Nach 30 Jahren: Aus für das Haus des älteren Bürgers

Haus des älteren Bürgers NeuköllnNicht nur Neuköllner kennen das Gebäude in der Werbellinstraße 42. Doch wer am Wochenan- fang das Haus des Älteren Bürgers passierte, der name ist wegwunderte sich: Der Name war weg. Und das in der Woche, in der die Einrichtung ihr 30- jähriges Jubiläum feiert. Doch dann handwerkliche Ak- tivitäten: Die Hausnummer ist schon wieder angebracht. handwerkliche arbeiten_bürgerzentrum neuköllnAha, könnte man denken, die Ziffern und Buchstaben sind zum Fest be- stimmt gereinigt worden. Doch weit gefehlt: Nach 30 Jahren verschwindet der Name dieser Institution. Sie heißt nunmehr bürgerzentrum neuköllnBürgerzentrum Neukölln, mit dem Zusatz „Haus der Parität“.

Wie einmal alles begann, weiß die Chronik zu berichten: Die Haus des Älteren Bürgers GmbH wurde bereits im Jahre 1976 gegründet. Ge- sellschafter waren je zu einem Halb das Land Berlin und die Liga der freien Wohlfahrtsverbände. Aufgabe sollte es sein, ein Haus des Älteren Bürgers als Modellprojekt für West-Berlin und das gesamte damalige Bundesgebiet in Berlin-Tiergarten zu errichten. Hiergegen bildete sich eine Bür- gerinitiative, um den Bau zu verhindern. Da der angestrengte Rechtsstreit sich über viele Jahre hinzog – er wurde erst nach Fertigstellung des Baus am jetzigen Standort beendet – fasste das Abgeordnetenhaus von Berlin im September 1979 den Beschluss „zur vorrangigen Errichtung eines Haus des Älteren Bürgers im Bezirk Neukölln“. Das erforderliche Grundstück am Rande des Rollbergviertel wurde vom Land Berlin in Erbpacht zur Verfügung gestellt. Nachdem dann auch die mit 15,2 Millionen DM veranschlagete Finanzierung des Baus und die Übernahme der Folgekosten sichergestellt waren, erfolgte am 5. Mai 1982 die Grundsteinlegung. Nach einer Bauzeit von nur rund eineinhalb Jahren erfolgte im Oktober 1983 die Schlüsselübergabe und am 24. November 1983 die feierliche Eröffnung und Inbe- triebnahme.

Seitdem gab es viele Veränderungen: durch Konzeptweiterentwicklung und Träger- wechsel, durch einen Beinahe-Bankrott und erhebliche Umbauten sowie bei der Vermietung. Ein zur Institution gewordenes Angebot hat allerdings bislang alle Veränderungen des Hauses überstanden: das wöchentliche Tanzen mit Livemusik. Als die Kindl-Festsäle geschlossen wurden, übernahm das Haus des Älteren Bürgers diese Tradition der donnerstäglichen Tanztees. Orgel-Gerd, Hugo Schultz, Günther Ruback und Kiry Janev sind nur einige der Protagonisten, die mit ihrer Musik den nötigen Schwung erzeugten. Letzterer wird auch den Ton angeben, wenn am Sonnabend die Jubiläumswoche mit einer Tanzveranstaltung zu Ende gehen wird. gabriele schlimperDoch gestern war erst einmal der große Festakt anlässlich der Umbenennung.

Gabriele Schlimper, die Leiterin der Geschäftsstelle Bezirke des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, be- grüßte die Anwesenden und moderierte diese Feierstunde. Den Auftakt machte der Seniorenchor seniorenchor neuköllner spätleseNeuköllner Spät- lese mit drei lau- nigen Liedern.

Dann übernahm Dirk Gerstle, Staatssekretär für Soziales, das erste Grußwort.  Ihm war es wichtig, mit Ereignissen aus dem Eröffnungsjahr auf- zuwarten: Berlin war geteilte Stadt, Nena sang „99 Luftballons“, Hitlers Tagebücher wurden veröffent- licht und kurze Zeit später als Fälschung enttarnt, es gab massenweise Demonstrationen zum Nato-Doppelbeschluss und Udo Lindenberg trat im Palast der Republik auf. „Alles Dinge, die heute nicht mehr wirklich Bestand haben, ganz anders – ihr Haus“, fuhr er fort und betonte den Beispiel- charakter für die gesamte Bundesrepublik, den diese Einrichtung staatssekretär dirk gerstle_senat berlingehabt hätte. Ausschlaggebend dafür sei gewesen, dass es Menschen mit Visionen gab, die die Kraft hatten, diese umzusetzen – zu- sammen mit der Senatsverwaltung für Soziales, dem Bezirksamt Neukölln und mit den Wohlfahrtsverbänden. Er verschweigt auch nicht, dass es in den 1990ern recht schwierige Zeiten gab. Zum Glück wurde erneut mutig ein Prozess angeschoben, so dass man heute nun auf dieses ins- gesamt 30jährige Bestehen blicken kann. „Die entscheidende Rolle“, so Dirk Gerstle, „spielte immer der Gemeinschaftsgedanke.“ Um etwas zu schaffen, brauche es engagierte Menschen, um etwas zu erhalten, brauche es Institutionen. Zum Schluss seiner Ausführungen ließ er bereits die neue Kurskorrektur anklingen, indem er nicht mehr nur auf die älteren Mitbürger als Zielgruppe abhob, sondern das Haus auch anderen Generationen geöffnet wissen will.

