Tür ist offen!

2_seniorentheatergruppe sultaninen_nachbarschaftsheim neuköllnMit Frau Yildirim hat Kerstin Schneider leichtes Spiel. Die Tür zur Wohnung der gehbehinderten Rentnerin steht – wie meistens – offen. Deshalb muss die Wohnberaterin nicht mal klingeln, um Frau Yildirim den Umzug in eine schöne, sonnige Wohnung mit allem Komfort schmackhaft zu machen. Um sie herum würden nur Menschen ihrer Peergroup leben, schwärmt Kerstin Schnei- der. Weil Frau Yildirim aber mit dem Begriff nichts anzufangen weiß und sich ihre Zukunft in einer Biergruup weder vorstellen kann noch will, spricht die Wohnberaterin dann doch das Wort „Alten- heim“ unverblümt aus. Wenig später ist der Ver- trag unterschrieben, der Umzug besiegelt, und der Luxus-Sanierung der Wohnung seniorentheatergruppe sultaninender Rentnerin steht nichts mehr im Weg.

Was in diesem Falle nur Theater und eine Schlüssel- szene des aktuellen Bühnenstückes „Wir bleiben alle?“ einer Neuköllner Laienspielgruppe ist, dürfte so oder so ähnlich Alltag in vielen Berliner Kiezen sein. Das war vor sieben Jahren, als sich Die Sultaninen im Nachbarschaftsheim Neukölln als inter-kulturelle Seniorentheatergruppe gründeten und schließlich im Mai 2008 mit dem 1_seniorentheatergruppe sultaninen_nachbarschaftsheim neuköllnStück „Die türkische Hochzeit“ debütierten, noch anders.

Für „Wir bleiben alle?“ hat sich das Ensem- ble, das von der Theaterpädagogin und Regisseurin Hülya Karci betreut wird, der Methode des Forumtheaters nach Augusto Boal bedient. Denn es geht in dem Stück ebenso um Gentrifizierung und Verdrän- gung wie um Unterdrücker und Unterdrückte. Ausgangspunkt ist eine bunt zusam- mengewürfelte Hausgemeinschaft sozial Benachteiligter, die im Laufe von Jahren und Jahrzehnten zum nachbarschaftlichen Miteinander fand. Das soll nun samt der Pläne der Mieter, die allesamt in ihrem Haus bleiben wollen, durch eine ameri- kanische Investorin (r.) 3_seniorentheatergruppe sultaninen_nachbarschaftsheim neuköllnund ihre Helfershelfer zer- schlagen werden, weil nur eine leere Immobilie im Sinne des Profits eine gute Immobilie ist.

Doch so leicht, wie die Investorin sich die Sache vorgestellt hatte, wird es nicht. Lukrative Ange- bote, die die Mieter zur Aufgabe ihrer Wohnungen bringen sollen, laufen ins Leere. Während Frau Yildirim sich dem Druck und den Verheißungen gebeugt hat, blasen die anderen Mieter zum Widerstand. Bei einer eilig einberufenen Haus- versammlung wird der Grundstein für das weitere gemeinsame Vorgehen und den Kampf für Menschenrechte und -würde sowie gegen Rendite-Ambitionen gelegt. Sogar an die Wirkung einer überzeugenden Körpersprache wird dabei gedacht: Ein im Haus  lebender Performance-Künstler erteilt  seinen Nachbarn  einen Crash-Kurs,

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der sie befähigen soll, besonders vehement und unnachgiebig zu erscheinen. Am Schluss sieht sich die Investorin beim Vorort-Termin mit ihrer Maklerin einer auf- gebracht demonstrierenden Menge gegenüber. Die Hoffnung, es mit käuflichen Indi- viduen zu tun zu haben, ist vollends zerschlagen – Unterdrückte und Unterdrücker stehen sich auf Augenhöhe gegenüber, drauf und dran die Seiten zu wechseln.

Der Schlussapplaus bedeutet zwar das Ende des Stückes, ist aber zugleich Auftakt zu einer Diskussion mit dem Publikum. Wie sollte man sich in einer solchen Situation verhalten? Was sollte man keinesfalls tun? Frau Yildirim, sind sich alle einig, habe mit ihrer offenen Tür alles falsch gemacht.

Am 20. November spielen „Die Sultanien“ ihr Stück „Wir bleiben alle?“ um 10.30 Uhr im Haus des älteren Bürgers (Werbellinstraße 42, Neukölln).

Die  Proben sind  freitags (der Termin am 18.10. fällt aus, d. h. die nächste Probe ist am 25. Oktober) von 10.30 bis 13 Uhr im Nachbarschaftsheim Neukölln. Mitspieler sind herzlich willkommen.

=ensa=