„Es kommt auf die Bedürfnisse an“

Karin Kramer im Mai 2013 in der Galerie bauchhund

Karin Kramer im Mai 2013 in der Galerie bauchhund

An eine Begegnung, die schon einige Jahre zurück liegt, kann ich mich noch gut erinnern: Ich bereitete damals eine Führung durch die Gewerbe- und Dienst- leister-Szene des Richardkiezes vor und sprach auch Karin Kramer an, die mit dem namensgleichen Verlag schon lange in diesem Neuköllner Kiez beheimatet ist. Sie empfing mich in ihrem kleinen Büro, das nach  Büchern  roch  und chaotisch aussah.

Die Idee der Gewerbetouren fand sie zwar toll, beteili- gen wollte sie sich daran mit dem Karin Kramer Verlag jedoch nicht. Großes Aufheben hat die Verlegerin nie um ihre Tätigkeit gemacht. Selbst viele Nachbarn aus der Niemetzstraße wissen deshalb vermutlich bis heu- te nicht, was im Ladenbüro des Altbaus mit der Haus- nummer 19 passiert.

Seit 44 Jahren gibt es den Karin Kramer Verlag nun- mehr, seitdem führten Karin und Bernd Kramer ihn zu- sammen. Mindestens acht Belletristik- und Sachbü- cher, in denen es vornehmlich um Anarchismus, Anar- chie und Utopien ging, gaben sie pro Jahr heraus. Auf solche Themen kann sich nur spezialisieren, wem die Gesellschaft, ihre Zustände, ihre Veränderungen in positiver wie negativer Hinsicht am Herzen liegen. „Es kommt auf die Bedürfnisse an“, ant- wortete die Verlegerin im Oktober 2005 in einem gemeinsamen Interview mit ihrem Mann auf die Frage, ob sie davon leben könnten.

Am Donnerstag letzter Woche verlor Karin Kramer den Kampf gegen den Krebs. Die 74-Jährige starb im Berliner St. Hedwig-Krankenhaus. Ich werde die Begegnung mit ihr in Erinnerung behalten.

=Reinhold Steinle=