„Das ist Berlin und doch nicht Berlin!“

Thilo Bock_Foto Kristina KienastZur Buchpremiere des Romans „Tempelho- fer Feld“ von Thilo Bock war das Studio im Heimathafen Neukölln bis auf den letzten Platz besetzt. „Ganz unabhängig davon, wie das Volksbegehren ausgeht, können Sie das Buch auch nach dem 25. Mai noch mit Genuss lesen“, pries Jakob Hein (r.), der den Abend moderierte, das dritte Belletris- tik-Werk seines Schriftstellerkollegens an.

Die Rahmenhandlung des 200-seitigen Buches mit dem Untertitel „ein Freiluftroman“ ist eigentlich kurz erzählt: An seinem 40. Geburtstag gerät Svens Leben durchein- buchcover tempelhofer feld_thilo bockander. Er verguckt sich auf dem Tempelhofer Feld in Luis, eine 20 Jahre jüngere Skateboarderin. Wenige Tage später lernt er an gleicher Stelle Antonia kennen, die ein kleines Kistenbeet be- pflanzt. Fortan zieht es Sven häufig zur Stadtbrache. Je öfter er kommt, desto stärker verliert er sich in der wechselvollen Ge- schichte des ehemaligen Flughafens und in den schier unend- longboarder_tempelhofer feld_berlinlichen Perspektiven, die das Wie- senmeer heute bietet. „Das Tem- pelhofer Feld ist voll das analoge Internet: Jeder kann sich ausprobieren, weil Platz ist übelst genug für alle da!“, bringt die Romanfigur Flo- rian gegen Ende des Buches dieses schwärmerische Tempelhof-Feeling auf den Punkt.

Im tatsächlichen Leben lernte Thilo Bock den besonderen Charme des Feldes zuerst bei einem Freiluftkonzert kennen. Die Szene findet sich leicht verfremdet gleich am Anfang wieder, als dem Ich-Erzähler Sven eine Gruppe Alphornbläser begegnet. Sofort beeindruckten den Romanautor die Weitläufigkeit und die damit verbundene Friedfertigkeit des Geländes. Immer noch erkennbar begeistert erläuterte er bei seiner Lesung: „Es hat mir so gut gefallen. So viele unterschiedliche Gefährte sind unterwegs tempelhofer feld berlinund dennoch gibt es keine Kollisionen. Das ist Berlin und doch nicht Berlin!“.

Thilo Bock, der Neuere Deutsche Philologie, Alte Ge- schichte sowie Vergleichende Literaturwissenschaft an der TU Berlin studierte und über den Dadaisten Hugo Ball promovierte, begann mit ausführlichen Re- cherchen. Jedoch verzichtete er dabei auf kleintei- lige Archivarbeit. „Ich wollte kein Sachbuch schreiben. Ich bin in keine Archive gegan- gen. Manches stimmt. Manches stimmt nicht. Manches ist auch bewusst falsch.“ Stattdessen treffen im Roman Realität und Traum ebenso wie Vergangenheit und Gegenwart andauernd aufeinander. Nüchtern hält Ich-Erzähler Sven fest: „Wieder trete ich auf Asphalt. Schwarz auf weiß die unnötig gewordene Markierung für Piloten. Ein tempelhofer feld_berlinvon Zeit und Wetter ausgewaschenes rotes Stoppzei- chen hätte früher tonnenschwere Maschinen anhalten lassen. Heute sausen Skater und Biker achtlos drüber hinweg. Ihre Räder lassen sich nicht messen mit den wuchtigen Fahrwerken, die hier einstmals Brems- spuren oder aus den Reifenrillen rieselnde Steinchen von weit entfernter Startbahnen hinterließen.“ Aber Sven kommt auch immer wieder ins Träumen, zum Beispiel, wenn er an die Luftbrücke und Rosinenbomber denkt. Dann hängt ihm ein Brummen in den Ohren, „Sausen und Brausen. Geschäftiges Klappern und Rattern. Dazu das Kreischen und Gejohle thilo bock_heimathafen neuköllnder Kinder.“

Präzise schildert Bock zudem seine unzäh- ligen Typen auf dem Feld mit ihren Ge- schichten, die frei erfunden sind oder wirk- lich existieren. Da tummeln sich Leute wie der Urberliner Flaschensammler, der in dem Wahn lebt, ein unehelicher Sohn des US- Präsidenten John F. Kennedy zu sein. Da ist ein Hobbyfotograf unterwegs, der bereits das damals größte Flugzeug der Welt, die Lockheed C-5A Galaxy bei ihrer Landung in THF in den 1970er Jahren aufnahm und sich nun darauf spezialisiert hat, Stein- schmätzer und andere Vögel zu fotografieren. Und da toben sich skatende Jungs gemeinsam mit Luis am Skate-Theater „Vogelfreiheit“ aus.

„Tempelhofer Feld“ ist Bocks dritter Roman. Zuvor hat der 40-jährige Berliner bereits die Romane „Die geladene Knarre von Andreas Baader“ sowie „Senatsreserve“ und zwei Erzählbände veröffentlicht. Sein neuestes Buch ist Mitte letzten Monats beim Ver- lag  Fuchs & Fuchs erschienen, der erst  Anfang dieses Jahres gegründet wurde und in der Lichtenrader Straße in Neukölln sein Büro hat  – also gleich um die Ecke vom Tempelhofer Feld.

Am 22. Mai liest Thilo Bock ab 19.30 Uhr noch einmal in Neukölln aus sei- nem neuen Roman: bei  Die Buchkönigin (Hobrechtstr. 65); Eintritt: 3 – 5  €

=Christian Kölling=