Kein Grund zum Feiern

epd-flagge_rathaus neuköllnGestern war es wieder soweit: Vor dem Neuköllner Rathaus wurde die Equal Pay Day-Flagge gehisst, um an die Lohn-Unge- rechtigkeit zwischen Frauen und Männern zu erinnern. Bis zum 21. März müssen Arbeitnehmerinnen in Deutschland ackern, equal pay day-tascheum das Vorjahresgehalt männlicher Kol- legen zu erreichen, weil sie durchschnitt- lich 22 Prozent weniger Lohn für glei- che Arbeit bekommen.

„Das ist ein Skandal!“, findet Cornelia F. Krämer vom Business and Professional Women Germany Club Berlin (BPW), die am Vormittag zusammen mit Sylvia Ed- ler, der Neuköllner Gleichstellungsbeauf- tragten und Petra Galsterer vom Netzwerk Frauen in Neukölln zum Red Dinner vor dem Rathaus geladen hat. Eine Mischung aus Demo mit Flashmob-Charakter und der Möglichkeit, bei Laugenbrezeln und Getränken mit Pas- santinnen über ein Umdenken bei Minijobs und Teilzeitbeschäftigungen ins Ge- spräch zu kommen, sollte es werden – ein aussichtsloser Kampf gegen den böigen Wind wurde es. „Der eigentliche Skandal ist aber“, echauffiert sich Cornelia F. Krämer, „dass die Lohndiskriminierung schon seit den 1970er Jahren bei etwa 20 Prozent liegt.“ Noch eklatanter sind die Folgen der Ungerechtigkeit, der Frauen während der Erwerbstätigkeit ausgesetzt sind: Im Rentenvergleich macht die Differenz zu Männern epd-red dinner_rathaus neuköllnrund 60 Prozent aus.

Optimistisch, dass sich an dem Zu- stand – trotz gewachsenen Bewusst- seins für den demographischen Wan- del – in absehbarer Zeit etwas ändert, klingt die 1. Vorsitzende des BPW Ber- lin nicht. Einerseits empfänden viele junge Frauen Gleichberechtigung in- zwischen als etwas völlig Selbstver- ständliches, andererseits aber übernähmen sie ebenso selbstverständlich längere familienbedingte Erwerbsunterbrechungen, die als Fallstricke für die eigene Exis- tenzsicherung gelten. Um den Fokus auf diesen Sachverhalt zu lenken, lautete das Motto des Equal Pay Days 2014 konsequenterweise „… und raus bist du? Minijobs equal pay day 2014und Teilzeitarbeit nach Erwerbspausen“. Entsprechend wichtig sei, so Krämer, dass die „Diskussion über Lohndiskriminierung in die Familien getragen und dort auch über Aufgabenverteilungen und unbezahlte Arbeit gesprochen wird.“

Einen Hauch ausgleichender Gerechtigkeit konnten Frauen derweil bereits gestern bei einer, den Equal Pay Day flankierenden Rabatt-Aktion erleben. 25 Neuköll- ner Unternehmen unterstützten sie, indem sie Kundin- nen einen Preisnachlass gewährten. Ein Rabatt von 22 Prozent wäre erwünscht gewesen, sagt auch Sylvia Edler: „Aber wir haben ihnen bei der Gestaltung letztlich freie Hand gelassen, weil das nicht für alle Unternehmen machbar gewesen wären.“ Direkt gegenüber vom Rathaus in der Neukölln-Apotheke war es machbar. Der Preis eines Produkts reduzierte sich für jede Frau um 22 Prozent. „Wir haben die Aktion schon im letzten Jahr unterstützt“, bemerkt Filialleiterin Catherine Kolz-Mädge. Auch im Bistrobereich des Naturkostladens biooase 44 gab es 22 Prozent Frauenrabatt auf Mittagstisch-Angebote, und die Ma Tsun – Kuen Schule Neukölln gewährte Frauen, die sich am Equal Pay Day für einen Tai Chi-Kurs anmeldeten, ebenfalls 22 Prozent Ermäßigung. An eine zusätzliche Bedingung geknüpft war der Erhalt des Rabatts indes im AWO- Restaurant S…cultur: frauentreffpunkt schmiede_neukölln„Für Damen mit roter Tasche reduzieren wir die Rechnung 10 Prozent“, erklärte ein Mitarbeiter auf Anfrage. Gänzlich gratis war dagegen gestern das Stück Kuchen mit einer Tasse Kaffee im Frauentreffpunkt Schmiede.

Dort wirkt der Equal Pay Day auch eine Weile nach: In der Galerie weib-art der Fraueneinrichtung läuft noch bis zum 3. April die Ausstellung „Rote Taschen“. Über zwei Dutzend Exemplare, die von Teilnehmerinnen verschie- dener Frauenprojekt im Bezirk gehäkelt, gestrickt und genäht wurden, werden hier präsentiert. „Die Vielfalt der Taschen soll dabei auch für die Vielfalt Neuköllns ste- hen“, erwähnt die Gleichstellungsbeauftragte. Rot aber ist jedes der liebevoll angefer-

rote taschen-ausstellung_frauenschmiede neukölln

tigten Unikate und symbolisiert so die roten Zahlen, mit denen erwerbstätige Frauen gegenüber Männern abschneiden. „Dass jede Frau am Equal Pay Day mit einer roten Tasche aus dem Haus geht, wäre schon ein großer Wunsch von mir“, verrät Sylvia Edler. Noch mehr würde sie sich allerdings wünschen, dass der Aktionstag abgeschafft werden kann, weil in Deutschland Lohngerechtigkeit herrscht.

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