„Qualifiziert, integriert, aber immer verdächtig“: Auftakt des Black History Month mit Theodor Wonja Michael

saal_bhm2014_werkstatt der kulturen_neuköllnGenau genommen beginnt der Monat, in dem in Deutschland alljährlich seit 1990 die Geschichte schwarzer Menschen ge- würdigt wird, erst übermorgen. Aber so genau wollte es die Werkstatt der Kulturen nicht nehmen: Schon vorgestern lud sie zum Auftakt des Black History Month 2014 ein und stimmte mit der Lesung von Theo- dor Wonja Michael eine fulminante Ouver- türe zu dem Themenmonat an, der in die- sem Jahr seinen Schwerpunkt auf Musik, Religion und Widerstand in Afrika und der afrikanischen Diaspora zwischen 1884 und 1994 setzt.

Theodor Wonja Michael kennt einen Großteil des Zeitraums aus eigener Erfahrung, Afrika jedoch nur von Urlaubs- und Dienstreisen. Im Januar 1925 wurde er in Berlin theodor michael_bhm2014_werkstatt der kulturen_neuköllnals jüngstes von vier Kindern geboren, seine Mutter war Deutsche und  sein Vater ein Kolonialmigrant aus Kamerun. Schon 1926 starb Theodor Wonja Michaels Mutter, acht Jahre später auch sein Vater, was dazu führte, dass der afrodeutsche Junge bei Pflegeeltern aufwuchs, die wiederum eine Völkerschau betrieben, in der er nun als Komparse auftrat. „Wir haben Baströck- chen angezogen bekommen und die Moh- ren gespielt, die man brauchte“, sagt der 89-Jährige. Nachdem die Nationalsozia- listen die Macht übernommen hatten, wurde das Spiel des Exoten in der Statistenrolle für ihn zum Brotjob und zur existenziellen Frage: In zahlreichen, die deutsche Kolonialzeit verherrlichenden UFA-Filmen gab Theodor Wonja theodor michael + burkhard schmiester_bhm2014_werkstatt der kulturen_neuköllnMichael den devoten Schwarzen. „Die Figur, die mit dem Palmwedel dem Sultan Luft zufächert, das bin ich“, erwähnt er, als ein Ausschnitt des Hans Albers-Films „Münchhausen“ eingespielt wird.

Bald nach den Dreharbeiten wurde der Berliner, des- sen Autobiographie „Deutsch sein und schwarz dazu“ kürzlich erschien, in einem Zwangsarbeiterlager in Ad- lershof interniert. Indes wurden unzählige andere schwarze Deutsche zu Opfern des NS-Regimes. „Die Nazis überlebt zu haben“, versichert Theodor Wonja Michael nach seiner Lesung mit dem Kölner Regisseur Burkhard Schmiester (r.), „ist mir eine john kantara + theodor michael_bhm2014_werkstatt der kulturen_neuköllnunheimliche Genugtuung.“ 

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das Leben des Mannes, der „vom Aussehen her nicht zu den Verlierern gehören konnte“, eine ungeahnte Wende. Aber davon wolle er eigentlich gar nichts erzählen, weil die Leute schließlich sein Buch kaufen sollen, betont er immer wieder lächelnd. Und dann rutschen ihm doch ob des Nachhakens von Moderator John A. Kantara (l.) immer wieder mehr als Stichwörter über die Lippen: Volkswirtschaft-Studium ohne Abitur, Tätigkeit als Jour- nalist, Stelle als Chefredakteur beim Afrika Bulletin, Regierungsdirektor beim Bun- desnachrichtendienst. „Geheimdienst ist alles andere als James Bond“, resümiert Theodor Wonja Michael. Mehr wolle er aber auch darüber nicht erzählen. Außer vielleicht noch, dass er die Stelle nicht zuletzt deshalb angenommen habe, um signierstunde theodor michael_bhm2014_werkstatt der kulturen_neuköllnfolgenden afrodeutschen Generationen ei- nen Weg zu öffnen.

Mit Altersmilde ist dem Groll nicht beizu- kommen, den die „große Lücke zwischen der deutschen Verfassung und der Verfas- sungswirklichkeit“ nach wie vor in ihm auslöst. „Wir sind qualifiziert, integriert, aber immer verdächtig“, ist er überzeugt. „Stellen Sie sich nur vor“, bittet Theodor Wonja Michael, „dass jemandem das Portemonnaie geklaut wird und unter fünf Verdächtigen einer mit negroidem Einschlag ist.“ Auf wen werde wohl zuerst gezeigt? „Aber Rassismus ist kein deutsches Problem, sondern international“, sagt er. Am liebsten wäre es Theodor Wonja Michael zweifellos, wenn jeder mit „Alle!“ auf die Frage antworten werkstatt der kulturen_neuköllnwürde, welche Farben die Deut- schen haben. Er jedenfalls würde seinen Exo- tenstatus gerne gegen Normalität tauschen.

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Der Black History Month 2014 in der Werk- statt der Kulturen lädt bis zum 28. Februar unter dem Motto „Sacred Drums of Libera- tion“ zu einer Vielzahl von Veranstaltungen ein. Am 1. Februar wird der The- menmonat mit der Vernissage der Ausstellung „manufactoring race“ (18 Uhr), dem Vortrag „Religion as Counterculture“ (18.30 Uhr) sowie einem Auf- tritt der 1884 – Pan-African All Stars Big Band (20 Uhr) und dem ersten „A Love Supreme“-Konzert (22 Uhr) eröffnet.

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