Für Yvonne: Kühe in einem ehemaligen Pferdestall

2_kühe in europa_museum neuköllnSie heißen Pohjoissuomenkarja, Rod Dansk Malkerace, Katerini, Česka cer- vinka, Rotes Höhenvieh, Bulgarian Ro- dopi, Highland, Dølafe und Polnische Schwarzbunte und leben in Finnland, Dänemark, Griechenland, der Tschechi- schen Republik, Deutschland, Bulga- rien, Schottland, Norwegen und Polen. Sie muhen statt zu grunzen oder wie- hern, geben Milch, sind wiederkäuen- de Paarhufer, gehören demzufolge allesamt zur Gattung Rind und haben es einzig deshalb zu Protagonisten der neuen Sonderausstellung „All Ladies. Kühe in Europa“ gebracht, die Freitag im Museum Neukölln eröffnet wurde.

Ursula Böhmer war 19 Jahre alt, als sie 1984 ihre ersten Fotos von Kühen machte. Ihren beruflichen Schwerpunkt legte die Fotografin allerdings auf das Ablichten von Architektur. Die Leidenschaft, Kühe im Bild festzuhalten, flammte erst 1998 wieder auf: In den folgenden 13 Jahren bereiste Ursula Böhmer  25 europäische Länder, um  alte heimische Rinderrassen zu fotografieren. Knapp 30 der entstandenen Bilder

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sind nun im ehemaligen Pferdestall des Gutshofs am Schloss Britz zu sehen: als Ode auf ein zu schützendes, identitätsstiftendes Wesen und Kulturgut, das unter dem Sammelbegriff „Kuh“ bekannt ist.

„Kühe interessieren mich ja gar nicht“, bemerkt eine Frau, die sich zusammen mit ihrer Freundin die Dauerausstellung „99 x Neukölln“ im Museum angesehen hat und nicht schnurstracks an der offenen Tür zum Nebenraum vorbeilaufen wollte. „Das geht mir ähnlich“, bestätigt die Begleiterin. Nach wenigen Minuten haben die beiden 5_kühe in europa_museum neuköllndie Exponate als erledigt abgehakt.

Wer aber Sympathie für Kühe hegt, kann sich mit der Ausstellung erheblich länger aufhalten und hat schon nach wenigen bulgarian rodopi_ursula böhmer_museum neuköllnBildern einen Eindruck von der Vielfalt des Tie- res, das eng mit dem Wort „Ernährung“ ver- knüpft ist. Dieses Kli- schee zu brechen und zu zeigen, dass Kuh nicht gleich Kuh ist, sondern es sich um faszinierende Individuen handelt, sind die Ambitionen von Ursula highland-rind_ursula böhmer_museum neuköllnBöhmer. Ihre „All Ladies“- Ausstellung lädt schon durch die Hängung dazu ein, Kühen auf Augenhöhe zu begegnen und so den kom- munikativen Prozess zwischen Mensch und Tier nachzuempfinden, der die Arbeit der Fotografin bestimmte. Wie Portraits wirken die konsequent inszenierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen: Die Landschaft im Hintergrund dient als atmosphärische Kulisse; die aus Untersicht  fokussierte Kuh steht im Mittelpunkt des Bildes und zeigt Gesicht, Statur sowie ihre Reaktion von freundlich über gelassen bis hin zu irritiert.

Einige wenige Landschaftsaufnahmen runden die Ausstellung der Kuh-Portraits ab. Yvonne ist sie gewidmet, erfährt man im „All Ladies“-Bildband, der im Museum eingesehen oder knapp 40 Euro gekauft werden kann. Die Geschichte von Yvonne wird in ihm auch erzählt: Das Simmentaler Fleckvieh entzog sich der Schlachtbank 1_kühe in europa_museum neuköllndurch Flucht, hielt sich monatelang in ei- nem Waldgebiet auf, wurde schließlich wieder eingefangen und lebt heute auf einem Gnadenhof in Niederbayern.

Es trifft sich gut, dass die Ausstellung ausgerechnet im Museum Neukölln prä- sentiert wird. Denn in welchem anderen hätten Besucher, deren Interesse an Kühen durch die beeindruckenden Fotos von Ursula Böhmer geweckt wurde, die Gelegenheit, nach wenigen Schritten einem Altdeutschen Schwarzbunten Niede- rungsrind und einem Roten Höhenvieh gegenüber zu stehen? Und wem danach der

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Sinn nach mehr wiederkäuendem Anschauungsmaterial steht, dem seien mit dem  Milchhof Mendler und Bauer Mette die letzten beiden noch existierenden landwirt- schaftlichen Betriebe Neuköllns empfohlen.

Das Museum Neukölln zeigt die Ausstellung „All Ladies. Kühe in Europa“ noch bis zum 20. April (Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 18 Uhr). Zur Ausstel- lung findet ein Begleitprogramm mit Vorträgen, Konzerten und Filmen statt.

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