Mit „Schalom Rollberg!“ gegen Berührungsängste

skulptur sonne_rollbergviertel neuköllnFranz Hessel, Kind einer großbürgerlichen jüdi- schen Familie und aufgewachsen im alten Wes- ten Berlins, erkundete die Stadt in den 1920er Jahren zu Fuß. Zwischen Hermannstraße und Bergstraße, wie damals die Karl-Marx-Straße hieß, fand der Schriftsteller einen Ort, wo das Elend sichtbarer wird, das sogenannte Bullenvier- tel: „Eine traurige Gegend“, notierte er kurz.

In diesem Quartier, das heute Rollbergkiez heißt, ist seit  2003 der Verein  Morus 14  mit  Projekten für soziale Integration durch Bildung und Gewalt- prävention engagiert. Er stellte gestern beim Jah- jahresempfang morus14_neuköllnresempfang seine Arbeit und insbe- sondere das neue Projekt „Schalom Rollberg!“ vor.

„Vor gar nicht allzu langer Zeit sind die Beziehungen zwischen Deutschen, Franzosen und Juden längst nicht so gut gewesen“, sagte Morus 14-Geschäfts- führer Gilles Duhem (2. v. r.), der seit gut einem Vier- teljahrhundert in Deutschland lebt. Es sei ihm deshalb eine besondere Freude, jahresempfang morus 14_neuköllndas Projekt „Schalom Rollberg!“ offiziell ankün- digen zu können. „Schalom“ ist in Israel ein Gruß wie „Guten Tag“ in Deutschland, auf Hebräisch bedeutet es „Frieden“.

Hagar Levin, eine junge Frau aus Tel Aviv, hat erste Erfahrungen für das Projekt in einem Freiwilligen Sozialen Jahr beim Ver- ein im Rollbergviertel gesammelt. Sie be- reicherte dabei den Alltag des Vereins, leistete Aufklärungsarbeit über das Judentum und konnte einige Vorurteile abbauen. „Am Anfang haben sie gefragt: Bist Du wirklich Jüdin?„, sagt Hagar, als sie von ihren ersten Begegnungen mit den nicht selten arabischstämmigen Kiezbewohnern spricht. An erster Stelle stehen bei „Schalom Rollberg!“ Begegnungen zwischen Mitgliedern der sehr vielfältigen Berliner jüdischen Gemeinschaft und Bewohnern des Kiezes, um gegenseitige Berührungsängste abzubauen und zum Aufbau echter Freundschaften beizutragen. Konkret geht es um verschiedene Module im Netzwerk Schülerhilfe Rollberg, um gemeinsame Kunst- und Musikprojekte, um Sportaktivitäten und um eine Zusammenarbeit bei verschiedenen Kultur und Informationsveran-staltungen.

Einer der Kooperationspartner  ist  die Neuköllner Regenbogen-Schule. Dort entstand im Anschluss an die Teilnahme beim Wettbewerb „Trialog der Kulturen – Judentum, Christentum und Islam“ ein Projekt zum interreligiösen und interkulturellen Lernen, kurz PRiiL genannt. Schülerinnen und Schüler lernen im Unterricht andere Religionen und Kulturen kennen, um sie besser verstehen zu können, ohne die eigene Religion oder Weltanschauung dabei aufgeben zu müssen. Das Evan- gelische und das Katholische Religionsamt, die Islamische Förderation, der Humanistische Verband sowie die Jüdische Gemeinde sind dabei, mit dem PRiiL- hagar levin_schalom rollberg_morus14_neuköllnTeam und der Schulleitung ein Kon- zept zu erarbeiten. Hagar Levin (l.) ist im Team für allgemeine Fragen zu Israel, etwa über das Wetter oder die Rolle der Frauen, sowie für religiöse Themen zuständig. Sie erzählt den Kindern der dritten und vierten Klas- sen beispielsweise vom Chanukka, dem jüdischen Fest der Lichter: „Chanukka ist wie der Ramadan ein bewegliches Fest und fällt  immer in die Zeit von Ende November bis Ende  Dezember. Zu Lichterfest wird der neunarmige Leuchter angesteckt. An jedem Abend wird eine Kerze mehr entzündet, bis schließlich alle Kerzen brennen.“

Um seiner selbst willen Neukölln aufzusuchen, dazu kann man eigentlich nie- mandem raten. (…) Ich bin immer nur rasch mit der Tram durch Neukölln gefahren, um wo anders hinzukommen“, schrieb Franz Hessel in seinem 1929 veröffentlichten Buch. Auch wenn das Rollbergviertel weiterhin kein einfaches Pflaster ist, trägt die Arbeit vom Morus 14 e. V. und seinen Projekten erheblich dazu bei, den Kiez le- benswerter zu gestalten. Weil manche Bewohner des Rollbergviertels ihren Kiez nur selten verlassen, lädt Hagar Levin gern Gäste und Referenten aus anderen Bezirken zu  „Schalom Rollberg!“  ein.

=Christian Kölling=