Wenn zwei sich streiten …

konfliktlotsen-ehrung_bvv-saal neuköllnRund 30.000 Kinder und Jugend- liche besuchen aktuell die 65 Neu- köllner Schulen. Dass schon knapp 400 Grundschüler eine Ausbildung zum Konfliktlotsen absolviert haben und sich nun an ihren Schulen für ein entspanntes Miteinander einset- zen, könne sich sehen lassen, fin- det Dr. Franziska Giffey. Aber sie hätte auch nichts dagegen, wenn es noch mehr werden würden. Vorgestern ehrte die Neuköllner Schulstadträtin 171 Mädchen und Jungen, die an zehn Schulen im Süden medaillen_konfliktlotsen-ehrung_bvv-saal neuköllndes Bezirks als Streitschlichter aktiv sind.

Damit für alle Platz ist, wurden extra die 55 Sessel und Tische der Bezirksverordneten aus dem BVV-Saal geräumt. „Wo ihr jetzt steht, sitzen sonst die Piraten und die Linke-Fraktion“, erklärte Giffey denen, die sich nahe dem Haupteingang zum Saal aufgestellt hatten. Auch wo normalerweise die Abgeordneten der Grünen, SPD und CDU sowie der Bezirksverordnetenvorsteher und die fünf Stadträte im „hohen Haus der Neuköllner Politik“ ihre Plätze haben, erfuhren giffey_konfliktlotsen-ehrung_bvv-saal neuköllndie Kinder.

In ihrer Freizeit, wenn andere schon spielen, fernsehen oder computern können, haben sie sich – angeleitet von Lehrern, Erziehern, Sozial- arbeitern und auch Polizeibeamten – Kompe- tenzen angeeignet, die atmosphärische Grund- bedingungen für ein gutes Lernen an Schulen schaffen. Schwelende Streitigkeiten zwischen Mitschülern zu erkennen und Konflikte durch Mediation zu klären, dafür engagieren sie sich nun, wenn sie in kleinen Teams in den Hofpausen im Einsatz sind. Mit ihrer Präsenz und ihren offenen Augen und Ohren, so eine Lehrerin, werde die wichtigste Basis dafür gelegt, dass Auseinandersetzungen friedlich-verbal statt körperlich geführt wür- den. „Erstmal die beruhigen, die sich streiten, dann beide Seiten erzählen lassen, wie es zu dem Streit  gekommen ist und wie sie sich in ihm fühlen“, erzählt  ein Junge von

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seiner Aufgabe als Konfliktlotse. Bestenfalls ergibt sich so die Situation, dass Em- pathie entsteht und Entschuldigungen mehr als Floskeln sind. „Erst wenn wir nicht weiterkommen“, räumt der 12-Jährige ein, „wenden wir uns an die Lehrer und bitten sie um Hilfe.“ Das müsse aber nicht sehr oft sein.

„Ihr seid Botschafter für Neukölln, weil ihr zeigt, dass Konflikte besser mit Worten statt Fäusten gelöst werden und man selber mitmachen muss, wenn man etwas verändern will“, lobte Franziska Giffey die 171 Kinder, bevor sie jedem von ihnen eine Medaille umhängte und große, gerahmte Urkunden an die Schule überreichte. Im Übrigen, erzählte sie noch, sei auch so ein Politikerleben nicht frei von Spannungen: „In vielen Gremien bin ich mit meinen 35 Jahren die Jüngste – und dann auch noch eine Frau.“ Ersteres wird sich im Laufe der Zeit ändern. Dass sich letzteres ändert, ist so unwahrscheinlich wie das Aussterben von Meinungsverschiedenheiten, Sympa- thien, Antipathien und Machtgebärden. Die Konfliktlotsen an den Neuköllner Schulen haben gelernt, anderen den Weg in Richtung Deeskalation  zu zeigen.

=ensa=