Fairplay aus Fernost, mit Steinen statt Bällen

1_100. go turnier_martha-gemeinde berlin-kreuzbergEin sonniger Juni-Abend auf der Hobrecht- brücke, die Neukölln mit Kreuzberg verbindet: Zwei Go-Spieler sitzen sich über dem Land- wehrkanal vor einem Holzbrett mit 19 mal 19 Linien gegenüber und besetzen abwechselnd die insgesamt 361 Schnittstellen des Spiel- bretts mit schwarzen und weißen Steinen. Einer der beiden Spieler ist Kalli Balduin, der seit der Jahrtausendwende als freiberuflicher 2_100. go turnier_martha-gemeinde berlin-kreuzbergGo-Lehrer in Berlin arbeitet.

Seine ersten kos- tenlosen Probe- stunden gab er für Neuköllner Grund- schüler in der Helene-Nathan-Bibliothek. Ein Quartiersmanager aus dem Schillerkiez wurde damals auf sein Angebot aufmerksam und empfahl ihm, einen Projektantrag zu schreiben. „Die Jury war vom Konzept so begeistert, dass mir in der Karl-Weise-Schule und in der Karlsgarten-Schule gleich zwei Kurse bewilligt wurden, obwohl ich nur einen beantragt hatte“, sagt Kalli Balduin nicht ohne Stolz. Weitere Go-Kurse in der Franz-Schubert Schule, für das Quartiersmanagement in der High-Deck-Siedlung und in der Rütli-Schule folgten. „Es ist schon komisch, aber die Jugendlichen, die ich früher unterrichtet habe, erkennen mich auch heute noch wieder und sprechen mich an, wenn sie mich treffen“, erzählt Kalli. Ein dauerhaftes Angebot für Kinder, Jugendliche und Junggebliebene konnte der Go-Lehrer mit dem leichten norddeutschen Akzent in der Ev. Martha-Gemeinde in 5_100. go turnier_martha-gemeinde berlin-kreuzbergKreuzberg einrichten, nur wenige Meter von der Neuköllner Bezirksgrenze entfernt.

Am vergangenen Mittwoch wurde hier das 100. Go-Turnier ausgetragen. Besonders gewürdigt wurde mit diesem Turnier, an dem mehr als 20 Go-Spielerinnen und -Spieler teilnahmen, der aus China stammende und heute in Japan lebende Profi-Spieler Go Seigen. Er gilt als bester Go- Spieler aller Zeiten und feierte am 12. Juni seinen 100. Geburtstag. Vor 4.000 bis 5.000 Jahren in China erfunden, nahm das Go-Spiel vor etwa 1.300 Jahren seinen Weg über Korea nach Japan. In Europa ist das Spiel seit den 1930er Jahren populär. Heute gibt es kaum ein Land auf der Welt, in dem es nicht gespielt wird. Nach wie vor ist allerdings Japan führend: Bereits vor etwa 300 Jahren wurden in Japan die ersten Go-Schulen eingerichtet. Die Go-Theorie ist im Land der aufgehenden Sonne so weit entwickelt, dass kein Nicht-Japaner die Spielstärke der 3_100. go turnier_martha-gemeinde berlin-kreuzbergjapanischen Berufsspieler übertreffen kann.

Obwohl die drei Grundregeln des Brett- spiels denkbar einfach sind, ist es unge- heuer komplex. Es wird deshalb – im Gegensatz zum Schach – immer noch von Menschen besser als von Computern be- herrscht. Bereits in den ersten drei Zügen gibt es mehr als 40 Millionen Kombina- tionsmöglichkeiten. „Kinder verstehen das Go überhaupt nicht, sind aber trotzdem vom Spiel fasziniert. Bereits bei den ersten Zügen auf einem kleinen Brett lernen sie klares, logisches und kombinatorisches Denken. Auch wenn ich in einer Stunde nur zwanzig Minuten Aufmerksamkeit gewinnen kann, ist das ein großer Erfolg. Die Kinder sind es doch überhaupt nicht gewohnt, sich zu konzentrieren!“, fasst der Go-Lehrer seine Erfahrungen zusammen. Ganz nebenbei lernen sie asiatische Rücksichtnahme und Höflichkeit kennen, denn kalli balduin_dschialin_100. go turnier_martha-gemeinde berlin-kreuzbergLeistungsschwächere erhalten den Regeln ent- sprechend Vorgabesteine, damit sie beim Spiel mithalten können. Wie selbstverständlich wünscht man sich gegenseitig zu Beginn ein gutes Spiel und bedankt sich am Ende für die gespielte Partie beim Gegenüber.

Und allen Vorurteilen zum Trotz gibt es in soge- nannten Problem-Quartieren ebenso talentierte Kinder wie anderswo: Dschialin Phan (r.), Berliner Go-Jugendmeister und heute Informatikstudent, lernte das Spiel erstmals bei einem Kurs in der heute zum Campus Rütli gehörenden Franz-Schu- bert Grundschule kennen. Letzten Mittwoch traf er seinen alten Go-Lehrer Kalli Bal- duin (l.) wieder.

=Christian Kölling=