Heute vor 100 Jahren: Neukölln wird Hafenstadt

Einladung Neuköllner Schiffahrtskanal_BerlinOb Kaiserwetter an jenem Tag herrschte, ist nicht überliefert. Aber wilhelminisch feudal ging es schon zu, zwei Monate vor Beginn einer Weltkatastrophe, von der noch niemand etwas zu ahnen schien – erst recht nicht an diesem 23. Mai 1914 in Neu- kölln. War erst vor wenigen Tagen das schönste (und teuerste) Stadtbad der Öffentlichkeit überge- ben worden, luden Oberbürgermeister Curt Kaiser und Stadtverordnetenvorsteher Hermann Sander im Namen des Magistrats und der Stadtverordneten-Versammlung zur nächsten Eröffnungsfeier ein: der des Neuköllner Schiffahrts- kanals. Und das taten sie, dem damaligen Stil entsprechend, „ergebenst“ und mit der Kleidervorschrift „Überrock“, was den Schluss zulässt, dass keine Einladung Neuköllner Schiffahrtskanal_Schlittschuläufer und Spaziergänger 1910an eine Frau erging.

Zur Vorgeschichte: Ein als Wiesengraben bezeichnetes Fließ zog sich seit alter Zeit von Rudow herkommend entlang der Brit- zer, Rixdorfer und Cöllnischen Wiesen und diente als Vorfluter für die Niederschläge. Es wird berichtet, dass auf ihm Kahn ge- fahren, Schlittschuh gelaufen und in ihm gebadet wurde. Letzteres wurde in der Stolzenburgschen Volksbadeanstalt an der Canner Straße, genannt „Die Wanne“ dann auch kommerziell gepflegt. Als der Wiesengraben als Vorfluter für die Regenwässer aus der Kanalisation nicht mehr ausreichte, bewirkte Regierungs- baumeister Hermann Weigand, der später auch die Bauarbeiten leitete, die Anlage eines schiffbaren Stichkanals von der Teupitzer Straße bis zum Landwehrkanal. Dieser Kanal sollte gleichzeitig der leichteren Anfuhr von Materialien für die Bau- unternehmen und von Brennstoffen dienen. Am 20. Januar 1902 wurde mit den Erdarbeiten am Kanal begonnen. Hermann Boddin, der Neuköllner Bürgermeister, selber soll an diesem Tage mit geschultertem Spaten einem Trupp Arbeiter im Rahmen eines Notstandsprogramms vorangeschritten sein. Schon 2 ½ Jahre später war der mit allen Einrichtungen für den Schiffsverkehr ausgestattete Kanal, der noch Rixdorfer Stichkanal hieß, fertiggestellt. In Folge wurde vor der städtischen Gasanstalt ein Kohlenhafen angelegt. Schon im Juni 1906 erfolgte die Genehmigung Neuköllner Schiffahrtskanal von der Grenzalleebrücke 7.8.1913zur Fortführung des Kanals bis zum Teltow- kanal.

Der Bau aller Anlagen (Kanal, Schleuse, Unter- und Oberhafen), für den der Stadtbaurat für Verkehrswesen, Willy Hahn, verantwortlich zeichnete, begann aber erst sechs Jahre spä- ter. Das lag nicht zuletzt an den aufzubrin- genden Kosten: Waren es für das erste 1,9 Kilometer lange Teilstück nur 400.000 Reichsmark, kosteten die weiteren 2,3 Kilo- meter rund 5 Millionen. Das erklärt sich zum einen aus dem Umfang der kanaltech- nischen Anlagen, aber auch aus der Überführung von Straßen und der Berliner Ringbahn sowie dem notwendigen Kauf von Grundstücken. Für den ersten Abschnitt Einweihung Neukoellner Schiffahrtskanal_Berlinwar das Gelände von den Besitzern kos- tenlos verfügbar gemacht worden.

Zurück zum Tage der Einweihung: Die Festteilnehmer, alles Männer von Rang und Namen, versammelten sich an der Wildenbruchbrücke und bestiegen ein Mo- torboot nebst einem Dampfer der Tel- towkanalverwaltung. Nach dem damals gängigen Motto „Ein Vergnügen eigner Art, ist nun ‚mal ’ne Wasserfahrt“ bewegte sich der Konvoi zunächst in Richtung Neuköllner Hafen. Dabei wurden zahlreiche Kähne mit Wimpel- und Fahnenschmuck passiert. Im Hafen angelangt, verließ man die Schiffe, und die Ehrengäste nahmen vor der Rednertribüne Platz, um u. a. dem preußischen Staatsminister Paul von Brei- an der Schleuse_Einweihung Neuköllner Schiffahrtskanal_Berlintenbach (r.) zu lauschen.

Nicht anders als heute wurden Gruß- und Dankesworte gesprochen, allerdings deut- lich langatmiger, schwülstiger und pathe- tischer. Zur Illustration sei nur ein Satz zitiert: „Die Köngliche Staatsregierung nimmt freudigen Anteil an der heutigen Feier, beglückwünscht die Stadt zu dem neugeschaffenen Werke, hoffend und wün- schend, dass dasselbe ein neuer Merkstein werde zum Blühen und Gedeihen der Stadt Neukölln“. Schon etwas bizarr mutet an, dass im Rahmen dieser Feierstunde insgesamt zehn Orden verliehen wurden –  vom Kgl. Kronenorden 3. Klasse für den Oberbürgermeister Curt Kaiser bis hinunter zum Allgemeinen Ehrenzeichen in Bronze für den Straßenreiniger Gustav Petrich. So wundert es dann auch nicht, dass der Herr Minister seine Ausführungen mit einem, so die Überlieferung, „begeistert aufgenom- Honoratioren vor Modell_Einweihung Neuköllner Schiffahrtskanal_Berlinmenen Kaiserhoch“ schloss.

Nachdem noch die ausgestellten Pläne und Fotografien vom Kanal und den Hafenanlagen sowie u. a. die Modelle des Rathauses und des Krankenhauses Neukölln (l.) von den Ehrengästen be- sichtigt worden waren, wurden die Schif- fe jenseits der Schleuse wieder bestiegen. Die Weiterfahrt führte zur Spree und zur Abteiinsel (r.), die  damals im  Besitz von  Neukölln war, seit  inzwischen Jahrzehnten

Einweihung Neuköllner Schiffahrtskanal_BerlinEinweihung_Neuköllner Schiffahrtskanal_BerlinAbteiinsel Berlin

zum benachbarten Treptow-Köpenick gehört und 1949 in Insel der Jugend umbe- nannt wurde.

Da vor 100 Jahren kein Fest ohne Musik auskam, spielte die Regimentskapelle des Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiments Nr. 2 auf. Bevor sich die Anwesenden dem feierlichen Mahl hingeben konnten, mussten sie allerdings auch hier diverse Fest- und Tischreden über sich ergehen lassen. Erst danach wurden die Speisen ge- reicht, die „ganz hervorragend“ gewesen sein sollen.

=kiezkieker=

(Veröffentlichung der Archivbilder mit frdl. Genehmigung vom Museum Neukölln)