Das große Zittern

Heute um viertel vor 11, nach der dritten Unterrichtsstunde, ist es an der Fritz-Karsen-Schule endlich vorbei. Dann werden die Kinder und Jugendlichen, rathaus-vorplatz_neuköllndie Deutschlands älteste staatliche Gesamtschule besuchen, samt ihrer Halbjahreszeugnisse für eine Woche in die Winterferien geschickt: aus der Kälte in die Kälte.

Denn in der Schule im Neuköllner Ortsteil Britz ist es „sehr kalt“, wie Thomas Licher der Bezirksverordnetenversammlung vor- gestern im kuschelig warmen BVV-Saal per Mündlicher Anfrage mitteilte. „Ist dem Be- zirksamt bekannt, dass die Heizung in der Fritz-Karsen-Schule seit einiger Zeit Pro- bleme macht und was ist unternommen worden, damit dort der Schulbetrieb normal stattfinden kann?“, erkundigte sich der Linke-Fraktionsvorsitzende. Ferner fragte er nach, ob es Pläne gibt, „die Heizungsanlagen auf einem technischen Stand zu halten, der dieses Problem zur Ausnahme werden lässt“ und verwies darauf, dass Hei- zungsausfälle kein alleiniger Zustand an genannter Schule seien.

„Es liegt in der Natur der Sache, dass Scheibenwischer bei Regen und Heizungen im Winter ausfallen“, leitete Heinz Buschkowsky seine Beantwortung der Anfrage ein. Bereits 2012, informierte Neuköllns Bezirksbürgermeister, sei in der Fritz-Karsen-Schule der erste von zwei Heizkesseln ausgefallen und „zeitnah eine Ersatzbe- schaffung durchgeführt“ worden. „Der nunmehr nur noch mit verminderter Leistung laufende zweite alte Heizkessel wird in den Winterferien geschweißt“, weil ein Austausch aktuell aus logistischen Gründen nicht möglich sei und erst nach der Heizperiode erfolgen könne, kündigte Buschkowsky an.

Erheblich schärfer wurde sein Tonfall bei der Beantwortung des zweiten Punktes: „Die mit dieser Teilfrage zum Ausdruck gebrachte Diktion legt dem Bezirksamt die Ver- mutung nahe, dass der Fragesteller keine realistische Einschätzung von der finanziellen Leistungsfähigkeit des Bezirksamtes im Bereich der baulichen Un- terhaltung hat“, musste Licher sich anhören. 22 der Heizungszentralen in bezirk- lichen Liegenschaften seien älter als 20 Jahre und müssten dringend erneuert werden. Das aber würde eine Investition von rund 2 Millionen Euro bedeuten, die der Bezirk Neukölln schlichtweg nicht aufbringen könne.

Mit rund 100 Millionen Euro bezifferte Buschkowsky, der in Neukölln nicht nur den Bürgermeisterposten, sondern auch das Ressort Finanzen und Wirtschaft inne hat, die „Bugwelle an nicht finanzierbaren, aber dringend erforderlichen Baumaß- nahmen“. Und sie wachse durch eine größere Anzahl kommunaler Gebäude stetig an. Bereits jetzt gingen 15 Million des 21 Millionen-Etats für bauliche Unterhaltung an die 65 Schulen im Bezirk: „Und dennoch reicht es meist kaum zu mehr als Flick- schusterei.“ Heizungsausfälle, die zurzeit die Fritz-Karsen-Gesamtschule und die Oskar-Heinroth-Grundschule betreffen, könnten folglich auch künftig nicht ausge- schlossen werden.

Immerhin aber konnte trotz der Missstände bisher – anders als in anderen Berliner Bezirken – die Schließung bezirklicher Einrichtungen vermieden werden. Dass der Schulunterricht in der nächsten Woche pausiert, liegt einzig an den Winterferien.

=ensa=

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