„Es wäre mal wieder an der Zeit, ein Haus zu besetzen“

1_kindl-zentrum neuköllnEin Jahr wird es ungefähr noch dauern. Erst im Herbst 2014 soll aus Hallen, in denen früher Bier gebraut und abgefüllt wurde, das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst geworden sein. Um die Zeit bis 2_kindl-zentrum neuköllndahin ein wenig zu verkürzen und schon vor der Eröffnung Ein- blicke in die sich verän- dernden Räumlichkei- ten zu geben, hat das KINDL die sechsteili- ge Veranstaltungsreihe „Gäste“ initiiert: Sie be- gann im September mit einer performativen Konzert-Installation im Kesselhaus und wurde im November mit einer Diskussion zum The- ma „Nachbarschaften: Die Entwicklung der Stadt“ in der Trafozentrale fortgesetzt.

„Wir wollen uns ganz gezielt mit dem Aspekt beschäftigen, weil wir uns bewusst sind, dass auch wir uns mit dem KINDL in diesem städtebaulichen und stadtsoziologi- schen Kontext befinden“, hielt Andreas Fiedler, der künstlerische Leiter des Zent- rums, bei seiner Begrüßung fest, die zu  Moderator Peter Schiering (l.) überleitete. Mit gäste2-podi_kindl-zentrum neuköllnder Stadtplanerin Cordelia Polin- na, gebürtige Neuköllnerin und am Center for Metropolitan Studies an der TU Berlin beschäftigt, dem raumlabor berlin-Mitbegründer Axel Timm und Thibaut de Ruyter (r.) als Kunst- und Architekturkritiker hatte der Gäste um sich versammelt, die für Kompetenz und klare Worte bekannt sind.

Schon bei der Frage von Moderator Schiering, welche „tollen Beispiele für Stadt- planung“ ihnen denn einfielen, konnten sie das unter Beweis stellen. „Stadtplanung ist oft besonders spannend, wenn sie schiefgeht“, merkte Cordelia Polinna an und nannte als Beispiel ein Parkhaus in der Dresdener Straße in Kreuzberg. Das sei nie kindl-traforaum_kindl-zentrum neuköllnals solches genutzt, schließlich Mitte der 1980er Jahre zu einer Kita umgebaut worden und seit- dem „beispielhaft für viele Strukturen“. Ein ähn- liches Faible gegen das starre Festhalten an Vorgaben brachte Thibaut de Ruyter zum Aus- druck. Paris, sagte er, sei ein Negativbeispiel, weil sich die Stadt in den letzten Jahrzehnten durch eine falsche Stadtplanungspolitik zum „perfekten Disneyland für Touristen“ entwi- ckelt habe. Berlin hingegen war im 20. Jahr- hundert ein lebendiges Element, das alle paar Jahre eine neue Geschichte zu schreiben be- gann. Die Befürchtung, dass es damit vorbei sein könne, klang unüberhörbar mit.

„In Berlin ist nach der Wende stadtplanerisch viel falsch gemacht worden, aber trotzdem hat sich die Stadt zu einer spannenden Metropole entwickelt“, bestätigte Axel Timm. Jetzt aber ändere sich alles und durch die aktuelle Entwicklung drohe die Qualität des städtischen Lebens verloren zu gehen. „Ich kann eigentlich nur alle zum Widerstand aufrufen“, meinte der Architekt und fand, dass es „wirklich mal wieder an der Zeit wäre, ein Haus zu besetzen.“ Wowereits Bonmot vom „arm aber sexy“ habe in der Tat ausgedient und nun würden Investoren mit einer gigantischen Vehemenz und der Aussicht auf eben solche Renditen in die Stadt drängen, unterstrich Cor- delia Polinna die Brisanz des Trends: „Das ist natürlich für uns alle, die wir hier leben, 3_kindl-zentrum neuköllnschrecklich, aber aus Investorensicht ab- solut plausibel.“

Nun müsse die Politik unter Druck gesetzt werden, dass sie den Ausverkauf öffent- licher Liegenschaften stoppt und so ihre Mittel aus der Hand gibt, forderte Axel Timm: „Denn Boden bedeutet Macht.“ Auch für die Bezirke heiße das, schloss sich Polinna dem Appell an, dass sie die Entwicklung im Blick haben und bei der Erteilung von Planungsrechten verantwor- tungsvoll handeln müssten. Zudem müsse stets die Überlegung nebenher laufen, wie die lokale Ökonomie von stadtplanerischen Entwicklungen profitieren kann. Für viele Künstler, mutmaßt Timm, sei die Lage noch hoffnungsloser: Die Szene wandere schon seit Jahren nicht mehr von einem Kiez zum anderen, sondern werde immer weiter an den Stadtrand verdrängt. „Und die Gentrifizierung Berlins wird noch massiver werden“, prognostiziert er.

„Wie aber ließe sich lebenswerter Stadtraum erhalten? Welchen Rat kann man Künstlern geben?“, wandte sich Moderator Schiering an die Diskutanten und traf damit den Nerv vieler Künstler im Publikum. Kooperationen mit Schulen, Alten- heimen und ähnlichen sozialen Einrichtungen könnten eine Überlebensstrategie alte kindl-brauerei_neuköllnsein.  Er würde es sehr begrüßen, wenn Künstler aufgerufen würden, in alten Indus-triegebäuden zu arbeiten, um deren Erhalt und Geschichte zu sichern, schlug Thibaut de Ruyter vor. Auch im KINDL sei die Einbindung lokaler Kreativer vorgesehen, kündigte Andreas Fiedler an: „Wie sich das Angebot praktisch abspielt, werden wir sehen. Wir sind jedenfalls kein Ufo, son- dern verstehen uns als offenes Haus.“

Was in Berlin zum Wohle der Otto-Normal-Mieter getan werden könne, mochte niemand so recht beantworten. „Es müssten seitens der Politik andere Mittel als die Mietpreisbremse entwickelt werden“, fand Axel Timm. Auf eine Frage aus dem Publikum, ob eine Milieuschutzsatzung in Neu- kölln angebracht wäre, zeigte sich Cordelia Polinna pessimistisch: Einerseits sei das natürlich ein klares Signal der Politik. „Wirklich effektiv“, so die Stadtplanerin, „wäre sie aber nur gekoppelt mit einer Umwandlungsverbotsverordnung.“

Der Termin für Gäste 3/6 steht noch nicht fest. Er werde „wohl im Februar 2014“ sein, teilte Valeska Schneider, kuratorische Referentin im KINDL, auf Anfrage mit. Da es immer auch vom aktuellen Stand der Sanierungsarbeiten abhänge, wo gerade ein Raum für einen Abend genutzt werden kann, erklärt sie, müssten die Abende „etwas spontaner“ entwickelt werden. Auf der KINDL-Homepage wird rechtzeitig über die nächste Veranstaltung informiert.

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