„Tausende von Berliner Jugendlichen sind gefährdet“

Wie viele es genau sind, ist unklar. Schätzungen gehen von rund 30 Berlinern und etwa 240 Deutschen insgesamt aus, die bereits nach Syrien gereist sind, um sich im özkaraca_erdogan_danschke_neuköllner leuchtturm_neuköllnDschihad mit ihrem bewaffneten Ein- satz die Eintrittskarte für das Paradies zu sichern. „Tausende von Berliner Jugendlichen sind gefährdet, von der perfiden Propaganda eingefangen zu werden“, ist Kazim Erdogan (M.) über- zeugt. Um die Problematik in die Öf- fentlichkeit zu bringen, lud der Vorsitzende des Aufbruch Neukölln e. V. Ende letzter Woche gemeinsam mit der Vätergruppe des Vereins zur Pressekonferenz in den Neuköllner Leuchtturm ein. Das Wichtigste sei nun, so Erdogan, die Eltern poten- claudia danschke_neuköllner leuchtturm_neuköllnzieller Dschihad-Krieger zu informieren und für Ver- haltensänderungen ihrer Kinder zu sensibilisieren. Das Hauptaugenmerk liege dabei auf Familien mit türki- scher Zuwanderungsgeschichte und muslimischer Prä- gung, denn das seien die besonders Betroffenen.

Claudia Dantschke macht es noch deutlicher, will die Thematik aber zugleich aus dem von Erdogan eingezir- kelten Personenkreis holen: „Wir haben es nicht mit einem migrantischen, sondern mit einem jugendkul- turellen Problem zu tun.“ Zwar werde bei den Kids, die mit Waffengewalt aus Syrien den islamischen Staat der Zukunft machen wollen, ein religiöser Radikalisierungs- prozess einsetzen, als Dschihadisten, so die die Ex- tremismus-Expertin vom Zentrum Demokratische Kul- tur, dürfe man sie aber trotzdem nicht bezeichnen: „Es sind in Deutschland geborene oder aufgewachsene verführte Jugendliche. Testosterongesteuerte junge Männer, kazim erdogan_neuköllner leuchtturm_neuköllndie  in  ihrer Peer Group den großen Macker spie- len wollen.“ Äußerst besorgniserregend sei dabei, so Dantschke, dass sie immer jünger werden. Lag das Einstiegsalter früher zwischen 17 und 27 Jah- ren, so sind es jetzt meist schon 15- bis 16-Jährige, die angeworben werden.

Der Nährboden für ihre Anfälligkeit liege aber kei- nesfalls nur in der subtilen Ansprache, sondern in den Biographien der Jugendlichen, betont Kazim Erdogan: „Sie fühlen sich als Versager der Nation, haben oft keinen Schulabschluss und damit keine Aussicht auf eine Berufsausbildung. Dazu kommt meist, dass sie nicht in geregelten Familienverhältnissen und ohne Väter als Vorbilder aufwachsen.“ Deshalb suchen sie woanders nach der Wertschätzung und Liebe, die sie von der Gesellschaft oder zuhause nicht finden. „Radikale Islamisten bieten den Jugendlichen anscheinend die Gemeinschaft und den Sinn fürs Leben, den sie vermissen“, mutmaßt Claudia Dantschke. Folglich müsse es nicht darum gehen, „Eltern zu Syrien- oder Islam-Experten auszubilden. Vielmehr muss ihre Aufmerksam dafür geschärft werden, die Defizite ihrer Kinder zu erkennen.“ Wenn die Jugendlichen aus Syrien zurück-erol özkaraca_neuköllner leuchtturm_neuköllnkommen, prognostiziert die Extremismus-Expertin, würden die Probleme erst so richtig losgehen. Dann gelte es nicht nur Kriegs-Traumata zu verarbeiten.

Denn woran kaum einer der konvertierten oder re-islamisierten Jugendlichen denkt: „Es sind deutsche Staatsbürger, die im Ausland Straftaten begehen“, erinnert der Jurist Erol Özkaraca, der für die SPD dem Berliner Abgeordnetenhaus angehört. „Es wird reihenweise Anklagen gegen die geben müssen, die zurückkommen, und über das Ausmaß ihrer Straftaten sind sich die Jugendlichen überhaupt nicht bewusst.“

Bevor es soweit kommt, will die Vätergruppe des Aufbruch Neukölln e. V. tätig werden. Um Präventionsarbeit – auch in Zusammenarbeit mit Moscheen – geht es ihr. Veranstaltungen in der ganzen Stadt werde es geben, kündigt Kazim Erdogan an, um über die Gefahren aufzuklären, denen Jugendliche ausgesetzt sind. Dass es diesbezüglich auch auf politischer Ebene einigen Nachholbedarf gibt, macht Erol Özkaraca deutlich: „Ich kann mich nicht erinnern, dass sich das Abgeordnetenhaus oder meine Fraktion jemals mit dem Thema beschäftigt hat.“

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