48 Stunden im Zeichen der Courage

48 h nk-festivalzentrale_neukoelln arcaden„Hier ist Kunst“. Ganz unangebracht ist dieser Hinweis nicht, denn was zunächst auf der Frei- fläche in der 1. Etage der Neukölln Arcaden auf- fällt, ist, dass dort Fußball ist. Dass hinter WM-Deko und grünem Kunstrasen, wo einst der Klamottenladen „Olymp & Hades“ eine Filiale 48 h nk-courage.zentrale_neukölln arcadenhatte, das Kunstfes- tival 48 STUNDEN NEUKÖLLN  mit sei- ner Courage.Zentrale eingezogen ist, er- schließt sich erst auf den zweiten Blick. Morgen um 19 Uhr wird hier das Festwochenende der Neuköllner Künstler- szene eröffnet, das bis Sonntagabend zum Er- kunden von etwa 300 Orten einlädt. Rund 200 davon präsentieren Kunst, die sich inhaltlich mit dem diesjährigen Festivalthema „Courage“ auseinandersetzt, weitere circa 100 Galerien und offene Ateliers zeigen als assoziierte Orte ihr eigenes Pro- dutch courage_48 h nk-courage.zentrale_neukölln arcadengramm. Insgesamt seien es um die 400 Projekte mit 1.000 bis 1.200 Aktiven, die sich an der 16. Auflage der 48 STUNDEN NEUKÖLLN beteiligen, schätzt Festivalleiter Dr. 48 stunden neukölln-pk_neukoelln arcadenMartin Steffens (r.) und betont, dass diese längst nicht mehr nur aus Neukölln oder Berlin kämen, sondern z. B. auch aus Barcelona, Lyon, Warschau, London, Stockholm und Toronto. Fast 60 Künstler sind allein in die kuratierte Ausstellung in der Festival- _48 h nk-courage.zentrale_neukoelln arcadenzentrale in den Neu- kölln Arcaden involviert, die unterschiedliche Aspekte eines politischen und gesellschaftlichen Engagements behan- delt.

„Eigentlich“, sagt Steffens, „wollten wir noch einen zweiten kuratierten zentralen Ausstellungsort im Richardkiez einrichten.“ Um das Überdenken von Finanzsystemen hätte es im ehemaligen Su- permarkt, der demnächst vom Frauenzentrum RuT bezogen wird, gehen sollen. Doch für die Zwischennutzung hätten wegen Maßnahmen zur Einhaltung von Brand- schutzvorschriften „ein paar 1.000 Euro“ investiert werden müssen. Die aber gab das Budget nicht her – und der Mut zum Verzicht auf entsprechende Vorkehrungen fehlte den Organisatoren eben- falls, glücklicherweise. „Es ist zwar schade, dass wir brecht-zitat_courage.zentrale_neukoelln arcadenjetzt nur eine Zentrale haben, aber wenigstens konnte das geplante Projekt inhaltlich gerettet werden.“ Das gilt auch für das Musicourage-Musikschiff der Reederei Riedel: Es fährt am Wochenende ab Wildenbruchbrücke, im Gegen- satz zu den Vorjahren aber nicht mehr gratis, mailart-projekt_courage.zentrale_neukoelln arcadensondern zum Preis von 1,50 Euro pro Passagier, wie Auguste Kuschnerow vom Festival-Organisator Kulturnetzwerk Neukölln bei der gestrigen Pressekonferenz einräumen musste.

Neu seien auch die beiden Festival-Schwerpunkte: Die queere Reihe Rosa Route, so Kuschnerow (2. v. r.), wolle mit ausgewählten Projekten provozieren, informieren und zum Diskurs anregen; Das Junge Kunstfestival, das mor- gen um 16 Uhr auf dem Gelände des von Bally Wulff mit einem pk 48 stunden neukölln_neukoelln arcaden großen Kickerturnier eröffnet wird, biete erstmals ein spezielles Angebot für Kinder und Jugendliche. Während die Stiftung des Neuköllner Spielautomaten- herstellers das von Thorsten Schlenger (l.) betreute Festivalsegment für die U18- Generation unterstützt, konnte das Woh- nungsbau-Unternehmen Stadt + Land in diesem Jahr als privater Hauptsponsor gewonnen werden. Durch das Engage- ment, betonte dessen Geschäftsführer Ingo Malter (2. v. l.) solle im Allgemeinen der Verbundenheit mit dem Bezirk und speziell der Tatsache, dass das gesellschaftliche Leben einen Katalysator im Thema Kunst finde, projekt_courage.zentrale_neukoelln arcadenAusdruck verliehen werden.

