„Ausgestoßen und verfolgt“ verknüpft individuelle Schicksale auf lokaler Ebene mit politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen

titel arbeitsheft_mobiles museum neuköllnFür Sportler ist es wohl eines der schönsten Erlebnisse, den eigenen Namen als Sieger bei der Stadiondurchsage zu hören. Ganz anders war das bei Rudolf Lewy, der als 17-Jähriger zwar am 1. August 1936 in Berlin die olympische Flamme ein Stück weit tragen durfte, doch der sich – seit- dem die Nazis 1933 an der Macht gekommen waren – immer unbehaglicher fühlte, sobald er beim Weitsprung als Sieger genannt wurde. Der Jude Rudolf Levy emigrierte schließlich 1939 nach New York. Ein Jahr zuvor war bereits sein Vater, Sozialdemokrat und von 1925 bis 1933 Lehrer an der Käthe-Kollwitz-Schule am Richard- platz, nach England gezogen.

Diese und viele andere Erlebnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus werden in der Ausstellung „Ausgestoßen und verfolgt – Die jüdische Bevölkerung während des Nationalsozialismus in Neukölln“ präsentiert, die gestern in der Helene-Nathan-Bibliothek eröffnet wurde. Die Ausstellung zeigt helene nathan_stadtbibliothek neuköllnbeginnend mit der Reichstagsbrandverord- nung vom 28. Februar und dem Ermächti- gungsgesetz vom 24. März 1933, wie sich in Deutschland die NS-Diktatur mit Rassenpolitik sowie Gleichschaltung aller politischen und gesellschaftlichen Organisationen planmäßig breitmachte. Auf einer Tafel der Ausstellung schildert zum Beispiel eine Schülerin der Karl- Marx-Schule, wie sie ihre mündliche Abiturprüfung am 21. Februar 1933 ablegte, während am gleichen Tag ihr Schulleiter Fritz Karsen verhaftet wurde. Sechs Tage später wurde die in der Geygerstraße gelegene Wohnung des karlmarxstr_batyam_gr2011damaligen Neuköllner Stadtrates für Volksbildungswesen, Kurt Löwenstein, bei einem politisch motivierten Überfall verwüstet wurde.

Mit den Nürnberger Gesetzen vom 15. Sep- tember 1935 waren die Grundlagen aller folgenden antisemitischen Gesetze end- gültig gelegt. Frieda Manasse, Halbjüdin, durfte den Arier Arno Adam nun nicht mehr heiraten: „Rassenschande“. Beide wurden 1944 aufgefordert, ihre Verlobung zu lösen. Andernfalls hätte Arno Adam als deut- scher Wehrmachtssoldat  Schwierigkeiten bekommen können. Im Juni 1940 gab es die ersten Luftangriffe der Allierten auf Berlin. Massive Luftangriffe erfolgten ab 1943 zu jeder Tageszeit. Der 22-jährige Rolf Opprower wollte bei einem dieser Angriff in den Luftschutzkeller der Anzengruberstraße 27 fliehen, doch die Nachbarn schickten ihn und seine jüdischen Verwandten in den weniger sicheren Kohlenkeller. Bereits 1940 trat eine Verordnung in Kraft, die Juden und Ariern getrennte Luftschutzräume giffey_stadtbibliothek neuköllnzuwies.

Die Ausstellung des Mobilen Muse- ums wurde in Neukölln bereits am Ernst-Abbe- und am Albert-Einstein-Gymnasium gezeigt. Bezirksstadträtin Dr. Franziska Giffey lobte bei der Ver- nissage in der Stadtbibliothek, dass sie damit den Praxistest bestanden habe, um „auch an sozialen Brenn- punkten und in teilweise heraus- fordernden Situationen“ den Wert und die Bedeutung der Grundrechte des Grund- gesetzes deutlich zu machen: „Das, was das Grundgesetz in Artikel 1 sagt, die Würde des Menschen ist unantastbar, ist bei den Jugendlichen in Berlin fest ver- ankert“, so die Stadträtin.

Museumsleiter Dr. Udo Gößwald hob in seiner Rede die 25 Jahre dauernde Forschungsarbeit hervor, die die Ausstellung, die politisch-rechtliche Rahmenbedin- gungen mit individuellen Schicksalen auf der lokalen Ebene verknüpft, überhaupt erst möglich gemacht habe. „Man sieht es an meinem grauen Bart“, goesswald_stadtbiibliothe neuköllnveranschaulichte er ironisch, wieviel Detailarbeit für jede Tafel nötig war. Ganz ausdrücklich erwähn- te Gößwald dabei eine Tafel, auf der in einer Karte alle Neuköllner Orte  innerhalb des S-Bahnrings eingezeichnet sind, an denen Deportationen von Kindern, Ju- gendlichen und jungen Erwachsenen statt- fanden. „Fast nebenan, in der Flughafen- straße 18“, berichtete Gößwald, „hat eine junge Frau gelebt, die am 17. November 1941 nach Riga deportiert wurde und dort 13 Tage später unter ungeklärten Um- ständen starb. Vielleicht erschossen oder vergast.“ Für diese Frau – ebenso wie für andere Opfer der Verfolgung durch die NS-Diktatur – wurden bereits Stolpersteine verlegt. Weitere goldfarbene Steine sollen folgen. „Wahrscheinlich im Juni 2014 wird der Rabbiner Georg Kantorowsky mit einem Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Sonnenallee geehrt“, kündigte Gößwald an. In der Pogromnacht 1938 brannte in der Synagoge in der Isarstraße 8 das gesamte Chorgestühl ab. Georg Kantorowsky, von 1917 bis 1938 Rabbiner in Neukölln, wurde ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Er konnte 1940 nach Shanghai emigrieren und reiste von dort nach San Francisco weiter, wo er 1972 starb. Die enge Zusam- menarbeit mit seiner Tochter habe das Zustandekommen der Ausstellung „Aus- gestoßen und verfolgt“ sehr unterstützt, sagte Gößwald. Bereits bei der Ausstellung „Zehn Brüder waren wir gewesen …“ im Jahr 1988 habe es eine enge Kooperation gegeben. „Aus Scham oder weil es dem Zeitgeist nicht entsprach“ hätten Eltern und Großeltern in der unmittelbaren Nachkriegszeit über das Schicksal der ausgesto- ßenen und verfolgten Berliner geschwiegen, vermutet Gößwald. Erst seit den 1970- er Jahren werde es allmählich möglich, darüber zu sprechen. Auf den 16 Aus- stellungstafeln wird nun viel Material geboten, um Geschichte selber zu verfolgen und sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Die Ausstellung „Ausgestoßen und verfolgt“ wird bis zum 12. April in der Stadtbibliothek Neukölln gezeigt (Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 12 – 20, Sa. 10 – 13 Uhr).

Zur Ausstellung ist eine Broschüre erschienen, die alle Texte in Heftform präsentiert und für 2 Euro erhältlich ist.

=Christian Kölling=