„Das werden auch Sie nicht verhindern können!“

ich schmeiß alles hin und werd prinzessin-shirtEin Abend zum Mitreden über das Thema „Aufwer- tung für alle – geht das?“ sollte es werden. Dazu hatte zumindest das Quartiersmanagement Schillerprome- nade vorgestern im Rahmen seiner Woche des Be- suchs in die Neuköllner Genezareth-Kirche eingeladen. Doch dann wurde schnell klar, dass das Mitreden fürs Gros der Besucher schwierig werden und ein Dialog zwischen Podium und Publikum ob der gegenläufigen Ambitionen einer Störer-Gruppe kaum zustandekom- men dürfte.

Bunter, jünger, im Großen und Ganzen besser und multikultureller sei der Schillerkiez seit der Öffnung des Tempelhofer Felds geworden. Es gebe mehr Läden, Gastronomie, Parkplatznot und eingerüstete Häuser im Viertel, aber auch weniger Grün als früher auf der Prome- nade. Viele Leute seien  weggezogen, Arme  würden verdrängt  und neue Reiche  kä-

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men dazu. Alles habe sich verändert und verändere sich weiterhin. Die Meinungen derer, die in einem kurzen Film zur Einstimmung auf das Thema eingespielt wurden, gingen weit auseinander. Immerhin konnten sie sie äußern, ohne niedergebrüllt zu werden. In den Genuss kam sonst kaum jemand.

„Wir haben das Thema bewusst provokant formuliert“, stellte Moderator Florian Werkhausen fest. Sein Wunsch nach einer fairen Diskussion wurde schon Sekun- den, nachdem er ausgesprochen wurde, torpediert. Auch Werkhausens Plan, zu- nächst die Anwohner, Akteure sowie Vertreter von Politik und Wohnungswirtschaft auf dem Podium vorstellen zu wollen, passte nicht zum Vorhaben der Störer-Gruppe. Er wolle Ingo Malter (l.), den Geschäftsführer von Stadt und Land, vorstellen, forderte ein junger podiumsdiskussion_woche des besuchs im schillerkiez_neuköllnMann mit royalem Ehrgeiz laut- stark und ließ sich nicht wieder davon abbringen. Dass es Gegenteil einer Laudatio wurde, verstand sich von selber, denn in einer solchen ließen sich Schlagwörter wie Zwangsräu- mungen, Gentrifizierung, Kapitalis- mus und Diskriminierung schwerlich unterbringen. Das kommunale Immo- bilien-Unternehmen habe rund 8.000 Wohnungen in ganz Neukölln, etwa 400 im Schillerkiez und sei de facto profitorientiert aufgestellt, ergänzte Ingo Malter. „Ja, ich verdiene sehr gut“, umging er eine konkrete Antwort auf die Frage nach seinem Gehalt, „aber ich war das vierte von fünf Kindern einer Arbeiterfamilie. Sie müssen mir also nicht erzählen, was prekäres Wohnen ist.“ Wie Malter fand sich auch Neuköllns Bezirksstadtrat für das Ressort Bauen, Natur und Bürgerdienste in der Schusslinie der Kommunikationsbarbaren wieder. Sein Gehalt könne nachgelesen werden, ließ Thomas Blesing (r.) wissen, bevor er festhielt: „Wir haben hier im Schillerkiez in 14 Jahren Quartiersmanagement viel erreicht, aber ich will heute Abend keine Erfolge podiumsdiskussion aufwertungverkaufen, sondern will zuhören.“

Von Heike Thomas (r.) war zu erfahren, dass sie sich für das Bündnis bezahlbare Mieten Neukölln engagiere und selber seit der Verweigerung der Unterschrift für eine Modernisierung in einer „existenziell be- drohten Situation“ lebe. Dagmar Wischner (2. v. r., neben Florian Werkhausen) indes ist für das Neuköllner Büro der Bürgerhilfe Berlin tätig und hat dort vor allem mit den negativen Begleiterscheinungen der Aufwertung im Bezirk zu tun: „Eine bezahlbare Wohnung zu finden, wird immer schwieriger und immer mehr Leute haben Probleme, ihre Wohnung behalten zu können.“ Für die Perspektive der Anwohner auf die Veränderungen im Kiez saßen dagegen Horst Köhler (2. v. l.) und Marieke Piepenburg auf dem Podium: Letztere berichtete, dass sie erst seit einem halben Jahr in der Warthestraße lebe und dort insbesondere wegen der Aussicht gelandet sei, eine schöne Wohnung ohne Maklercourtage und Massenbesichtigungstermin zu finden. Köhler wiederum wohnt bereits seit 1968 im Viertel. „Ich habe schon in den 1990er Jahren eine ähnliche Problematik wie die aktuelle miterlebt“, sagte er und prog- nostizierte, dass sich derartige Wellen immer wieder wiederholen würden. „Das“, wandte er sich an die Störer, „werden auch Sie nicht verhindern können.“

Was die Gruppe allerdings verhinderte, war eine reibungslose Fortsetzung der Ver- anstaltung. „Beleidigungen gehen an diesem Ort gar nicht“, bemerkte Pfarrerin Elisabeth Kruse als Hausherrin, nachdem der Abend zum Mitreden für einige Minuten podiumsdiskussion_woche des besuchs schillerkiez_neuköllnunterbrochen worden war. Wer die Diskussion sinn- los finde, bat sie, solle doch freundlicherweise ge- hen. Danach keimte zumindest ansatzweise ein Mit- einander von Sprechen und Zuhören auf. „Bisher war die Veranstaltung außerordentlich ärgerlich, weil kaum über das eigentliche Thema geredet wurde“, fand eine Besucherin.

Wie es denn mit der sozialen Verantwortung der Politik aussehe, fragte ein Anwohner. Ein anderer wollte wissen, weshalb die vor rund 20 Jahren von der SPD mitbeschlossene Mileuschutzsatzung für den Schillerkiez wieder aufgehoben wurde. „Bei unserer sozialen Verantwortung geht es nicht nur um die Miethöhe, sondern auch um Bildung, Projekte und die Aufwertung des öffentlichen Raums“, entgegnete Stadtrat Blesing. Hin- sichtlich des Milieuschutzes, fuhr er fort, habe man feststellen müssen, dass er nicht die erwarteten Effekte gebracht habe: „Mieten sind über die Milieuschutzsatzung nicht steuerbar.“ Wesentlich erfolgreicher könnten in diesem Punkt die kommunalen Woh- nungsbau-Unternehmen agieren, ergänzte Ingo Malter: „Wir halten das vom Senat beschlossene Mietenbündnis ein und halten durch den Zukauf von Wohnung die Entwicklungstendenz auf, dass Privateigentümer in Häuser investieren und dann auf Teufel-komm-raus sanieren.“

Die Frage einer Anwohnerin, ob man denn nicht irgendetwas installieren könne, was die Mieter schützt, blieb unbeantwortet. Und auch über den von Malter angespro- chenen Aspekt, ob Wohnen ein Grundrecht oder ein Wirtschaftsgut sein sollte, wurde aus Zeitgründen nicht mehr gesprochen. Immerhin konnte aber noch die eigentliche Ausgangsfrage des Abends, ob Aufwertung für alle möglich sei, geklärt werden. „Nein!“, ist Thomas Blesing überzeugt, andere wirkten ähnlich pessimistisch.

Heute um 18 Uhr wird die Woche des Besuchs mit einer Veranstaltung im Café Jule (Kienitzer Str. 93) fortgesetzt: Bei „Herkunft – Ankunft – Zukunft“ erzählen drei  Anwohner von  ihrer  Zeit  im Schillerkiez.

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