Vergangenheitssuche in der Gegenwart

„Das hätte ich nicht gedacht“, sagt sie staunend. Was die Frau sieht, mag so gar nicht zu dem passen, was sie erwartet hatte. „Wenn im Fernsehen über Neukölln berichtet wird, dann ja auch manchmal über die Geschwindigkeit, mit der sich der Bezirk ver- herbst_neuköllnändert“, erklärt sie und streicht über den Handlauf des Trep- pengeländers. „Daher hatte ich geglaubt, dass nichts mehr ist, wie es früher war und mir mein alter Kiez wie ein fremder vorkommt.“

Aber so sei es ja gar nicht, stellt sie erleichtert fest. Das ver- gitterte Fenster zum Hof, das Treppengeländer, die verzierten Holztafeln, auf denen die Klingeln neben den Wohnungstüren angebracht sind. „Das gab es auch alles schon, als wir von 1944 bis 1954 hier wohnten.“ Ihr Großvater habe damals einen Laden im Haus gehabt: „Sogar das Schild über dem Schaufenster ist noch da.“ Da der Rost ihm stark zugesetzt hat, muss man inzwischen aber sehr genau hingucken, um den Schriftzug zu erkennen. „Nebenan war eine Kohlenhand-lung“, erinnert sich die Frau. Plötzlich ist die Vergangenheit wieder ganz nah. „Würde mir jemand sagen, dass ich vor fast 50 Jahren zuletzt hier im Hausflur gestanden hab, wür- de ich den für verrückt erklären.“ Schauermann habe der da- malige Hausmeister geheißen. Auch er habe kräftig mit angepackt, als 1944 während des 2. Weltkriegs eine Brandbombe im Dach des Hinterhauses gelandet war und das Haus zu zerstören drohte: „Weil alle Nachbarn beim Löschen geholfen haben, konnte das Schlimmste verhindert werden und wir wurden nicht obdachlos, so wie viele der Mieter aus dem Haus gegenüber.“ In der selben Nacht legten Bomben die Genezareth-Kirche in Trümmer.

Die Rentnerin, die Berlin und Neukölln längst den Rücken gekehrt hat, macht noch ein paar Fotos, um ihren Kindern und Enkeln zeigen zu können, wo sie einen Teil ih- rer Kindheit und Jugend verbrachte. „Eine harte Zeit war das, aber auch eine schö- ne“, sagt sie. „Auf der Promenade haben wir immer Murmeln und Seilhüpfen ge- spielt.“ Es wäre immer noch möglich.

=ensa=