Gesucht und nicht gefunden

alfred-scholz-platz_berlin-neukoellnDer Mann wirkt, als hätte er etwas verloren. Schiebt langsam sein Fahrrad über den Alfred- Scholz-Platz und sieht sich immer wieder um, manchmal aber auch konzentriert zu Boden. Nein, sagt er, er habe nichts verloren, suche aber trotzdem etwas: die Aufenthaltsqualität, die der Platz an der Neuköllner Karl-Marx-Straße seit seiner Umgestaltung und -benennung ha- ben soll. Alle möglichen Leute, angefangen beim Baustadtrat des Bezirks, hätten ihm die versprochen, deshalb würde er nun nach ihr Ausschau halten. Auf den neuen, „spärlich vorhandenen“ Bänken sei sie jedenfalls nicht zu finden. Das hat er schon getestet: „Wegen der viel zu niedrigen Rückenlehnen sind die  vor allem unbequem.“ Eine Einladung zum Verweilen, die man gerne ausschlägt. Zum Liegen sind sie na- bank_alfred-scholz-platz neuköllntürlich, weil recht schmal, auch nur bedingt geeignet. Zuviel Aufenthaltsqualität könnte schließlich dazu führen, dass der Alfred-Scholz-Platz von Menschen in Beschlag genommen wird, die es sich dort nicht gemütlich ma- chen sollen.

Die Ausführung, die Proportionen. „Das wirkt doch alles popelig-vertan“, findet der Mann, der seit Jahrzehnten in der Richardstraße wohnt. „Die unstrukturierte Größe und Einförmigkeit des gepflasterten Platzes erschlagen einen förmlich.“ Er habe das ja schon befürchtet, als er die vor über drei Jahren vorstellten Planungen sah. „Soll durch das Überangebot an Leere Platz für Straßenfest-Karussells, -Stände und -Bühnen vorgehalten werden?“, fragt er sich nun angesichts europafest2014_alfred-scholz-platz neuköllnder Realität und weist auf das erste Rummel- platzvergnügen anlässlich der Europawahl hin.

Der Gestaltung des Alfred-Scholz-Platzes, der damals noch Platz der Stadt Hof hieß, ging ein Wettbewerb voraus, an dem sich 45 Planungs- büros mit Entwürfen beteiligten. Die el:ch Land- schaftsarchitekten, die auf eine Kooperation mit der tunesischen Künst- lerin Nadia Kaabi Linke gesetzt hatten, gewannen ihn. pflasterung_alfred-scholz-platz neukoellnNicht zuletzt wegen des integrierten Kunstobjekts Mein- stein – demografisches Pflaster. Mit verschiedenfar- bigen Steinen werde ein Mosaik entstehen, das die quantitative Verhältnismäßigkeit der ethnischen Grup- pen in Neukölln aufzeige, hieß es damals. Gegen- wärtig zeigt es vor allem einen starken Kontrast zwi- schen Planung und Umsetzung auf. „Das mühevoll und aufwändig hergestellte Mosaik ist ja kaum wahrzunehmen“, moniert der Rentner mit langjähriger Berufserfahrung als Ingenieur. durchgang ganghoferstr_alfred-scholz-platz neukölln„Überhaupt hat die  Pflaster-Ebene ein einziges Berg-und-Tal-Niveau.“ Selbstver- ständlich sei es erforderlich, Neigungen für den Regenwasserabfluss anzulegen. „Aber hier“, vermutet er, „scheinen sie für Monsun- regen konzipiert zu sein.“ Sogar an der Rix- box, dem Imbiss am Eingang zur Richard- straße, mache sich das bemerkbar: „Da stehen die Kaffee- city-klo_alfred-scholz-platz neuköllnspiegel in den Tas- sen schief.“

Unverständlich ist dem Mann auch, weshalb das öffent-liche, kostenpflichtige Toilettenhäuschen direkt hinter dem Rixbox-Container versteckt wurde. Er will es nicht hoffen, befürchtet aber dennoch, dass dort eine gut abgeschottete Ecke für Wildpinkler rixbox-bistro_alfred-scholz-platz neuköllnentstehen könnte. Die Begebenheiten seien ja wie eine Einladung zur Erleich- terung unter freiem Himmel.

Das Gegenteil einer Erleichterung ist hingegen für Autofahrer die geänderte Verkehrsführung am südlichen Ende des Alfred-Scholz-Platzes. Ein Abbiegen von der Karl-Marx- in die Ganghoferstraße bzw. umgekehrt ist seit der Umgestaltung des Platzes nicht mehr möglich. Wer in die Richardstraße spielstraße_alfred-scholz-platz neuköllnwill, muss einen Umweg über Anzengruber- und Donaustraße machen, um die Richard- straße via Berthelsdorfer- oder Ganghofer- straße anzusteuern. Denjenigen, die etwas Kurioses erleben möchten, empfiehlt der alteingesessene Neuköllner letztere Variante. Wo sonst, überlegt er, gibt es wohl eine Spielstraße, die lediglich aus einer Kurve besteht und gewiss nicht für spielende Kin- der eingerichtet wurde? Besonders, bemerkt der Mann, hätten es ihm aber die rot-weißen Warnbaken angetan, die verhindern sollen, dass Autos den Gästen auf sperren_alfred-scholz-platz neuköllnder Rixbox-Terrasse zu nahe kommen. Au- ßerdem würden sie aber eine weitere Auf- gabe erfüllen: Fußgänger, die auf kürzestem Weg von der Karl-Marx- in die Ganghofer- straße eilen, müssten sich nicht nur zwi- schen Tischen und Bänken hindurchschlän- geln, sondern auch noch um die Plastik-Sperrzäune herum.

„Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, Platz- konzept und Bauausführungsplanung zusätzlich von einem neutralen Büro über- prüfen zu lassen. Die bezirklichen Verantwortlichen des Bauamtes scheinen damit überfordert gewesen zu sein.“ Die Suche nach dem Mehr an Aufenthaltsqualität schließt der so kritische wie lokalpatriotische Neuköllner erfolglos ab.

Aufgrund dringend notwendiger Asphaltsanierungsarbeiten muss der Kreu- zungsbereich der Karl-Marx-Straße/Ecke Werbellinstraße vom 10. Juni bis 13. Juni 2014 gesperrt werden. Um die Baumaßnahme nicht unnötig zu verlängern, erfolgt eine Vollsperrung für den gesamten Fahrzeugverkehr für 4 Tage.

Die Karl-Marx-Straße ist vom Hermannplatz aus bis zur Rollbergstraße, von Süden kommend bis zur Briesestraße befahrbar. Um die Anwohnerstraßen gleichmäßig, aber jeweils nicht übergebührend zu belasten, werden keine Umleitungsstrecken ausgewiesen. Den Autofahrern wird jedoch geraten, den gesamten Bereich weiträumig zu umfahren. Betroffen sind zudem auch die BVG Buslinien 104 und 167, die in dieser Zeit eine geänderte Linienführung über die Flughafenstraße erhalten. (Presse-Info vom Bezirks- amt Neukölln/Büro des Baustadtrats)

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