Geschenke von unbekannt: Suspended Coffee im Café Jule

suspended coffee-logo_cafe jule_neukölln„Ich hab gedacht, dass es lange dauert, bis die ersten Spenden kommen, aber das war ein Irrtum“, sagt Jule Eisendick.

Seit gut einem Monat beteiligt sie sich mit ihrem Café Jule an einer Aktion, die in der süditalienischen Stadt Neapel vor über 100 Jahren als Caffè Sospeso erfunden wurde und vor 5 Jahren durch die Banken- und Finanzkrise ihren regionalen Charakter verlor. Seitdem gibt es aufgeschobenen Kaffee in vielen europäischen Ländern, aber auch in Nord- und Südamerika sowie in Australien. In Deutschland sind es noch relativ wenige Gastronomen, die auf der Suspended Coffee-Plattform registriert sind: Das Café Jule ist eines von derzeit gerade mal vier Cafés in Berlin, die mitmachen – cafe jule_neuköllnund  das einzige in Neukölln.

Sie vermute, dass die Zurückhaltung zur Beteiligung darin begründet liegt, dass viele die Aktion noch gar nicht kennen. „Nachteile für uns Café-Be- treiber hat sie ja gar nicht, deshalb sollten jetzt viele Leute ihre Lieblings- cafés darauf aufmerksam machen. Schon weil das Prozedere ganz ein- fach ist“, erklärt Jule Eisendick: Das Suspended Coffee-Schild an der Tür weist ihre Lokalität als eine aus, in der alle, die etwas Geld übrig haben, denen einen Kaffee ausgeben können, die finanziell minderbemittelter sind. „Wer das machen will, sagt einfach beim Bezahlen, dass er  einen aufgeschobenen Kaffee mitbezahlt.“

Inzwischen haben das über zwei Dutzend Leute in dem Café in der Kienitzer Straße, einer Seitenstraße der Hermannstraße, getan. Statt die entsprechenden Kassenbons in einem Glas zu sammeln, hat Jule Eisendick kleine Herzen ausgeschnitten, die sie an eine Tafel neben der Tortenvitrine hängt. Das könne jeder Gastronom nach eigenem suspended coffee-bons_cafe jule_neuköllnGeschmack handhaben, sagt sie. Zu ihr und ihrem Café, in dem industriell gefertigte Produkte rar sind, passe das Selbstgebastelte am besten.

Nachdem ein guter Grundstock für die kof- feinhaltige Gratis-Versorgung angelegt ist, geht es nun darum, Bedürftige über die Geschenke von unbekannt zu informieren. „Das scheint das Komplizierteste an der Aktion zu sein“, vermutet Jule Eisendick. „Bisher war jedenfalls noch niemand hier, der einen aufgeschobenen Kaffee in An- spruch nehmen wollte.“ Statt Kaffee dürfe es selbstverständlich auch ein anderes gleichwertiges Heißgetränk sein, räumt sie ein. „Aber wie erreicht man die, die sich einen Café-Besuch nicht leisten können oder obdachlos sind und niemals in ein Café gehen würden?“ Plötzlich sei sie mit Themen konfrontiert, die sonst in ihrem Alltag eine eher untergeordnete Rolle spielen würden. Das sei das Spannende an dieser rundum guten Sache namens Suspended Coffee. „Wobei so einen Gutschein natürlich auch der Student Anspruch nehmen darf, der gerade knapp bei Kasse wolle_gemeinschaftsprojekt patchwork-decke_cafe jule_neuköllnist. Oder jemand, der eigentlich bezahlen wollte, aber sein Portemonnaie vergessen hat.“ In solchen Fällen würde Jule Eisendick allerdings darauf setzen, dass das spontane Nehmen durch ein aufgeschobenes Geben erwidert wird und der mit der Aktion eng verbundene Solidaritätsgedanke nicht in einer Einbahnstraße ste- couch_gemeinschaftsprojekt patchwork-decke_cafe jule_neuköllncken bleibt.

Mit aufgeschobenen Kaf- fees ist der Spaß am En- gagement für das Mit- einander jedoch lange noch nicht am Ende. Ein anderes Gemeinschaftsprojekt, für das die Gastrono- min ihre Gäste begeistern will, steht schon in den Start- löchern: Der inzwischen arg ramponierte Bezug der gemütlichen Couch im Café soll unter einer Patchwork-Decke verschwinden, zu der jeder 20 x 20 Zentimeter große Strickstücke beitragen kann. „Am 14. Dezember machen wir den ersten Strickliesel-Nachmittag„, kündigt Jule Eisendick an.

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