Von Haus zu Haus

karl-marx-straße_hermannplatz neuköllnWo die Karl-Marx-Straße beginnt, dürfte in Berlin allgemein bekannt sein – und in Neukölln sowie- so: am Hermannplatz. Würde man dagegen nach ihrem Ende fragen, fielen die Antworten sicher sehr unterschiedlich aus.

Dass es Neuköllns Magistrale auf knapp 3 Kilo- meter bringt, verblüffte auch die Künstlerin und Kuratorin Sabine Küster. „Ich hatte das Ende im- mer schon bei der Lahnstraße vermutet und war überrascht, wie weit es dann noch in Richtung Britz geht“, gesteht sie und fügt erklärend hinzu, dass sie in ihrem Alltag eben nur einen bestimmten Abschnitt der Karl-Marx-Straße erlebe, den zwischen der U-Bahn-Station Rathaus Neukölln und der Kienitzer Straße. Das hätte sich vielleicht auch nicht geändert, wenn da nicht die Aktionärsfonds-Ausschreibung und die Idee gewesen wären, sich an ihr zu beteiligen. „Daraufhin“, so Sabine Küster, „habe ich mich neugierig auf den Weg gemacht, mal die ganze Karl-Marx-Straße zu erfassen, um ein  Bild von ihrer Gesamt- heit und Unterschiedlichkeit zu bekommen.“

Im Sommer begann die Künstlerin, in den „spannenden Prozess“ einzutauchen und „viele Stunden Asphaltlauf“ zu absolvieren. Seit Anfang November sind – obwohl zwischenzeitlich eine Absage für die Aktionärsfonds-Förderung kam – Eindrücke dessen, was kms104_visuell283_karl-marx-straße neuköllnsie zwischen den Hausnum- mern 1 und 283  erlebte und entdeckte, auf der Plattform Visuell283 veröffentlicht. Bis Ende Juni nächsten Jahres wird dort täglich ein neues Kapitel Karl-Marx-Straße aufgeschlagen. „Durch die Kombination von unbearbeiteten Schnappschüssen und spontanen Textassoziationen oder Fundstücken sowie der zufälligen Reihen- folge der Hausnummern, entsteht auch dabei wieder so etwas wie eine Collage, Puzzle- oder Schnitzeljagd-Situation„, skizziert die seit 2 1/2 Jahren wieder in Neukölln lebende Künstlerin ihre Vor- gehensweise. „Ich hoffe, dass sie viele Menschen inspiriert, wacher durch die visuell283_1_karl-marx-straße neuköllnStraße zu laufen, Details wahrzunehmen, Veränderungen zu registrieren.“

Die Schnelllebigkeit der Karl-Marx-Straße ist es auch, die Sabine Küster fasziniert. Doch die Straße bot bei intensiver Ausein- andersetzung mit ihr weitaus mehr als das, was sie bei oberflächlichem Hinse- hen offenbart.  Sie sei bei diesem Projekt von vielem überrascht worden, resümiert die Künstlerin. Alte Handwerkstraditionen in Hinterhöfen habe sie ebenso entdeckt wie „verrückte Kleinstläden“ und große, alte oder neue Brachflächen. Auch die architektonische Vielfalt und die „unglaubliche Phantasie der Straßenkünstler“, die sich in Graffiti und Objektkunst widerspiegelt, kms152c_visuell283_karl-marx-straße neuköllnseien ihr erst durch die Arbeit an Visuell283 aufgefallen: „Eine andere Überraschung war das Misstrauen der Menschen, wenn da jemand einfach fotografiert.“ Eine Ant- wort darauf, ob es sich „um ein normales Verhalten angesichts heftigster Gentrifika- tion“ oder um „Ängste vor JobCenter, Mak- lern, Konkurrenten oder Schutzgeldeintrei- bern“ handelt, hat Sabine Küster bislang nicht gefunden.

Leichter wird es sein, zu einer Antwort darauf zu gelangen, was künftig außer der Netzpräsenz mit den Bildern und Texten geschehen könnte. Einen konkreten Plan gebe es zwar aktuell noch nicht, aber: „Ich spiele mit dem Gedanken, die Fotos im Kleinformat abzuziehen und in meinem Kunstbuero MusenTritt auszustellen.“ Auch für eine Wander-Ausstellungs-Box wäre das Projekt gut geeignet, meint sie.

Platz zum Wandern ist zwischen Hermannplatz und Buschkrugallee genug. Eine knappe Dreiviertelstunde sollte schon einkalkulieren, wer die Karl-Marx-Straße in ganzer Länge ablaufen will – Zeit zum genaueren Hinsehen bleibt da allerdings nicht.

=ensa=