„Man darf nur nicht den Geigerzähler dranhalten“

Juliane Beer_Kreuzkölln Superprovisorium„Just in dem Moment rief aus Paderborn die Groß- mutter an, bei der Sam aufgewachsen war. Die Versorgerin, wie Sam sie nannte, seit sie dem Standquartier ihrer Kindheit und Jugend entkom- men war. Als könnte die alte Dame die Szene durchs Telefon mit ansehen, beschwor sie ihre Enkelin, sie möge zur Vernunft kommen und endlich aufhören, sich die Welt in Fehlfarben aus- zumalen. Andernfalls würde es böse mit ihr enden, bevor überhaupt irgendetwas begonnen hatte. Wäre es nicht vielmehr an der Zeit, Marlon, den Freund aus großbürgerlichem Hamburger Haus, zu heiraten? Eine gut bezahlte Stelle würde der bald antreten, was das anging, war die Versorgerin zu- versichtlich.“

Nicht nur, was letzteres betrifft, lag Sams Großmut- ter mit ihren Visionen weit daneben: Die Beziehung zwischen Samanta Wellner, der Enkelin, und Marlon hielt nicht mal zwei Jahre. Gut zwei Jahrzehnte später beginnt die eigentliche Handlung von Juliane Beers neues- tem Roman „Kreuzkölln Superprovisorium“.

Marlon lebt inzwischen als kiffender Sozialarbeiter in Kreuzberg, Sam hat es nach Intermezzos in diversen Wohnungen und Bezirken wieder in ihren alten Neuköllner Kiez verschlagen. Im Viertel zwischen Weigandufer und Weichselstraße wohnt die martin-luther-kirche_rathaus-turm neuköllnvom Jobcenter subventionierte Künstlerin nicht nur, ihre Abbilder Neuköllns in Kohle und Acryl entstehen auch in einer nahege- legenen Ateliergemeinschaft namens Sup- ramarkt, die sie zusammen mit zwei ande- ren brotlosen Künstlern gegründet hat. Dass der Kiez sich in der Zwischenzeit verändert hat und von der billigsten, schmuddeligsten Ecke Berlins zu einer der prosperierendsten wurde, ist unüber- sehbar. Für Sam bedeutet der Aufschwung, dass die von ihr angemietete Wohnung wie ein Staffelstab von einem Eigentümer an den nächsten weitergegeben wird und sie einen Anwalt bemühen muss, um dort wohnen bleiben zu können. Schließlich wird auch noch das Gebäude, in dem sich der Supramarkt befindet, an eine Holding verkauft; Sams Versuch, das Atelier mit einer Crowdfunding-Aktion zu retten, scheitert. kotzkölln, kreuzkölln, neuköllnDoch plötzlich tun sich neue Perspektiven auf, die aber die Bereitschaft, Neukölln zu verlassen, voraussetzen …

Die gebürtige Bonnerin Juliane Beer, die seit fast 30 Jahren in Berlin lebt, erzählt in ihrem Roman „Kreuzkölln Superprovisorium“ sehr atmosphärisch dicht, mit offen- sichtlich profunden Ortskenntnissen und präzisen In- nenansichten von den Auswüchsen der Gentrifizierung weiter Teile eines Bezirks. Dabei legt sie den Fokus darauf, ein Stimmungsbild aus dem zu zeichnen, was die Veränderungen mit denen machen, die letztlich auf der Verliererseite und vor den Trümmern ihrer Exis- tenzen stehen werden. Was dem Buch das Prädikat „lesenswert“ verleiht, ist, dass die Geschichte und ihre Protagonisten zwar manche Klischees bedienen, aber viele auslassen. Festzuhalten bleibt allerdings auch, dass die Autorin den Begriff Kreuzkölln weiter gefasst hat, als es wohl die meisten Neu- köllner tun würden. Deshalb spielt das eigentliche Kreuzkölln, ergo: der Reuterkiez, für Sam eine fast ebenso blasse Neben- rolle wie andere Kieze des Bezirks.

„Sie wirft noch einen Blick zum Landwehrkanal hinüber. Es ist wie nach einer ato- maren Katastrophe. Auf den ersten Blick hat sich nichts geändert. Alles sieht aus wie vorher. Fühlt sich auch noch so an. Man darf nur nicht den Geigerzähler dranhalten an diese bedrohliche Ruhe.“

Juliane Beer liest heute Abend um 20.30 Uhr im Peppi Guggenheim in Neu- kölln (Weichselstraße 7) aus „Kreuzkölln Superprovisorium“. Der Eintritt ist frei.

=ensa=