Bonus unerwünscht

hilde wittur_schillerpalais neukölln„Schade, dass die Ausstellung jetzt vorbei ist“, findet Hilde Wittur. Zehn Tage lang waren im Schillerpalais in Neukölln Werke von ihr und anderen Künstlern schillerpalais neuköllnzu sehen, die als geistig behindert gelten. Ob Hilde Wittur sich auch selber als das empfin- det? Die Frage ist ob- solet. In solchen Kate- gorien denkt die 65- Jährige nicht. Schon bei der Frage, ob sie sich als Künstlerin bezeichnen würde, wird es deutlich: Sie male gerne und viel, sagt sie lächelnd. „Manchmal kommt Kunst dabei raus, manchmal aber auch nicht“, konstatiert David Permantier. Er arbeitet bei der Lebenshilfe Berlin e. V. und betreut nicht nur Hilde Wittur, sondern leitet auch die Kunstwerkstatt, die der Verein 1996 ein- richtete.

Einmal pro Woche treffen sich dort Menschen wie Hilde Wittur, um sich künstlerisch zu erproben und zu entwickeln. „Natürlich outside-art-insight_schillerpalais neuköllngeht  Kreativität auf Knopfdruck bei Be- hinderten genauso wenig wie bei Nicht-Behinderten“, so die Erfahrung von Permantier, „aber meistens ent- steht doch die Atmosphäre, etwas ausprobieren zu wollen.“ Und dann gebe es oft kein Halten mehr, liege die Hauptaufgabe des Kunstthera- peuten vorrangig im Bremsen denn im Motivieren: „Den meisten Teilnehmern fehlt ein Verhältnis zum Ende, sie haben also kein Gefühl dafür, wann ein Bild fertig und gelungen und vielleicht sogar Kunst ist.“  Was manchen zudem fehle, sei das Bewusstsein, eben jenes Werk selber zu Papier gebracht zu haben. „Das Problem hat Hilde allerdings nicht. Die ist eher so drauf, dass sie jedes Bild für sich rekla-kunstwerkstatt lebenshilfe e.v._schillerpalais neuköllnmiert“, räumt David Permantier schmun- zelnd ein.

Zur Ausstellung „outside-art-insight“, die Arbeiten der Lebenshilfe-Kunstwerkstatt und der Kunstfördergruppe Neukölln der Mosaik-WfB sowie zweier nichtbehinderter Künstler zeigte, hat sie lediglich ein Werk beigetragen: Eine Monotypie (l.), die sie stolz jedem Besucher der Finissage zeigt – und bei Bedarf auch die Technik erklärt, mit der das Bild entstand. Eine Scheu, auf hilde wittur_outsider-buch jo goertzfremde Menschen zuzugehen, scheint Hilde Wittur gänzlich fern zu sein. Sie ist die Entertainerin der Künstlergruppe. „So lebt Hilde nicht“, ist von David Permantier immer wieder zu hören, wenn von ihr und Erlebnissen mit ihr die Rede ist. In der Addition ergibt sich daraus ein Bild, wie Hilde lebt: Fröh- lich, offen, unternehmungslustig und „seit 20 Jahren alleine“, erklärt sie selbstbewusst und deutet auf das Buch „Outsider – Photography meets Artists“, das auch sie mit einer kleinen Fotostrecke portraitiert.

Dass Arbeiten von Hilde Wittur und den anderen Teilnehmern der Kunstwerkstatt immer häufiger in Galerien zu sehen sind, ist in erster Linie der Verdienst von Permantier. Daran, die Werke – versehen mit dem Etikett „Kunst von geistig Behinderten“ – in einschlägigen Sozialräumen zu zeigen, ist er nicht interessiert. Er will, dass sie einem breiten Publikum präsentiert und von dem gewürdigt werden, dass die Künst- ler Wertschätzung für ihr Schaffen erfahren und sich bestenfalls Käufer für die Bilder finden. „In Berlin gibt es aber leider keine große Offenheit bei den Galeristen“, be- dauert David Permantier, „obwohl die Erfahrung gezeigt hat, dass meine Leute neben normalen Künstlern bestehen können.“ Vor fünf Jahren nahmen die Kunstwerkstatt-fördergruppe mosaik_schillerpalais neuköllnMitglieder an einer Ausschreibung teil, ohne ihren Behinderten-Status zu er- wähnen: Drei der Lebenshilfe-Künstler wurden von einer Jury für die Ausstel- lung ausgewählt. „Einen Bonus hatten sie also nicht, aber den wollen sie auch nicht“, weiß David Permantier. Klaus Eichner vom Schillerpalais hat einen gänzlich anderen Blick auf die- sen Aspekt, beurteilt ihn im Ergebnis aber genauso: „Viele unserer Besucher wuss- ten sicher vorher nicht, dass die Bilder im vorderen Raum der Galerie von geistig behinderten Künstlern sind.“ Umso überraschter, sagt er, seien etliche gewesen, als sie es erfuhren.

Hilde Witturs Werk gehört nicht zu denen, die bei der Finissage mit einem roten Punkt markiert sind, der „verkauft!“ bedeutet. An ihrer guten Laune kann das nicht kratzen. „Selbstverständlich“, sagt David Permantier, „freuen sich alle, wenn sie mit der Kunst etwas verdienen, weil ja auch Geld ein Zeichen von Anerkennung ist.“ Aber im End- effekt gehe es niemandem von ihnen ums Einnehmen, sondern vor allem ums Rauslassen: „Durch das Malen öffnen sie oft unbemerkt Türen zum eigenen Unter-bewusstsein und bringen zu Papier, was sie selber nie hatten.“ Das wiederum könne Fenster der Kommunikation und des Verständnisses öffnen – zwischen denen, die mental retardiert sind, und jenen, die als normal gelten.

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