Wenn Hoffnungen wahr werden

ehepaar hein_neuköllnDer 17. Juni 1944 war nicht nur der Tag, an dem die Republik Island ge- gründet wurde, sondern auch der, an dem sich Ilsetraud und Rudi Hein das Ja-Wort gaben. Gestern feierte das Paar den 70. Hochzeitstag, die Gna- denhochzeit.

Natürlich, sagen beide, hätten sie da- mals gehofft, dass ihre Ehe lange hält, ein wirklicher Bund fürs Leben ist und sie miteinander alt werden können. Doch das wünschen sich viele – und schaffen verhältnismäßig wenige. Dass er zum 60. oder 65. Hochzeitstag gratulieren dürfe, das komme schon dann und wann mal vor, sagt auch der Neuköllner Sozialstadtrat Bernd Szczepanski. „Aber  Gnadenhochehepaar hein_sozialstadtrat szczepanski_neuköllnzeit, das ist sehr, sehr selten.“ Ein Ereignis, das sogar die Regelung aufhebt, dass Jubilare, denen der Stadtrat persönlich Blumen und Glückwünsche bringt, mindestens 95 Jahre alt sein müssen.

Ilsetraud Hein ist gerade erst 90 geworden, ihr Mann Rudi hat drei Jahre mehr auf dem Buckel. Es war 1941, das Jahr zwei des 2. Weltkriegs, als ein gemeinsamer Freund die beiden miteinander bekannt machte. „Ein Paar wurden wir aber erst ungefähr ein Dreivierteljahr vor unserer Hochzeit“, sagt sie. Obwohl da doch von Anfang an mehr als Sympathie zwischen ihm und dem jungen Mädchen aus der Hufeisensiedlung hochzeitsfoto hein_17-06-1944gewesen sei, verrät er.

Im Februar 1945 bekamen Ilsetraud Hein und ihr Mann, der als Kfz-Mechaniker für die amerikanische Armee arbeitete, ihren Sohn Jörg. Auch bezüglich der Familien- planung lagen beide auf einer Wellenlänge: „Mehr als ein Kind wollten wir nicht.“ Viel Zeit hatten sie für das Glück zu dritt jedoch nicht, da Rudi Hein im März 1945 in russische Gefangenschaft geriet und zur Zwangsarbeit in den Kaukasus gebracht wurde. Erst im November 1947 kam der auf 96 Pfund abgemagerte Ehemann und Vater eines inzwischen 2 1/2-jährigen Sohnes in das vom Krieg zerstörte Berlin zurück. „Ich war meinem Mann immer treu“, sagt Ilsetraud Hein. Sich für die unvorhersehbar lange Zeit der Trennung einen Freund anzulachen, das sei nie ihr Interesse gewesen.

Nach dem Krieg arbeiteten beide viele Jahre „für die Amerikaner“, Rudi Hein, der Tüftler mit dem Berufsethos „Geht nicht, gibt’s nicht“ und der Leidenschaft fürs pokalSkatspielen am Flughafen Tempelhof, seine Frau – als der Sohn aus dem Gröbsten raus war – im Büro. „Ich habe im- mer mitgearbeitet, weil wir viel verreisen wollten“, sagt sie. Unzählige Male seien sie in den USA und häufig in anderen Ländern der Welt gewesen. „Bis vor drei Jahren sind wir sogar noch beide Auto gefahren“, erzählt Ilsetraud Hein, gibt aber zu, dass sie sich immer lieber fahren ließ.

Wenig später begann ihr Mann, ihr die Aufgabe der Selbst- ständigkeit in der eigenen Wohnung in Tempelhof und den Umzug in ein Neuköllner Seniorenpflegeheim schmackhaft zu machen. Der Kopf funktioniere noch bestens, sagt sie, aber das Laufen falle ihr äußerst schwer. „Dieses helle Doppelzimmer mit gleich drei Fenstern hat meine Frau dann aber doch überzeugt“, erzählt Rudi Hein. Seit dem Frühjahr 2012 bewohnt das zimmertür hein_neuköllnPaar es und weiß die Annehmlichkeiten, die das Heim mit seinem Betreuungs- und Veranstaltungsprogramm bietet, inzwischen durchaus zu schätzen. Nur das Mittag- essen sei nicht immer nach ihrem Geschmack.

Vom Skat ist Rudi Hein längst auf das Kartenspiel Skip- Bo umgestiegen, zusammen mit seiner Frau verbringt er viel Zeit damit. Für ein über Jahrzehnte hinweg eingespieltes Team wie sie, ist ein bisschen Gegen- einander das Salz in der Suppe. „Und morgens vor dem Frühstück hole ich immer an der Rezeption im Erd- geschoss die Zeitung für uns ab“, berichtet der 93- Jährige. Ein Patentrezept für eine so lange glückliche Ehe fällt beiden nicht ein: Alt werden muss man un- bedingt.

„Beneidenswert, wer dann noch so fit wie die Heins ist“, findet Bernd Szczepanski, der den Jubilaren nicht nur Blumen und Glückwünsche aus dem Neuköllner Rathaus mitbrachte. Auch von Berlins Regierendem Bürgermeister hatte er eine Grußkarte dabei – in der ein 50 Euro-Schein steckte. Wenn es Ilsetraud und Rudi Hein vergönnt sein sollte, in fünf Jahren ihre Kronjuwelenhochzeit feiern zu können, werde aber jemand anders zum Gratulieren kommen, kündigte der Sozialstadtrat an. Weil er in zwei Jahren in Rente gehe. „Aber vielleicht“, so Szczepanski, „sehen wir uns ja schon übermorgen beim Sommerfest des Heims wieder.“ Er habe den Termin jedenfalls schon in seinem Kalender stehen.

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