Dass es bei 48 STUNDEN NEUKÖLLN längst um mehr als Kunst gehe, betonte auch Kulturstadträtin Dr. Franziska Giffey (M.), die stark verspätet und abgehetzt zur Presse- konferenz kam. „Sie sind fertig? Ich auch!“, gestand sie, bevor sie ihren Redebeitrag so couragiert wie unterhaltsam und sportlich in einem Bruchteil der dafür vorge- sehenen Zeit durchpeitschte. Vor allem bei Besuchen in Kitas merke sie immer wieder, dass sich inzwischen Menschen sehr bewusst für einen Umzug in den interkulturellen Bezirk entscheiden. 48 h nk-infopoint _neukölln arcaden„Dieser Bevöl- kerungswandel, von dem ich hoffe, dass er auch in den Schulen ankommen wird, tut Neukölln gut“, konstatierte Giffey. Und dessen Hintergrund habe das Festival nunmehr ebenfalls eine soziokultu- relle und gesamtgesellschaftliche Bedeutung.

Bemerkbar macht sich letzteres auch an finan- ziellen Faktoren. Zwar stemmt der Fachbereich Kul- tur des Bezirksamts mit insgesamt 38.500 Euro weiterhin das Gros des Kunstspektakels, erstmal fließen aber auch 2.000 bzw. 4.100 Euro aus dem Soziales-Ressort von Bernd Szczepanski und Falko Lieckes Abteilung Jugend in das Budget. Der Schwund der Kunstfilialen kann indes durch Gelder aus dem Rathaus nicht gebremst werden: Waren die über die Quartiersmanagements geförderten Einrichtungen noch vor Jahren in allen Neuköllner Kiezen präsent, um die dortigen Künstler zu vernetzen und Anlaufstelle für Besucher zu sein, ist ihre Zahl inzwischen auf zwei geschrumpft. Die Menge der Festivalveranstaltungen stagniert dagegen – auf hohem Niveau.

Zehn aus 400:

-> Das Künstlerkollektiv „WerIstJack“ zeigt vom 27. bis 29. Juni im seit vielen Jahren verwaisten Friseursalon neben dem Stadtbad Neukölln die interdisziplinäre Foto-Ausstellung „NeuCowardice“.
-> Am 27. Juni zwischen 20.30 und 22 Uhr verwandelt das Projekt „Instant Park 2“ den Hermannplatz in eine künstliche Oase aus Aufblaspflanzen; die Jugend Big Band Neukölln unter der Leitung von Sandra Weckert bespielt den ergrünten Platz.
-> Fünf Autoren tragen bei der von Poesiepädagogin Kirsten Heidler ini- tiierten Galerieführung „Wandelnde Texte“ am 28. Juni ab 17 Uhr und am 29. Juni ab 14 Uhr ihre Werke in ausgewählten Kunstorten im Körnerkiez vor; Treffpunkt ist das Atelier Kristina Berning.
-> Die Theaterschule Rixdorf präsentiert am 27. Juni um 20 Uhr, am 28. Juni um 17 und 20 Uhr sowie am 29. Juni um 17 Uhr bei Kutschen-Schöne das Georg Tabori-Stück „Mutters Courage“. Ebenfalls auf dem Anwesen des traditionsreichen Fuhrunternehmens am Richardplatz lädt der RomaTrial e.V. am 28. Juni von 17 bis 21 Uhr im Hilton-Zimmer 437 zur Performance „Romanistan ist tot, lang lebe Romanistan“ sowie am 29. Juni von 11 bis 13 Uhr zum Brunch im Hilton ein.
-> Beim VfJ Berlin beginnt am 27. Juni um 19 Uhr die Vorführung des Biografie-Films „Vor kurzer und langer Zeit“, der Menschen mit Behinderung im Alter portraitiert.
-> Im Kirchsaal der Ev. Herrnhuter Brüdergemeine zeigt die Künstlerin Had- mut Bittiger vom 27. bis 29. Juni ihre auditiv-visuelle Installation „beWege“.
-> Am 27. Juni um 19 Uhr eröffnet das Museum des Kapitalismus an einem temporären Standort in der Böhmischen Straße 11 mit Projekten zu den The- men „Die kapitalistische Wirtschaft“ und „Stadt im Kapitalismus“.
-> „Earth Worth – cycle of life“ heißt die Ausstellung des Fotokünstlers Thomas Luettgen, die vom 27. bis 29. Juni in der Papiersortierhalle der Firma Remondis zu sehen ist.
-> Mitten auf dem Richardplatz bietet vom 27. bis 29. Juni das Hotel Rix Gästen und Besuchern Zimmer, Bar und andere Services an. Die 15 Künstler von riXXperiment laden mit ihrem Open Air-Hotel zur Heraus- forderung der eigenen Courage und zum Kurzurlaub in der Öffentlichkeit ein.

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