„Sehr peinlich, was wir hier abziehen“

estrel-dach_neuköllnDas Estrel, das schon jetzt Europas größtes Hotel- und Kongresszentrum und einschließ- lich der Dachaufbauten das höchste Gebäu- de in Nord-Neukölln ist, will noch einen draufsetzen. Und das beschäftigte auch die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung (BVV) bei ihrer letzten Sitzung, da die SPD-/ CDU-Zählgemeinschaft mit dem Ausschuss für Stadtentwicklung eine Entschließung auf die Tagesordnung gebracht hatte: „Unterstützung der Erweiterungspläne des Hotels Estrel“ heißt es in der Drucksache mit dem Aktenzeichen 0816/XIX. Wer aber ver- mutet hatte, dass es mit einem einhelligem Abnicken der Entschließung getan sein würde, hatte sich gründlich geirrt.

Man wird den Kopf weit in den Nacken legen müssen, um bis zur Spitze des Estrel-Erweiterungsbaus gucken zu können. Einen 176 Meter hohen Turm mit 50 Etagen und etwa 700 Hotelzimmern plant Ekkehard Streletzki auf seinem 33.000 Quadratme-

estrel hotel-erweiterungsbau_berlin-neukölln

meter großen Grundstück (s. Foto) an der Sonnenallee. Vis-à-vis des Estrel Hotels soll der Estrel Tower mit – so die Planungen – einer „öffentlichen Nutzung des Erd- geschosses und der obersten Etage“ in den Himmel ragen. Derzeit läuft der vom Estrel Berlin in Kooperation mit dem Neuköllner Bezirksamt, dem Berliner Senat und der Architektenkammer Berlin ausgelobte Ideenwettbewerb, an dem sich sechs aus- gewählte Stadtplanungs- und Architekturbüros beteiligen. Ende Februar soll der Sie- gerentwurf präsentiert werden; alle Wettbewerbsarbeiten werden anschließend für zwei Wochen öffentlich im Hotel ausgestellt. Zusätzlich wird sich das Estrel entlang der Ziegrastraße ausbreiten. Schon im Früh- jahr soll hier, angrenzend an das bereits bestehende Convention Center, mit dem Bau einer zweiten Kongress- und Veran- staltungshalle begonnen werden, die Platz entschließung estrel-bauvorhaben_bvv neuköllnfür über 4.000 Besucher schafft.

Für diese Erweiterungspläne solle sich die Bezirksverordnetenversammlung ausspre- chen, dokumentiert die Entschließung. Das Estrel habe sich als verlässlicher Partner des Bezirksamts erwiesen, bereits viele Arbeitsplätze geschaffen und entschei- dend dazu beigetragen, dass Neukölln ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort ist, er- gänzte Daniel Dobberke (CDU) nach dem Verlesen der Drucksache. Dem wollte sich Marlis Fuhrmann allerdings so gar nicht anschließen. „Eine solche Entschließung ist nicht angemessen für ein privates Wirtschaftsunternehmen“, ließ die Linke-Abgeordnete das Plenum wissen und beendete ihre Ausführungen mit dem Statement, dass ein Betrieb in erweiterter Form Neukölln nicht gut tue. „Da fehlen mir die Worte“, entgegnete der SPD-Fraktionsvorsitzende Lars Oeverdieck und teilte Fuhrmann mit: „Wir reden hier nicht über Waffen- oder Porno-Produktion, sondern über ein Unternehmen, das die Gegend aufgewertet hat.“ Vergleichsweise moderat brachte sich Anne Helm anschließend in die Rednerliste ein. Statt dem Estrel durch besuchertribüne_bvv-saal neuköllndie Entschließung einen Freifahrtschein auszustellen oder – wie Christopher Förs- ter von der CDU es nannte – „Rücken- deckung zu geben“, schlug die Piraten-Vertreterin vor, solle man das „Projekt kritisch begleiten“ und beispielsweise auf die Einhaltung von Versprechen hinsicht- lich der Schaffung von Arbeitsplätzen für Neuköllner achten. Ähnliches hatte wohl auch der Grüne-Bezirksverordnete Martin Kupfer im Sinn. Noch vor der Abstimmung kündigte er die Enthaltung seiner Fraktion an, die ja „nicht prinzipiell gegen Ex- pansion“ sei. Eine Entschließung sei jedoch ein falsches Signal und außerdem, hielt er fest, „ist sie ohnehin verwaltungsrechtlich nicht bindend.“ Er verstehe die ganze Diskussion nicht, schloss sich Peter Scharmberg an und fand: „Es ist sehr peinlich, was wir hier abziehen.“ Die Estrel-Erweiterung, prognostizierte der SPD-Mann, werde ein Highlight im Bezirk, und eben dem stünden sowohl das Bezirksamt als auch der Berliner Senat wohlwollend gegenüber, ergänzte Jochen Biedermann (Grüne), bevor er zugab: „Mir erschließt sich der Sinn dieser Entschließung nicht.“

Am Ende wurde sie nach langer, leidenschaftlicher Debatte trotz Gegenstimmen der Piraten- und Linke-Fraktionen und der Enthaltung der Grünen ob der Dominanz der SPD-/CDU-Zählgemeinschaft beschlossen. Bindend ist sie dennoch nicht.

=ensa=

Advertisements