Anschließend trat Neuköllns Sozialstadtrat Bernd Szczepanski ans Mikrofon. Er schilderte zunächst die Situation der Ruhegeldempfänger vor 30 Jahren hier an dieser Stelle, nicht viel mehr als 1000 Meter von der Mauer entfernt: „Ihr Leben war geprägt von Hänschen Rosenthal und Gerhard Löwenthal, von Spaziergängen mit dem Hund und Urlaub im Harz oder Fichtelgebirge – von den Berlinern auch gern ‚Proletenalpen‘ genannt.“ Für sie sollte ein Ort geschaffen werden, der ihre Bedürfnisse erfüllte. Dass das Neuköllner Bezirksamt bis auf den heutigen Tag in dieses Projekt involviert ist, stellte den Schwerpunkt seiner Ausführungen dar. Um bernd szczepanski_sozialstadtrat neuköllnsich nicht in zu vielen Einzelheiten verlieren zu müssen, verwies Bernd Szczepanski auf die kleine Jubiläums-Ausstellung, in der auf Schautafeln die Historie des Hauses dargestellt ist. Er hob die Verdienste des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hervor, die letztlich das Haus vor dem Konkurs bewahrten. Dadurch konnte mit neuem Konzept 1996 durchgestartet werden. Auch heute noch sei der Paritätische verläss- licher Partner und Garant für das Fortbestehen dieser Einrichtung. Es folgten viele Danksagungen an die anwesenden ehemals und derzeit aktiven Haupt- und Ehren- amtlichen. Abschließend warf der Stadtrat ein Streiflicht auf die heutige Situation älterer Menschen, den demografischen Wandel und die interkulturellen Öffnung des Hauses. Er zeigte sich zuversichtlich, dass entstehende Friktionen, wenn Neuköllner mit Zuwanderungsgeschichte eingebunden werden sollen, mit Ziel- strebigkeit, Verständnis und Geduld beseitigt werden könnten. „Das Haus des Älteren Bürgers“, so Szczepanski, „hat sich mit 30 nun erkennbar zum älteren Haus des Bürgers gewandelt, das mit immer vielfältigeren Interessen und Bedürfnissen der ‚Generation Silber‘, aber auch anderen sozialen Erfordernissen der Gesell- schaft gerecht werden will.“ In der Umbenennung in Bürgerzentrum Neukölln sieht der Sozialstadtrat folglich nicht nur eine Umetikettierung, sondern den sichtbaren Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses.

Der Letzte des Rednerdreigestirns war Oswald Menninger. Nach der Gratulation anlässlich des Jubiläums appellierte der Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands an das Land Berlin, seine unselige Liegenschaftspolitik einzustellen, um wohnortnahe soziale Infrastruktur zu ermöglichen. Deshalb beglückwünschte er das Bezirksamt Neukölln, dass es in den 1970er Jahren das in Rede stehende Grundstück nicht an einen Investor veräußert, sondern hier die bundesweit erste Tagespflege eingerichtet hat – eine weit voraus schauende oswald menningerEntscheidung. Weiter führte er durch die demografische Entwicklung Berlins und hob die politische Weitsicht hervor, die nicht vom Gedanken der Fürsorge son- dern von der Aktivierung und Selbstbe- stimmung älterer Menschen getragen wurde. Gleichermaßen wies er auf die für die Stadt segensreiche Stiftung Hilfswerk Berlin hin, die finanzielle Mittel auch für dieses Haus bereitstellte. Dennoch konnten nach dem Fall der Mauer nicht alle Zuwendungen aus der öffentlichen Hand erhalten bleiben. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat dann ein neues Nutzungskonzept entwickelt und dafür die Unterstützung vom Bezirksamt Neukölln erhalten. „Die wirtschaftlichen Risiken waren bei rund 1 Million DM Schulden und einer zu großen Anzahl von Mitarbeitern nicht unerheblich“, erinnerte Menninger. Nicht zuletzt mit Hilfe der Deutschen Klassenlotterie konnte das Haus an die neue Nutzerstruktur angepasst und die Neukonzeptionierung bis 1998 abgeschlossen werden. Nach feierliche enthüllung_bürgerzentrum neuköllnOswald Menningers Dank an die Vertreter des Bezirksamt, die Mieter des Hauses und die Mitarbeiter vom Haus des älteren Bürgers, erfolgte schließlich die feierliche Umbennung.

Ein Auftritt der Cheerleader der Mosaik För- dergruppe Neukölln beschloss den cheerleader mosaik-fördergruppeformellen Teil des Fest- programms und leitete zur Öffnung des Büffets über.

Ab heute suchen also die Menschen das Bürger-zentrum Neukölln auf, wenn sie das Haus in der Werbellinstraße ansteuern. Ob dann auch noch der Schlagertext der von Günther Ruback herausgebrachten Schallplatte mit dem Titel „Olé, Olé, Olé, wir geh’n zum Tanzen ins HdB“ geändert wird?

=kiezkieker=

Eine Antwort

  1. Statt endlose Wiedergabe von Jubiläumsgedöns hätte die Leser sicher mehr interessiert, wie das künftige Konzept des Hauses entsprechend seines neuen Namens aussehen wird: Ziele, Zielgruppen, Arbeitsschwerpunkt, Veranstaltungskonzept etc.

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