohnprojekt umgestaltet werden. Derzeit befinde man outreach-breakdancer_junipark-talk2_neuköllnsich im Bieterverfahren.

Nach dem Auftritt einer Breakdance-Gruppe des benachbarten Jugendtreffs entwickelt sich eine lebhafte Diskussion um gestiegene und weiter steigende Mieten, Verdrängte und Verdränger und das Zutun der Politik. „Das Problem ist nicht, dass Leute hier her ziehen, sondern das sich nicht darum gekümmert wird, wie das Zusammenleben funktioniert“, monierte eine Frau aus dem Publikum in Richtung Ülker Radziwill. Sie habe eigentlich nur zuhören wollen, entgegnete die, ging dann aber auf den Vorwurf ein: „Es ist unbestritten so, dass die Politik versu- chen  muss, gute  Nachbarschaft  zu erhalten.“  Leider  würden sich die  politischen

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Mühlen aber recht langsam drehen, sie jedenfalls wünsche sich das Gegenteil. „Die Mietpreisbremse wollte ich beispielsweise schon 2008“, so Radziwill, „habe sie aber in meiner Fraktion nicht durchgekriegt.“ Wohnraum dürfe nicht als Profit gedacht moderatoren-team_junipark-talk2_neuköllnwerden, mahnte die SPD-Frau, und wich- tig sei, ein Instrument gegen spekula- tiven Leerstand zu finden. Zudem müs- se, auch das gab sie zu, Politik sich öff- nen und Partizipation zulassen. Das hätte nicht zuletzt der Volksentscheid für die Nichtbebauung des Tempelhofer Felds bewiesen.

Heute um 15 Uhr lädt die Aktionsgruppe Rederei zum vierten und letzten Junipark-Talk ein. „Tempelhofer Feld – Wat nu?“ heißt das Thema. Darüber, wie es weitergeht und was bisher geschah, debattieren Diskutanten vom Schilleria Mädchencafe, Stadtteil- und Infoladen Lunte, der Berliner Mieter- gemeinschaft, Arche Metropolis sowie der Initiative 100% Tempelhofer Feld.

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