Gedenkstätte für ein vernichtetes Neuköllner Paradies

kleingartenanlage handinhand_2_neuköllnBagger rollten vor einem Jahr über die ehe- malige Kleingartenanlage Hand in Hand an der Pfüger-/Ecke Rütlistraße. Sie sollten auf dem bis dahin 33 Parzellen beherbergenden Gelän- de mehr Platz schaffen für das Neuköllner Vor- zeige-Bildungsprojekt Campus Rütli. Gestern lud der Campus zum Tag der offenen Tür. Am Rand wiesen Laubenpieper darauf hin, dass bis heute noch niemand der Öffentlichkeit sagen kann, was einmal auf dem geräumten Gelände ihrer ehemaligen Klein- gartenanlage entstehen wird. Aus Protest dagegen enthüllten sie für ihr vernichtetes kleingartenanlage handinhand_1_neuköllnParadies eine Gedenkstätte.

Ernst-Ludwig von Aster, ehemaliger 2. Vor- sitzender von Hand in Hand, steht auf einer umgedrehten Kiste und hält eine kurze, aber bewegende Rede: „Die Kolonie Hand in Hand ist nicht friedlich entschlafen. Sie hat sich aufgebäumt bis zum Schluss“, sagt er vor einem guten Dutzend Zuhörern. Mehr als 2.000 Anwohner hätten für sie unterschrieben, damit dieses grüne Paradies solange bestehen bleiben könne, bis auf dem Gelände wirklich etwas gebaut wird. Doch die Bezirkspolitik habe auf ein möglichst schnelles Ende des Kleinods hingearbeitet. „Heute“, beklagt von Aster, „wissen wir immer noch nicht, was auf dem Gelände entstehen soll. Werkstätten? Sind wahrscheinlich zu teuer. Ein Sportplatz, ein Spielplatz oder doch nur ein Park- kleingartenanlage handinhand_3_neuköllnplatz?!“. Von einem Planungen für ein Mehrgenerationenhaus habe er in der Presse gelesen: Baubeginn frühes- tens 2016, und die Finanzierung des Betriebs sei noch unklar.

Obwohl die 1935 auf einem Schutt-gelände gegründete Kleingartenan- lage (KGA) zu den kleineren Anlagen in Berlin gehörte, wuchs sie in 77 Jahren bis 2012 zum Paradies inmit- ten eines typischen Berliner Wohnge- bietes. Sie war ein besonderes soziales Biotop, in dem Kleingartenpächter aus den unterschiedlichsten Gesellschaftskreisen, Berufen und Altersgruppen, die oft in der direkten Umgebung lebten, sich kennen lernten und dabei erfuhren, wie sie am besten miteinander umgehen können. Die KGA Hand in Hand leistete so einen wich- tigen Beitrag zur Erhöhung der Lebens- und Aufenthaltsqualität im oft schwer kleingartenanlage handinhand_4_neuköllnge- beutelten Neuköllner Norden. Seit einem Jahr liegt dieses kleine Paradies in Trümmern.

„Warum“, fragen die ehemaligen Pächter der grünen Idylle, „gab es keine Moderation, keine Verhandlun- gen auf Augenhöhe und keine Einbeziehung der Gärtner in die Planung?“ Zukunftsfähig und weit- blickend sei dieses Vorgehen nicht, kritisiert der Sprecher. Grundsätzlich anders hätten sich früher die Kleingärtner verhalten: Als vor 77 Jahren  zwischen Pflüger-, Rütli- und Ossastraße die ersten Parzellen anlegt wurden, sei Schritt für Schritt eine Klein- gartenkolonie langsam und organisch gewachsen. Jetzt würden wir das genaue Gegenteil erleben. Ein Projekt beginne nicht klein, sondern groß, wolle nicht langsam wachsen, sondern schnell. Alles sei aufgesetzt und nicht angepasst. „Kein verantwortungsvoller Gärtner“, ist sich Ernst-Ludwig von Aster sicher, „würde so seine Parzelle bestellen.“

=Christian Kölling=

2 Antworten

  1. Mit der sehr plötzlichen Entscheidung für den Campus Rütli – man erinnere sich an den „Eklat“ um den Brief der Rütli-Lehrer, die sich vom Bezirk und Senat völlig im Stich gelassen fühlten – war klar, dass so ein Unruhepotential wie die Kleingärtner dort nicht geduldet werden können – Idylle hin, Idylle her. Und schon gar nicht solche, die aufbegehren könnten. Und Moderation liegt dem Bezirksamt unter Herrn Buschkowsky nicht so besonders.
    Mit der Schule msste was geschehen – das war klar; die Republik betrachtete sie als ihre Aufgabe. Aber man hätte auch ganz andere nachbarschaftsverträgliche Modellvorhaben beginnen können – z.B. eine Schule, die offensiv die Gärten mit einbezieht. Seit der Entwicklung der „Interkulturellen Gärten“ weiß man, wie sehr gerade einer multi-diversen Nachbarschaft Gärten, Natur zum Anliegen werden können. Und Neukölln hat eine tolle Tradition von Schulgärten!

    Aber Umweltbewusstsein und Ökologie klingt nach Ärger für die Obrigkeit – also alles weg. So ist Neukölln. Als die „48 Stunden“ einen künstlerischen Schwerpunkt in der „Hand in Hand“ mit Kunstinstallationen entwickelten (der Räumungsprozess gegen die Kolonie lief gerade) wurde mit Entzug der Fördergelder durch das Bezirksamt gedroht.

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  2. Bravo Frau Kolland!
    Endlich Klartext und Aufdeckung der Abhängigkeitsverhältnisse …

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