Kein Schubladenprojekt: Architekturstudenten denken eine städtebaulich schwierige Ecke Neuköllns neu

flughafenstraße_hermannstraße_neukölln„Broadway Neukölln“ steht nicht nur auf einem Image-Magazin, das die [Aktion! Karl-Marx-Straße] jährlich herausgibt. Es steht auch in großen Lettern und unter Zugabe eines Pfeils, der in Richtung Karl-Marx-Straße weist, auf der Fassade eines Hau- ses in der Flughafenstraße. Alles andere als schil- lernd wirkt dagegen die Umgebung, die von einer fleckigen, beschmierten Brandmauer und Imbiss- Buden dominiert wird.

Das könnte sich nun in mehr oder weniger ab- sehbarer Zeit ändern. Seitens des Landes Berlin, zu dessen Liegenschaftsfonds das Eckgrundstück vor der Giebelwand sowie das verwilderte Areal mit der Adresse Flughafenstraße 41 gehören, werde derzeit die Vergabe von letzterem vorbereitet, weiß Thomas Helfen liegenschaftsfonds berlin_flughafenstr 41_neuköllnvom Quartiersmanagement Flughafenstra- ße: „Und dabei soll nicht der Meistbietende den Zuschlag bekommen, sondern der Investor, dessen Konzept den größten Nut- zen für das Quartier beinhaltet.“ Zudem werde Wert auf eine Auseinandersetzung mit dem Ort, genau genommen: dem Nachbargrundstück, gelegt, das einst für eine neu-apostolische Kirche erbaut wurde und seit geraumer Zeit als Moschee und Kulturzentrum vom NBS Neuköllner Begegnungsstätte e. V.  genutzt wird.

Alles in allem sei es durchaus eine schwierige Ecke, der man nicht mit einer 08/15-prof bernd huckriede_studentenausstellung boddinhaus_neuköllnLösung beikommen könne, bestätigt auch Prof. Dr. Bernd Huckriede (r.). Er ist Leiter des Lehrstuhls Entwerfen, Wohn- und So- zialbauten an der BTU Cottbus und hat Architekturstudenten bei einer Semester-arbeit betreut, deren Aufgabe die städte-bauliche Neuordnung des Bereichs Flug- hafen-/Hermannstraße war. Verbindungen zwischen dem QM Flughafenstraße und Huckriede gebe es schon lange durch verschiedene gemeinsame Projekte, erklärt Thomas Helfen. Insofern führte die Anfrage des Professors nicht auf Neuland, als er von einem Wettbewerb des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) berichtete und sich erkundigte, welche Brache im Quartier geeignet wäre, für einen BMFSFJ-thomas helfen_qm flughafenstraße neuköllnWettbewerb zum Thema „Altersgerech- tes Wohnen“ beackert zu werden.

Rund 30 Arbeiten lieferten die Architek-turstudenten ab, zwei davon wurden für die Teilnahme am Wettbewerb von einer Jury ausgewählt. Zusammen mit drei weiteren Entwürfen werden diese nun im Büro des Quartiersmanagements ausgestellt. „Ich bin sehr zufrieden mit den Arbeiten“, hält Thomas Helfen (l.) fest. Ausschlaggebend dafür sei, dass einerseits bei allen die Moschee in die Planungen einbezogen und andererseits die Erhaltung der soziale Mischung im Kiez berücksichtigt wurde. „Als das QM hier vor sechs Jahren eingerichtet wurde, spielte das Thema Wohnen wegen des hohen Leerstands bei unserer Arbeit noch keine Rolle“, berichtet Helfen. „Inzwischen haben wir 700 Einwohner mehr und insbesondere familiengerechte 1_studentenentwurf boddinhaus_flughafenstraße neuköllnWohnungen sind im Kiez kaum noch zu finden.“

„Es wäre schön, wenn sich aus den Entwürfen mit dem Arbeitstitel Boddinhaus etwas ergeben würde“, hofft 2_studentenentwurf boddinhaus_flughafenstraße neuköllnBernd Huckriede. Der Quartiersmana- ger indes ist bereits jetzt sicher, dass sie nicht als Schub- ladenprojekt enden, sondern Grundlage für die Diskussion über die Weiterentwicklung dieser schwierigen Ecke werden.

Bereits vor zwei Jahren hatte sich auch Harry Gerlach, der Chef des gleichnamigen Immobilienunternehmens und Besitzer des Broadway Neukölln-Hauses, Gedanken darüber gemacht, wie eine „optisch reizvolle Entreesituation“ an der „städtebaulich markanten Kreuzung“ geschaffen werden könnte. Sogar die Möglichkeit des Er- werbs der vor seinem Grundstück liegenden Landesflurgrundstücke, „die wohl mal für eine Straßenverbreiterung vorgesehen waren“, hatte Gerlach dem Neuköllner Stadtplanungsamt in Aussicht gestellt. Ergebnis der Korrespondenz war jedoch nicht die von Gerlach angestrebte konstruktive Diskussion: Ein Mitarbeiter der Behörde empfahl ihm stattdessen lediglich, „bei der Farbgestaltung von Gebäudefassaden zurückhaltender vorzugehen“. Diskutieren könne man frühestens, sobald er Eigen- tümer der Grundstücke sei. „Dazu“, vermutet Thomas Helfen, „wird es nicht kommen.“

Die Ausstellung „Boddinhaus – Wohnen an der Flughafenstraße“ ist  noch bis zum 6. Dezember während der Öffnungszeiten des QM-Büros (Mo. – Do. 10 – 13 + 14 – 18 Uhr, Fr. 10 – 14 Uhr) in der  Erlanger Straße 13  zu sehen.

=ensa=