„Du bist nicht allein!“: Hilfe für Flüchtlinge in Neukölln

Ihre Familien und Freunde leben tausende von Kilometern entfernt – wenn sie überhaupt noch leben. Heimat ist ein Begriff, der auf Erinnerungen reduziert und mit Krieg, Verfolgung, Armut und Perspektivlosigkeit verbunden ist. Es ist der gepäckOrt, wo sie alles zurückließen und ihre Flucht be- gann.

Aus afrikanischen Ländern wie dem Senegal, Äthiopien und Sierra Leone kommen sie, aber auch aus Pakistan, Afghanistan und dem Iran. Bayern war das Bundesland, in dem sie erstmals deutschen Boden betraten. Doch dort, wo für Flüchtlinge eine  Lagerpflicht gilt und erst jetzt die Nahrungsmittel-Zuteilung durch Essenspakete abgeschafft werden soll, wollte niemand von ihnen bleiben. Residenzpflicht hin oder her. Im Oktober erreichte die aus 25 Personen bestehende Gruppe Berlin und richtete ein Protest-Camp am Brandenburger Tor ein: Mit einem 10-tägigen trockenen Hungerstreik untermauerten die Flüchtlinge auf dramatische Weise ihre Kritik an Asylauflagen und -verfahren. Danach fanden sie vorübergehend in der Heilig-Kreuz-Kirche im Bezirk Kreuzberg eine überdachte Unterkunft; seit An- treppenhausfang November leben die Non-Citizens, wie sie sich selber nennen, in einem Winterquartier im Neuköllner Norden.

Fünf Wohnungen wurden den 25 Nicht-Bürgern hier inner- halb eines Hauses zur Verfügung gestellt. Eigentlich galt das Angebot nur bis Ende Januar, inzwischen wurde es bis März verlängert. Die Wohnungen sind mit dem Notwendigsten ausgestattet, geschlafen wird auf Matratzen, die am Boden liegen. „Sie sind warm und sauber, und das ist das Wich- tigste, was die Menschen jetzt brauchen, um zur Ruhe zu kommen und sich von den Folgen ihrer Flucht und des Hungerstreiks erholen zu können“, so Lissy Eicherts Ein- schätzung. Die Pastoralreferentin gehört zur ökumenischen Unterstützergruppe, die sich zusammengeschlossen hat, um humanitäre Hilfe zu leisten.

Vor gut zwei Wochen wurde außerdem eine Halbtagsstelle für eine junge Afrikanerin eingerichtet, die vor drei Jahren von Ruanda nach Deutschland kam und nun die Kommunikation zwischen den Flüchtlingen und dem helfenden, interdisziplinären Umfeld türerleichtern soll. „Es ist kompliziert“, muss sie zugeben, hofft aber, dass sich die Abläufe mit der Zeit verbessern. Obwohl sie weiß, dass beispielsweise Schwierigkeiten bei Termin- absprachen kein Flüchtlingsproblem sondern eine Sache der Mentalität sind. Dass hier mit Menschen eine zeitliche Ordnung und Verlässlichkeit hergestellt werden soll, die zudem rund um die Uhr mit ihren Existenz- und Zukunftsängsten beschäftigt sind, kommt erschwerend hinzu. Doch neben psychischen Um- ständen sind es oft auch ganz praktische Dinge, die die Ein- haltung von Arztterminen und ähnlichem durchkreuzen: Die medi- zinische Versorgung der Frauen und Männer ohne Aufenthalts-status und somit ohne Krankenversicherung kann nur in Einrichtungen wie der Malteser Migranten Medizin stattfinden, die allesamt nicht fußläufig erreichbar sind. Es muss also im Vorfeld eine der BVG-Monatskarten reserviert werden, die für die Neuköllner Flüchtlinge zur Verfügung stehen. Oder ausreichend Geld für Einzeltickets vorhanden sein. Denn würde jemand der Non-Citizens beim Schwarzfahren erwischt werden, hätte das fatale Auswirkungen auf die Asyl-Verfahren, die schon durch die Missachtung der Residenzpflicht an Brisanz gewonnen haben.

„Es sind riesige Sorgenpakete“, sagt Lissy Eichert, „die diese Menschen mit sich herumtragen.“ Wie ein Damoklesschwert hänge die Angst vor einer Ablehnung des Asylantrags über ihnen, was unweigerlich die Abschiebung bedeuten würde. Eicherts afrikanische Kollegin, die nicht namentlich genannt werden möchte, mutmaßt, dass „fast alle eine Therapie bräuchten, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten.“ Und um bereit für einen Alltag fernab der Heimat zu sein. „Du bist nicht allein!“, immer und immer wieder erinnere sie die jungen Flüchtlinge, von denen kaum einer älter als 30 ist, daran, um spenden für flüchtlingeihnen Zuversicht zu geben. Bei- nahe gebetsmühlenartig konfrontiert sie die, die es verlernt haben, um etwas zu bitten, mit der Frage: „Was brauchst Du?“

Bedarf sei in der Tat an allem da, bestätigt Lissy Eichert: „Ganz oben auf der Liste stehen aber BVG-Karten.“ Reinigungsmit- tel für die Sauberhaltung der Wohnungen, rezeptfreie Medikamente zur Bekämpfung von Kopfschmerzen oder ersten Anzeichen einer Erkältung, Pflaster, Nahrungsmittel, Winterkleidung und Bücher in englischer und französischer Sprache sowie Urdu und Panjabi sind außerdem sehr begehrt.

Unsere beim Weihnachtsmarkt im Körnerpark begonnene Benefiz-Aktion für die Neuköllner Flüchtlinge hatte bereits den Erfolg, dass weitere BVG- Tickets für die Gruppe angeschafft werden konnten. Wir danken allen ganz herzlich, die dazu beitragen haben.

Außerdem danken wir denen, die Kleidung gespendet haben, sowie dem Café Jule, das Kuchen und diverse unverbrauchte/-kaufte Lebensmittel für die Non-Citizens zur Verfügung stellte, bevor  es die Winterpause begann. Alle Spenden wurden am Tag vor Heiligabend in einer der Flüchtlings- wohnungen an den Sprecher der Gruppe übergeben.

Wollen auch Sie den Menschen in ihrem Neuköllner Winterquartier helfen? Dann setzen Sie sich bitte per facettenMail mit uns in Verbindung, um mitzuteilen, was Sie abgeben möchten.

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