Herzlich willkommen in Pampsee!

dieter nidziella_ausstellungsprojekt heimisch_neuköllnDie Begrüßung ist freundlich. Wer nach Pampsee kommt, wird von Dieter Nidziella lächelnd empfan- gen. Ein „Gleichfalls!“ käme von dem Mann mit der Ziege an der Seite aber nicht zurück, wenn man ihm „Guten Tag!“ sagen würde. Andere Leute aus Pamp- see sind wesentlich gesprächiger.

Wer den Ort auf einer Landkarte finden will, sucht vergeblich danach, denn das nur 250 Quadratmeter große Pampsee ist eine Kunstgemeinde. Erfunden und erarbeitet wurde sie als Gemeinschaftsprojekt der in Neukölln lebenden Künstlerin Barbara Caveng und zahlreichen Einwohnern der 600-Seelen-Ortes Blankensee, in den wiederum vor 10 Jahren das Dorf  Pampow eingemeindet wur- de. Der neu gegründete, nur aus einer riesigen Holzskulptur und dem KunstKiosk bestehende Flecken zwischen den beiden Ortsteilen hätte also ebenso gut den Namen Blankenow bekommen können. Dass es ihn überhaupt gibt, ist der Stiftung Kulturlandschaft zu verdanken, die den Wettbewerb „Kunst fürs Dorf. Dörfer für Kunst“ initiierte: 2012 gehörte Barbara Caveng mit ihrer Idee, neue Wege der Kommu- nikations- und  Identifikationsstiftung mit den bis dato  fremdelnden Blankenseern

pampow_ausstellungsprojekt heimisch_neukölln blankensee_ausstellungsprojekt heimisch_neukölln

und Pampowern zu beschreiten, zu den Preisträgern. Im Juni 2013 wurde im Land- kreis Vorpommern-Greifswald, nur 2 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, die von Feldern und Wäldern umgebene Kunstgemeinde Pampsee mit einem Fest- akt eingeweiht. Nun ist der nicht-existente Ort, der zum wichtigen Treffpunkt für die Einwohner von Blankensee und Pampow wurde, als audio-visuelle Installation in der audiostation vormelker_ausstellungsprojekt heimisch_neuköllnGalerie im Saalbau zu besuchen.

Wer an Dieter Nidziella vorbei ist, kann es sich bei Koni und Anni Vormelker gemüt- lich machen, um ihnen zuzuhören, wenn sie vom Früher und Jetzt ihres Dorfes erzählen. Die beiden gehören zu den alt- eingesessenen Pampowern. Als Grenz- bewohner hätten sie sich nie gefühlt, sagt Koni Vormelker. Meist ist er es, der spricht, im Platt der Region. „Als die Grenze 1945/46 noch unbefestigt war“, erfährt man von ihm, „da kamen die Polen noch rüber und ham Pferde jeklaut.“ Von der Zeit vor seiner Zeit würde er gerne mehr berichten können: „Weshalb hat man den Großvadda nich jefracht?“, fragt sich der alte Mann heute, es klingt nach ehrlichem Bedauern. Inzwischen sei Pampow im Aufwind, findet er. Zumindest 2_ausstellungsprojekt heimisch_neuköllnsähen die Häuser schöner aus, aber auch das ändere nichts daran, dass die Jugend „wech jeht“ – wenn sie nicht schon weg ist.

Die Überalterung ist eines der drängend- sten Probleme von Blankensee und Pam- pow, wo es weder eine Schule noch Einkaufsmöglichkeiten gibt. Würden nicht junge polnische Familien die Möglichkeit zum Kauf günstiger Immobilien in der Gemeinde ergreifen, wäre die Einwohnerzahl im stetigen Sinkflug.

Eine Exotin unter den Zuzüglern ist Anke. Sie kam als alleinstehende Frau in den Ort und kaufte sich, skeptisch beäugt von der Nachbarschaft, ein Haus in Blankensee. Wenn Anke erzählt, beginnen viele Sätze mit „eigentlich“. Eigentlich wollte sie 1_ausstellungsprojekt heimisch_neuköllnArchäologin werden, aber das ging aus familiären Gründen nicht. Eigentlich wollte sie nach Kanada, aber dann kam der Mauerfall und mit ihm der Wunsch, in „ein Dorf mit Kirche in der Mitte und Leuten, deren Händen man ansieht, dass sie ge- arbeitet haben“, zu ziehen. Hier wurde er kunstkiosk pampsee_ausstellungsprojekt heimisch_neuköllnWirklichkeit.

Neun Hörstationen, die insgesamt an die vier Stunden Audio-Material bieten, bringen einem die Bewohner von Blankensee und Pampow und ihr Leben in der Vergangenheit und Gegenwart nah. Stilisierte Cut- Outs der Einheimischen, die auf die Aufrisse der beiden Dörfer montiert sind, vermitteln Eindrücke von ihren Aktivitäten, Stimmungen, Beziehungsgeflechten und dem Engagement für 3_ausstellungsprojekt heimisch_neuköllnPampsee. Ein Miniaturnachbau des Kunst- Kiosks, der im Original aus einem DDR- Bauwagen entstand, hat in den Galerie- räumen den Platz bekommen, den er auch in der Kunstgemeinde hat – als Herzstück. Das eigentliche Pampsee füllt indes den hinteren Raum der Galerie aus – gegen- ständlich und olfaktorisch. Es riecht so intensiv nach frisch geschlagenem Holz, als wäre die gesamte, aus 28 Eichen an- gefertigte Holzmiete-Skulptur nach Neukölln verfrachtet worden. Doch dem ist nicht so, es ist nur ein Fragment: „Mi kricht hier keener mehr wech“ steht auf dem 1_nähwerkstatt_ausstellungsprojekt heimisch_neuköllnOriginal, ein Statement, das auch für viele der Bewohner  von Blankensee und Pampow gilt.

Das Ausmaß, mit dem sich die Dörfler durch Barbara Cavengs partizipatives Projekt aufein- ander zu bewegt haben, ist in der Ausstellung spürbar und greifbar. Letzteres besonderes in der Nähwerkstatt, die im vorderen Galerieraum eingerichtet wurde. Frei nach dem Vorbild der Pampseer, die Sonnenschirme für ihr neues Dorfzentrum sowie Küchenschürzenbeutel und 3_nähwerkstatt_ausstellungsprojekt heimisch_neuköllnTaschen für den Ver- kauf am KunstKiosk nähten, sind hier auch Besucher eingeladen, den Ge- meinschaftsgedanken der Kunstgemeinde Pampsee zu erleben: Immer mittwochs von 12 bis 19 Uhr können mit gespendeten Stoffen Accessoires im Pampsee-Look ge- näht werden.

Barbara Cavengs Ausstellungsprojekt „Heimisch“ ist noch bis zum 6. April in der  Galerie im Saalbau  (Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr)  zu sehen.

Die Dokumentation „Dörfer für Kunst. Kunst fürs Dorf“ des Fernsehsenders arte wird am 2. März von 10 bis 13.30 Uhr im Passage Kino gezeigt.

=ensa=

Eine Antwort

  1. Eine großartige Idee, uns Neuköllner Großstädtern zu zeigen, wie sich ein abgelegenes Dorf gegen den Verfall aufbäumt. Ich wünsche den dortigen Kultur-Beflissenen viel Erfolg und Freude an ihrem von Frau Caveng so pfiffig und beharrlich angeschobenen Vorhaben. Pampsee werde ich per Rad erkunden!

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