„Kraftidioten“ bringt berlinalische Momente nach Neukölln

Nicht allein am roten Teppich vor dem Passage Kino merkte man vorgestern, dass die Berlinale zu Gast in Neukölln ist. Auch der Ansturm auf die Kinokasse war ungewöhnlich groß. Ein altersmäßig berlinale goes kiez_passage-kino neuköllnbunt gemischtes Publikum wollte im 220 Be- sucher fassenden Saal des geschichts-trächtigen Kinos an der Karl-Marx-Straße den Wettbewerbsfilm „Kraftidioten“ („In Order of Disappearance“) des norwegi- schen Regisseurs Hans Petter Moland se- hen.

Möglich wurde es durch die Sonderreihe Berlinale Goes Kiez, die schon zum dritten Mal Gast im Passage Kino war, wie Berlinale-Jurymitglied Matthias Elwardt vor dem Beginn des Films verkündete. Als Kinopatin konnte diesmal die Regisseurin Yase- min Şamdereli gewonnen werden, deren Berlinale-Wettbewerbsfilm „Almanya – Willkommen in Deutschland“ vor drei Jahren ebenfalls hier gezeigt wurde. „Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, die Patenschaft zu übernehmen“, sagte sie mir im Eingangsbereich des Kinos. Dass wir bei unserem kurzen Interview von einem Kameramann gefilmt wurden, war schon berlinalewürdig. Sie lebe bereits seit 2006 in Neukölln, erzählte Yasemin Şamdereli: „Eine Zeitlang habe ich sogar direkt passage-kino neukölln_berlinale goes kiezin der Karl-Marx-Straße gewohnt, jetzt wo- anders, aber immer noch in Neu- kölln.“

Bevor sich der Vorhang für den Film „Krafidioten“ öffnete, wurden Yasemin Şamdereli und Regisseur Hans Pet- ter Moland auf der Bühne von Matthias Elwardt begrüßt. Der Norweger forderte das Publikum ausdrücklich auf, den Emo- tionen beim Sehen seines Films Raum zu geben.

Gezeigt wurde der Streifen um den Schneepflugfahrer Nils Dickmann (gespielt von dem bekannten schwedischen Schauspieler Stellan Skarsgård) in norwegischer Sprache mit englischen und deutschen Untertiteln. Dickmanns Sohn ist an einer 20141257_1_IMG_543x305Überdosis Drogen gestorben, behauptet jeden- falls die Polizei. Weil sie keine weiteren Recher- chen anstellt und Dickmann nicht glaubt, dass sein Sohn drogensüchtig war, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln. Er findet schließlich einen Kriminellen, der mit am Tod seines Sohnes verantwortlich war, und bringt ihn mit brutalen Schlägen dazu, ihm einen weiteren Namen der Bande zu nennen. An- schließend tötet er ihn. Es fließt viel Blut in dem Film und man sieht viele von roher Gewalt entstellte Gesichter. Mit dieser brutalen Methode arbeitet sich Nils Dickmann in der Hierarchie der Band immer weiter nach oben. Der Chef der Drogenbande glaubt, als er von dem Verschwinden einiger seiner Leute hört, dass eine konkurrierende serbische Drogenbande, deren Boss von Bruno Ganz gespielt wird, für den Tod seiner Leute verantwortlich ist. Es kommt zu einem Show20141257_2_IMG_FIX_700x700down, in dem sich die Mitglieder beider Banden gegenseitig erschießen. Nur zwei von ihnen überleben.

Nach Ende des Films gab es viel Applaus vom Publikum. Im anschließenden Interview von Matthias Elwardt mit Hans Petter Moland erfuhr man Hintergründe zum Film, außerdem wurde den Kinogästen die Möglichkeit gegeben, Fragen an den Regisseur zu stellen. Nicht weiter verwunderlich war, dass er sich sehr lobend über die Arbeit von Bruno Ganz äußerte. Dieser, erzählte Moland, sei anfangs für „Kraftidioten“ gar nicht vorgesehen gewesen, umso mehr habe er sich gefreut, als Ganz als einziger deutschsprachiger Schauspieler in einem skan- hp moland_bruno ganz_s skarsgard_berlinaledinavisch-serbischen Team für die Rolle des Drogenbosses zusagte. Der Film, verriet Hans Petter Moland (l. neben seinen Hauptdarstellern Bruno Ganz und  Stellan Skarsgård) noch, sei in nur 39 Drehtagen entstanden – bei Außentem- peraturen von bis zu -25 Grad.

Mir persönlich war der Film viel zu gewalttätig. Herrliche Landschaftsaufnahmen und einige skurrile Szenen und Dialoge können diesen Eindruck auch nicht mindern. Selbstjustiz als legitime Form, weil die Polizei untätig bleibt und angesichts der Gewaltspirale hoffnungslos über- fordert ist? Einen der Berlinale-Bären würde „Kraftidioten“ von mir jedenfalls nicht bekommen.

Meine morgige Stadtführung durch den Schillerkiez und das Rollberg- viertel beginnt um 15 Uhr am Café Backparadies in der Hermannstraße 221 (Anmeldungen: reinhold_steinle[at]gmx.de). Nur wenige Hausnummern ent- fernt wurde am 24. Februar 1927 der Mercedes-Palast eröffnet, der damals das größte Filmtheater Europas war. Außerdem gehen wir selbstver- ständlich am Haus in der Schillerpromenade vorbei, in dem der Schau- spieler Horst Buchholz in den 1950er Jahren lebte.

=Reinhold Steinle=